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StartseiteEuropa heute"Ich kann mich ja nicht so ausdrücken wie vor 60 Jahren"13.11.2019

Tänzerin Rafaela Carrasco"Ich kann mich ja nicht so ausdrücken wie vor 60 Jahren"

Geschichten erzählen mit Tanz: Rafaela Carrasco choreographiert die Lebenswege starker Frauen mit den Mitteln des Flamenco. Neue Ausdrucksformen zu etablieren, sei schwierig. Versuche man etwas Neues, heiße es immer: "Das ist kein Flamenco."

Von Hans-Günter Kellner

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Die Flamencotänzerin Rafaela Carrasco bei einer Aufführung mit ihrer eigenen Kompanie auf der Flamenco-Biennale in Sevilla, 2008 (AFP / Cristina Quicler)
Die Tänzerin und Choreographin Rafaela Carrasco mit ihrer Kompanie bei der Flamenco-Biennale in Sevilla (AFP / Cristina Quicler)
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Barfuß tanzt Rafaela Carrasco auf einer fast leeren, dunklen Bühne. Sie trägt ein langes, rotes Kleid, ihr langes Haar ist zu einem Zopf gebunden. Auf der rechten Seite der Bühne eine alte Kiste. Immer wieder bewegt sie sich darauf zu und wendet sich dann wieder ab. Doch schließlich öffnet sie die Truhe. Während in schummrigem Licht drei weitere Flamenco-Tänzerinnen auftreten, holt sie zwei Schuhe aus der Kiste und zieht sie sich an. Es beginnt ein tänzerisches Spiel zwischen den vier Frauen auf der Bühne.

"Ich begann mit dem Tanz mit sechs Jahren in einer Akademie unseres Dorfes. Bei uns im Dorf, in der Nähe von Sevilla, tanzen die Kinder alle Sevillanas. Auf den Fiestas, in der Familie. Ich habe nie aufgehört zu tanzen", sagt Rafaela Carrasco später in der Kantine des Konservatoriums María de Ávila in Madrid, wo sie unterrichtet.

Geschichten erzählen mit dem Flamenco

Ihre aktuelle Choreographie handelt von vier heute fast vergessenen Frauen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, von ihrem Streben nach Wissen und Freiheit in einer von Männern geprägten Welt: Die Mystikerin Teresa von Ávila, die Schriftstellerin María de Zayas, die Schauspielerin María Calderón und die mexikanische Dichterin Juana Inés de la Cruz. Es ist aber auch ein sehr persönliches Werk, offenbart die Choreographin:

"Das war eine Reise zu mir selbst. Ich war drei Jahre lang Direktorin des andalusischen Balletts. Das ist ein großes Ensemble, es zielt auf ein anderes Publikum, es ist das Schaufenster Andalusiens. Als ich die Leitung abgab, musste ich mich ein wenig selbst suchen. Ich tauche einerseits gern tief in Themen ein, andererseits ist der wirtschaftliche Druck mit meinem Ensemble viel größer. Diese Frauen haben mir sehr geholfen, den Ursprung meiner Kunst zu finden."

Flamencotänzerin Rafaela Carrasco (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)Rafaela Carrasco in der Kantine des Konservatoriums María de Ávila in Madrid (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)

Die Choreographin grüßt vom Tisch aus immer wieder mit einem fröhlichen Winken Gitarristen oder Schüler, die in die Cafeteria kommen, und erzählt weiter. Ihr Werk interpretiert jede der vier Protagonistinnen mit einem anderen Tanz. Teresa von Ávila wirkt introvertiert. Kokett und sinnlich dagegen eine einst berühmte Schauspielerin aus dem 17. Jahrhundert

"Am meisten hat mich María La Calderona überrascht. Eine Künstlerin, eine Schauspielerin am Theater Corral de la Cruz in Madrid. Sie war die Geliebte von König Philipp IV. Obwohl sie auch die Mutter des Prinzen Juan José de Austria war, ist sie heute praktisch unbekannt. Sie hat sogar einen Tanz kreiert, la Danza de la Marizápalos. Eine sehr interessante Frau."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Flamenco - Identität und Gefühl".

Anders als im Deutschland oder England des 17. Jahrhunderts waren Frauen zu dieser Zeit auf den spanischen und italienischen Bühnen erlaubt. Doch als María Calderón Philipp IV. lästig wurde, musste sie ins Kloster gehen.

"Wenn die Frauen stören, ist es immer noch leicht, sie mundtot zu machen. Das sieht man doch an vielen Orten der Welt, dass sie aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Es ist leicht, sich ihrer zu entledigen, wenn sie zu viel Aufmerksamkeit erregen."

Skepsis gegenüber neuen Elementen

Fragmente eines fiktiven Briefes werden während der Tanzaufführung  verlesen. Er handelt von Stärke, Mut und Eigenständigkeit. Das Stück wird damit zum Appell. Dennoch meint Carrasco:

"Mein Anliegen war nicht, Rechte einzufordern. Ich wollte auf der Bühne die Geschichte dieser vier Frauen erzählen. Sie gehörten zur künstlerischen Avantgarde ihrer Zeit, heute sind sie fast unbekannt. Sie stehen stellvertretend für viele Frauen in der Geschichte. Damit ist die Frage der Gleichberechtigung natürlich ein Thema des Stücks. Aber ich wollte nichts einfordern, ich wollte etwas zeigen. Insofern ist es kein feministisches, aber ein sehr feminines Werk."

Sie selbst habe sich in ihrem Schaffen nie diskriminiert gefühlt, betont sie. Rafaela Carrasco ist 1972 geboren, sie gehört damit zu einer Generation von Bailaores mit neueren Vorstellungen darüber, wie Flamenco auf die Bühne zu bringen ist. Sie hat zahlreiche Preise für ihre Choreographien bekommen, doch die ersten Kritiken waren schonungslos, erinnert sie sich:

"Das war schon immer so, seit es den Flamenco gibt. Wenn man etwas Neues macht, heißt es: 'Das ist kein Flamenco, das ist moderner Tanz, das ist der Tod des Flamenco.' Inzwischen haben das Publikum und die Kritiker gelernt, unsere neue Bühnensprache zu verstehen. Aber gut, die ersten Jahre waren hart. Aber ich kann mich ja nicht so ausdrücken wie die Bailaores vor 60 Jahren. Ich lebe in einer ganz anderen Wirklichkeit, ich kann die Augen und Ohren zuhalten, aber ich kann mich von meiner Umgebung nicht isolieren."

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