Trend zur Erwachsenentaufe
Junge Erwachsene auf dem Weg zu mehr Religiosität

In Frankreich haben sich im Jahr 2025 mehr als doppelt so viele Erwachsene taufen lassen wie noch wenige Jahre zuvor. Auch in Deutschland steigen die Zahlen - wenn auch nicht so drastisch. Ein Blick auf die Ursachen.

Von Elena Hong |
    Ein katholischer Priester spricht mit einem jungen Taufbewerber in Frankreich. Zu sehen ist die Hand des Priesters auf dem Arm des jungen Mannes.
    Ein katholischer Priester spricht mit einem jungen Taufbewerber in Frankreich (Imago / godong)
    Über 17.400 Menschen haben sich 2025 in Frankreich in der Osternacht taufen lassen – so viele wie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002 nicht mehr. Besonders auffällig: Es sind vor allem 18- bis 25-Jährige, die sich für den katholischen Glauben begeistern lassen. 
    Auch in Deutschland, Österreich und Großbritannien steigen die Zahlen der Erwachsenentaufen. Was führt junge Leute wieder in die Kirchen? Handelt es sich um eine echte Trendwende oder nur um ein vorübergehendes Phänomen? 


    Wie viele Erwachsene lassen sich in Frankreich und Deutschland taufen? 

    Seit 2023 hat sich die Zahl der Erwachsenentaufen in Frankreich mehr als verdoppelt. Während sich die Taufen in den Jahren zuvor durchschnittlich auf 4.200 pro Jahr belaufen haben, stieg die Zahl 2025 auf fast 10.400 Erwachsene, hinzu kommen über 7.400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren. Manche Medien sprechen von einem „Taufboom“.  
    Grafik zeigt die Anzahl der Erwachsenentaufen in katholischen Kirchen in Frankreich von 2016 bis 2025. 2021 gab es dort 3639 Taufen, 2025 10384 Taufen.
    In Frankreich lassen sich immer mehr Erwachsene katholisch taufen (Deutschlandradio / Andrea Kampmann )
    Die französische Bischofskonferenz hat die Taufbewerber genauer analysiert. Erstmals bilden die 18- bis 25-Jährigen die größte Gruppe – sie haben die 26- bis 40-Jährigen überholt. Fast ein Drittel sind Studierende, die Mehrheit stammt aus einfachen Verhältnissen. Der Anstieg ist vor allem in Städten zu beobachten, dreiviertel der Täuflinge kommen aus dem städtischen Raum, besonders viele Taufen gab es in den Großräumen Paris und Marseille. 
    Die meisten Taufbewerber kommen aus christlichen Elternhäusern, allerdings wächst auch der Anteil derjenigen, die aus konfessionslosen Haushalten stammen. Zudem hat sich der Anteil der vom Islam zum Katholizismus Konvertierten von drei auf fünf Prozent erhöht. Die Zahlen stammen aus Meldungen der Diözesen – unabhängig überprüfen lassen sie sich nicht. 
    Im Vergleich zu Frankreich fallen die deutschen Zahlen deutlich bescheidener aus. 2024 ließen sich rund 2000 Erwachsene katholisch taufen. Dennoch gibt es auch hierzulande einen leichten Anstieg, besonders in Ostdeutschland. Die Bistümer Berlin, Magdeburg, Dresden-Meißen und Hamburg verzeichnen einen Zuwachs an Erwachsenentaufen. Dort werden allerdings auch weniger Kinder getauft. 

    Was muss man tun, damit man katholisch getauft wird?

    Die Taufe ist eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche und symbolisiert die Aufnahme in die katholische Gemeinschaft. Um getauft zu werden, muss eine Anmeldung beim örtlichen Pfarramt erfolgen. Eine Taufvorbereitung – „Katechese“ – dauert meist anderthalb bis zwei Jahre. In dieser Zeit lernen die Bewerber und Bewerberinnen die Grundlagen des christlichen Glaubens kennen und treffen sich regelmäßig mit einem Mentor. Meist erfolgt die Taufe in der Nacht zu Ostern, zusammen mit der Firmung und Eucharistie.  

    Was motiviert die erwachsenen Täuflinge? 

