Mittwoch, 01. Februar 2023

Kommentar zu Kirchenaustritten
Kirchen sollten in ihre Basis investieren

Volle Kirchen an Weihnachten täuschen: Beide großen Konfessionen dürften in diesem Jahr einen neuen Austrittsrekord verzeichnen. Der Trend lässt sich nur durch eine Machtverschiebung stoppen - hin zur Basis, kommentiert Rainer Brandes.

Ein Kommentar von Rainer Brandes | 26.12.2022

Stadtdechant Robert Kleine leitet die Christvesper im Kölner Dom am Heiligen Abend, Besucher mit Weihnachtsmütze
Kirche sollte die örtlichen Gemeinden stärken, denn sie haben viel Bindekraft, kommentiert Rainer Brandes. Im Bild: Christvesper im Kölner Dom (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Und, saßen Sie an diesem Heiligen Abend mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Kirchenbank? Mit einer drängenden Frage im Kopf? Nämlich der Frage: Was mache ich hier eigentlich? Kann ich es noch mit meinem Gewissen vereinbaren, an einer Veranstaltung teilzunehmen, deren Veranstalter in diesem Jahr fast alles dafür getan hat, jedes Vertrauen zu verspielen? Oder sind Sie in diesem Jahr eben genau deshalb zum ersten Mal ganz bewusst nicht mehr in die Kirche gegangen?

Echte Reformen? Nicht mit Papst Franziskus!

Zumindest viele Katholikinnen und Katholiken waren an diesen Weihnachten mit dieser Frage konfrontiert. Denn ihre Kirche hat es ihren Mitgliedern in diesem Jahr wirklich nicht leichtgemacht: Gegen den Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki ermittelt die Staatsanwaltschaft. Trotzdem lässt ihn der Papst weiter im Amt. Der Synodale Weg – der Reformprozess der deutschen Katholischen Kirche – steckt in einer Sackgasse. Echte Reformen werden da entweder von einer bischöflichen Sperrminorität blockiert oder spätestens in Rom abgeschmettert. Klarer als je zuvor hat Papst Franziskus in diesem Jahr deutlich gemacht, was er von einer demokratisch verfassten Kirche ohne Geschlechtsdiskriminierung hält: nämlich nichts. Es gebe ja schon eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Man brauche nicht zwei von ihnen. So zitierte Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, vor wenigen Monaten den Papst nach einem persönlichen Gespräch mit ihm über deutsche Reformideen.
Nein: Es ist völlig klar: Mit diesem Papst wird es keine Frauen als Priesterinnen geben, keine Mitbestimmung der Basis bei Bischofswahlen und auch der Zwangszölibat für Priester wird bleiben – und mit ihm die patriarchalische, sexualitätsfeindliche Lehre der Katholischen Kirche, die seit Jahrhunderten einen perfekten Nährboden für sexualisierte Gewalt bildet. Kein Wunder, dass die Menschen dieser Kirche in Scharen davonlaufen.

Rekord-Austrittszahlen bei Kirchen beider Konfessionen

Mit einer Einschätzung hat der Papst allerdings Unrecht: So gut, wie er glaubt, ist die Evangelische Kirche in Deutschland nicht – jedenfalls nicht aus Sicht ihrer Mitglieder. Schon im Jahr 2021 sind aus beiden großen Kirchen so viele Menschen ausgetreten wie seit 30 Jahren nicht mehr: fast 360.000 aus der Katholischen und 280.000 aus der Evangelischen Kirche. Für 2022 liegen noch keine abschließenden Statistiken vor. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa unter größeren Städten von Mitte Dezember aber legt nahe, dass der Rekord des vergangenen Jahres gebrochen werden dürfte – und zwar von den Mitgliedern beider Konfessionen.
Warum ist das so? Erstens: Wenn die Katholische Kirche von Skandalen erschüttert wird, wird die Evangelische Kirche in Mithaftung genommen. Wer eh schon lange mit dem Gedanken an einen Austritt gespielt hat, wird durch die öffentliche Diskussion daran erinnert und vollzieht dann eben den Schritt. Zweitens: Die Evangelische Kirche arbeitet Missbrauchsfälle in ihren eigenen Reihen keineswegs besser auf als die Katholische. So hatte im vergangenen Jahr die Evangelische Kirche in Deutschland ihren Betroffenenbeirat einseitig ausgesetzt. Und drittens: Heute muss – von kirchlich Beschäftigten einmal abgesehen – niemand mehr in der Kirche bleiben, der oder die nicht bewusst dahintersteht. Das ist in einer pluralen, offenen Gesellschaft eben so.

Persönlicher Kontakt zu Pfarrerin oder Pfarrer zählt

Eines aber sollte den Kirchenoberen zu denken geben: Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen viel seltener aus der Kirche austreten, wenn sie einen persönlichen Kontakt zu den Pfarrerinnen und Pfarrern vor Ort haben, wenn sie das Engagement direkt spüren. Die logische Konsequenz daraus wäre eigentlich, die örtlichen Gemeinden zu stärken. Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil. Pfarrstellen werden gestrichen, Gemeinden zusammengelegt – und das in einer Zeit, in der die Kirchensteuereinnahmen dank der guten Konjunktur der letzten Jahre fleißig sprudelten. Von denen aber kommt nur gut ein Drittel bei den Gemeinden an. Der Rest fließt an die Landeskirchen und Bistümer beziehungsweise andere übergeordnete Stellen. Das ist ein Missverhältnis, das dringend umgedreht gehört.
Die Kirchen wären gut beraten, jetzt, da sie noch ausreichend Geld haben, massiv in ihre Basis zu investieren und ihren amtskirchlichen Überbau zu verkleinern. Das wäre eine echte Machtverschiebung. Denn: Auch in der Kirche ist der wichtigste Machtfaktor das Geld.