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StartseiteEine WeltChiang Kai-sheks umstrittenes Erbe23.12.2017

Taiwans VergangenheitsbewältigungChiang Kai-sheks umstrittenes Erbe

Taiwans junge Demokratie tut sich schwer mit der Haltung gegenüber dem allein herrschenden Ex-Präsidenten Chiang Kai-shek. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod hat das Land die Diktatur noch nicht aufgearbeitet.

Von Klaus Bardenhagen

Touristen-Attraktion: der Wachwechsel vor der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle (Deutschlandradio / Klaus Bardenhagen)
Touristen-Attraktion: die Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle. (Deutschlandradio / Klaus Bardenhagen)
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Stiefel knallen auf den Boden. Junge Soldaten mit spiegelblanken Stahlhelmen wirbeln ihre Gewehre herum, mit aufgepflanztem Bajonett. Es ist Wachwechsel in der Chiang-Kai-Shek-Gedenkhalle in Taipeh.

Hunderte Touristen verfolgen mit gezückten Smartphones die Zeremonie. Die Halle ist eine der größten Sehenswürdigkeiten in Taiwans Hauptstadt und fehlt in keinem Reiseführer.

Geschichtsprofessorin Hua Yih-fen hat sich unter die Menge gemischt.

"Die Touristen sehen sehr gerne diese Szenen, aber für uns ist diese Welt schon sehr weit entfernt. Für unsere Demokratie müssen wir umdenken."

Das Problem ist Chiang Kai-shek selbst. Seine riesige Bronzestatue thront in der Halle, die man nach seinem Tod 1975 mitten ins Stadtzentrum gebaut hat. Das 70 Meter hohe Bauwerk könnte auch das Mausoleum eines chinesischen Kaisers sein, und der Platz davor hat nordkoreanische Ausmaße.

Präsident Chiang Kai-shek sitz in einem Sessel und blicke auf eine Globus, der neben ihm steht. Aufnahme vom 11.11.1972. (imago)President Chiang Kai-shek regierte bis zu seinem Tod 1975 teils diktatorisch (Archivbild 1972) (imago)

Auf den Spuren von Chiang Kai-sheks Leben

Zu Lebzeiten herrschte der glatzköpfige General hier unangefochten per Kriegsrecht und Polizeistaat. Doch schon vor mehr als 20 Jahren hat Taiwan sich zur Demokratie gewandelt. Immer mehr Taiwaner denken wie Hua Yih-fen, die Deutsch spricht, weil sie in Köln studiert hat.

"Man kann nicht sagen, wir machen jetzt Politik, demokratisieren, aber auf der anderen Seite behalten wir dieses Symbol der Diktatur."

Doch die Ausstellung über Chiang Kai-sheks Leben in der Ehrenhalle ist wie eine Zeitreise. Uniform und Säbel wie Reliquien in verstaubten Vitrinen präsentiert. Schwarz-Weiß-Fotos von Treffen mit Staatsmännern, Ölgemälde. Personenkult in Reinkultur. Kein kritisches Wort, kein Hinweis auf die Diktatur. Wer nur diesen Ort sieht, bekommt leicht einen Eindruck wie diese beiden Touristinnen aus Europa:

"Die Halle ist wunderschön, sie respektieren ihn wohl sehr. Echt beeindruckend."

"Ja, es sieht so aus, dass sie ihren Präsidenten wirklich lieben."

Expertenkommission soll Vorlschläge für die Halle machen

Hua Yih-fen: "Das ist wirklich nur Propaganda, das ist historisch nicht wahr. Die Erzählungsweise über ihn in dieser Halle muss geändert werden. Das ist der erste Schritt, den wir wirklich machen sollten."

Und genau das soll passieren. Taiwans aktuelle Regierungspartei ist aus der Demokratiebewegung hervorgegangen. Viele ihrer älteren Anhänger waren während der Herrschaft Chiangs und seines Sohnes verfolgt und eingesperrt worden. Nun soll eine Expertenkommission Vorschläge machen, wie es mit der Halle weiter geht. Professorin Hua ist auch dabei.

Viele jüngere Taiwaner sehen Chiang besonders kritisch. Sogar solche, deren Vorfahren einst mit ihm zusammen nach Taiwan gekommen waren. So wie Philip Wen. Sein Großvater war 1949 vom chinesischen Festland auf die Insel geflohen. Damals hatte Chiang mit seiner Kuomintang-Partei den Bürgerkrieg verloren.

"In der Schule hieß es bei mir noch, ihr seid gute kleine Chinesen, und China ist Euer Mutterland. Erst später habe ich durchs Internet erfahren, dass die Kuomintang den Krieg in China verloren und dann hier viele tausend Taiwaner umgebracht hat. Es war alles eine Lüge. Nun steht die Gedenkhalle noch immer hier, für einen Diktator. Das kann doch nicht sein."

Besucher schauen sich die Exponate in der Chiang Kai-shek-Gedenkhalle an. (Deutschlandradio / Klaus Bardenhagen)Eine riesige Bronzestatue von Chiang Kai-shek thront in der Halle. (Deutschlandradio / Klaus Bardenhagen)

In der Zentrale der Kuomintang, heute Taiwans größte Oppositionspartei, hängen auch Bilder von Chiang Kai-shek. Hier sehen sie ihn noch immer als bedeutende historische Figur. Parteisprecher Gary Huang erklärt:

"Zu der Zeit herrschte noch immer Bürgerkrieg zwischen Taiwan und dem Festland. Nur deshalb gab es das Kriegsrecht, es war notwendig. Man kann nicht aus heutiger Sicht beurteilen, ob das legal war oder nicht. Jede Zeit hat ihre eigenen Umstände, und es wäre nicht fair, heutige Maßstäbe anzulegen."

Auch wenn die Kuomintang sich längst zur Demokratie bekannt hat, bleibt ihre Vergangenheit eine offene Flanke. Huang vermutet, die Regierung wolle mit Reformen wie der Expertenkommission zur Chiang Kai-shek-Halle vor allem die politische Konkurrenz schlecht aussehen lassen.

Gary Huang: "Wir hoffen, dass die Regierung wirklich ihr Versprechen hält, und dass die Kommission eine offene Debatte führt. Und dass sie es nicht nur jetzt vorschiebt, und später, wenn Wahlen anstehen, daraus politisches Kapital schlagen will."

Hua Yih-fen: "In Taiwans Gesellschaft herrscht Misstrauen gegeneinander. Und für uns das ist sehr wichtig, dieses Misstrauen zu heilen."

Die Gesellschaft ist gespalten

Auch nach Jahrzehnten hat Taiwan seine Diktatur nicht wirklich aufgearbeitet. Nach wie vor ist die Gesellschaft gespalten. Einige würden die Gedenkhalle am liebsten abreißen. Für andere ist Chiang ein Nationalheld.

Hua Yih-fen sagt, ihrer Kommission gehe es nicht darum, eine Lösung von oben zu verordnen. Sie organisiert Diskussionsforen, damit alle Seiten überhaupt erst einmal miteinander reden, sich ein bisschen besser verstehen und am Ende einen Weg finden, mit dem alle leben können. Das Ziel sei Aussöhnung.

"Die Leute auf der Basis der Demokratie miteinander als ein Volk zusammenzubringen. Die historische Wunde zu heilen. Einander zu verstehen, das ist sehr wichtig für uns."

Und es geht nicht nur um die Gedenkhalle. Politische Archive öffnen, Unrechtsurteile aufheben, Verantwortliche benennen – das sind die nächsten Schritte. Die Gesetze dazu hat Taiwan nun beschlossen.

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