    Eine Umfrage der katholischen Zeitung "La Croix" unter rund 1.000 französischen Täuflingen der vergangenen Osternacht gibt Aufschluss über die Beweggründe. Über die Hälfte gab eine spirituelle Erfahrung als Hauptmotiv an. Viele suchen nach Sinn, etwa ein Fünftel nennt die Begegnung mit Priestern oder Gläubigen als ausschlaggebend. Ebenso viele verfolgen den Wunsch, „die christlichen Wurzeln Frankreichs zu entdecken“ – ein Hinweis auf kulturelle Selbstvergewisserung. In den französischen Vorstädten ist der Islam sehr präsent. Kirchenvertreter warnen in diesem Zusammenhang vor traditionalistischen Kreisen, die versuchen, junge Menschen für identitäre oder extrem-rechte Ideen zu vereinnahmen. 
    Der französische Religionssoziologe Philippe Portier spricht davon, dass die katholische Kirche jungen Menschen ein normatives Fundament in einer unsicheren Gesellschaft biete. Die Corona-Pandemie, Kriege, soziale Spannungen und psychische Belastungen haben den Wunsch nach Orientierung verstärkt. Auch die sozialen Medien tragen dazu bei: Auf Instagram, TikTok und Co. teilen christliche Influencer Glaubenszeugnisse, was die Sichtbarkeit religiöser Themen erhöht.

    Bremst der Trend den Mitgliederschwund der Kirchen? 

    Weil es in Frankreich keine Kirchensteuer und damit auch keine landesweite Mitgliedererfassung gibt, lassen sich die Zahlen über die französischen Kirchenmitglieder nur schätzen. Schätzungen gehen von 20 bis 40 Millionen Katholiken in Frankreich aus. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Katholiken in Frankreich ist die Zahl der Erwachsenentaufen sehr gering, sie liegt bei unter 0,1 Prozent. Statistisch gesehen eine sehr kleine Minderheit, die nichts daran ändert, dass auch die französische Kirche jährlich schrumpft. 
    Zudem ist die französische Kirche mit einem zweiten Trend konfrontiert: Die Praxis der Säuglings- und Kindertaufe ist in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen. Viele Eltern überlassen ihren Kindern bewusst die Entscheidung. Die Erwachsenentaufen stellen gewissermaßen einen Nachholeffekt dar. 
    Auch in Deutschland schrumpft die römisch-katholische Kirche weiterhin – Kindertaufen, Firmungen und kirchliche Beerdigungen gehen zurück. Die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung belegt, dass religiöse Praktiken rückläufig sind. 
    Der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster sieht daher in dem Anstieg von Erwachsenentaufen kein Ende der Säkularisierung. Der entscheidende Bruch liege zwischen den heute über 70-Jährigen und jüngeren Generationen. Während ältere Menschen mehrheitlich traditionell glaubten und kirchlich gebunden seien, zeigten Jüngere ein „verflüssigtes Bild von Religion", so Pollack. Viele Menschen glaubten heute nicht mehr an einen persönlichen Gott, sondern an ein höheres Wesen oder eine kosmische Macht. Sie bezeichneten sich eher als spirituell denn als religiös.  
    Grafik zeigt die Anzahl der Taufen in katholischen Kirchen in Deutschland von 1980 bis 2024. 1990 gab es 299796 Taufen, 2020 nur 104610 Taufen.
    Immer weniger Menschen werden in Deutschland katholisch getauft (Deutschlandradio / Andrea Kampmann )
    Gleichzeitig zeigen die Erwachsenentaufen, dass Religion auch in säkularen Gesellschaften nicht verschwindet, sondern sich verändert. Sie wird individueller. Für junge Menschen sei heute weniger das klassische Gemeindeleben entscheidend, sagt der Religionssoziologe Jan Loffeld. Es gehe ihnen mehr um persönliche, als authentisch erlebte Glaubenserfahrungen, Halt durch Identität und Tradition als etwas, das über das eigene Leben hinausgehe. 
    Nightfever in der St. Bonifatius Kirche in Herne. Auf einer langen Unterlagen befinden sich viele entzündeten Teelichter, im Hintergrund ein Altar
    Als Nightfever werden regelmäßige kirchliche Veranstaltungen bezeichnet, bei denen Interessierte beten, singen und miteinander sprechen können. Hier in der St. Bonifatius Kirche in Herne. (IMAGO / Funke Foto Services / Jonas Richter )
    Um den Mitgliederschwund langfristig zu bremsen, müsste der Trend zur Erwachsenentaufe weiter Fahrt aufnehmen – und insbesondere von Dauer sein. Der Soziologe und Priester Jan Loffeld ist da skeptisch – auch mit Blick auf seine eigene biografische Erfahrung beim Weltjugendtag 2005 in Köln:
    „Wir dachten damals, das wäre die Trendwende. Die Kirchen waren voll, viele ließen sich taufen. Aber nach zwei Jahren war der Hype wieder vorbei.“ Es sei daher zu früh zu sagen, ob es sich um eine Trendwende handelt. Dafür müssten die nächsten zwei bis drei Generationen religiöser sein als die vorherigen. Für eine zuverlässige Einschätzung muss die Entwicklung der Taufzahlen und die Religiosität von Jugendlichen weiter erforscht werden.