Samstag, 18. Mai 2024

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Terror im Irak
"Dreiteilung ist die einzige Chance"

Drei große autonome Gebiete gibt es im Irak. Das Land könne nur überleben, wenn es eine Dreiteilung in ein kurdisches, ein sunnitisches und ein schiitisches Gebiet vollziehe, sagte Nihad Salim Qoja, Bürgermeister der nordirakischen Stadt Erbil, im Deutschlandfunk.

Nihad Salim Qoja im Gespräch mit Friedbert Meurer | 16.06.2014
    Qoja sagte, dass es im Norden eine zwiespältige Situation gebe. Die Militanten würden Unterstützung von einigen Bürgern erfahren, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht worden seien.
    Kirkuk, südlich von Erbil, sei derweil von kurdischen Soldaten eingenommen worden, um das Gebiet vor Militanten zu schützen. Die Stadt stehe nun unter kurdischer Kontrolle. "Und das wird wohl so bleiben", sagte Qoja. Der Irak habe nur eine einzige Möglichkeit, zu überleben - und zwar durch eine Dreiteilung. "Das Land muss von drei großen autonomen Gebieten regiert werden." Ein kurdisches Gebiet im Norden, ein von Sunniten regiertes im Westen und eines für Schiiten im Süden - das sei bereits jetzt Realität.

    Das Interview in voller Länge:
    Friedbert Meurer: Seit zehn Jahren ist der Irak faktisch dreigeteilt. Schiiten und Sunniten bekämpfen sich bis aufs Blut. Die Sunniten fühlen sich unterdrückt von der schiitisch dominierten Regierung. Die Kurden drittens haben ihre eigene autonome Region Kurdistan. Zentrum Kurdistans ist die Stadt Erbil. Sie liegt nur etwa 90 Kilometer von Mossul entfernt. Der Bürgermeister Erbils kommt aus Bonn, heißt Nihad Salim Qoja. Ich habe ihn heute Morgen zunächst gefragt: Wie viele Menschen sind aus Mossul nach Erbil geflüchtet?
    Nihad Salim Qoja: Erstens: Erbil liegt im Osten von Mossul in einer Entfernung von knapp 95 Kilometern. Wir haben seit einer Woche oder vielleicht ein bisschen mehr als einer Woche Dutzende Flüchtlinge aus Mossul. Erst mal kamen Familien rein, die sind zugelassen worden. Die meisten Flüchtlinge aber leben weit von der Stadt entfernt, weiter in Richtung Dohuk, weil das liegt nahe zur Mossul-Grenze. Andere große Teile, ungefähr 70 bis 100.000 Flüchtlinge, leben in Ortschaften außerhalb der Stadt Erbil.
    "Es ist ein Aufstand der Suniten"
    Meurer: Fühlen Sie sich in Erbil, Herr Qoja, von den militanten Islamisten von Isis bedroht?
    Qoja: Nein, überhaupt nicht. Erst mal ist die Front sehr, sehr weit von Erbil. Zweitens: Die Militanten von Isis sind mehr in der Stadt Mossul. Von Anfang an wussten wir, dass es überhaupt keine Gefahr ist, weil wir sind nicht Zielscheibe von diesen Militanten. Es ist mehr oder weniger – ich möchte mich hier sehr, sehr vorsichtig ausdrücken -, es ist ein Aufstand der Sunniten, weil es sind nicht nur Militante in diesem Aufstand beteiligt, sondern viele Menschen haben die Nase voll von der Zentralregierung, wie die Menschen dort von der Zentralregierung behandelt werden. Deswegen haben diese Militanten in kurzer Zeit diese Gebiete erobert, mit Unterstützung der Einwohner und der Bevölkerung.
    Qoja: Lage in Mossul ist "nicht ganz klar"
    Meurer: Sie sprechen von einem Aufstand der Sunniten, Herr Qoja. Nun sehen wir allerdings Bilder, die die Gotteskrieger ins Internet stellen, wo sie Dutzende, wenn nicht Hunderte irakische Soldaten hinrichten, liquidieren. Gibt es nicht Informationen aus Mossul, dass es da zu Gräueltaten kommt?
    Qoja: Bis jetzt nicht. Aber wir haben genau wie Sie im Internet gesehen, wie die Menschen dort erschossen wurden, meistens die Soldaten, die dort damals stationiert waren. Aber wie ich gesagt habe, ich wiederhole es noch mal: Es gibt militante Gruppierungen in Mossul, aber die meisten Menschen sind sehr, sehr friedlich, die dort leben. Die unterstützen diese Gräueltaten nicht. Aber irgendwie waren die auch sehr, sehr betroffen von der Regierung. Das ist eine zwiespältige Situation zurzeit, was wir erleben. Bis jetzt ist die Lage noch nicht ganz ruhig, ganz klar. Man weiß nicht, was in der Zukunft auf diese Menschen zukommt.
    Meurer: Wir hören hier, dass kurdische Soldaten die Stadt Kirkuk eingenommen haben, weil dort die irakische Armee auch geflüchtet ist. Da stellt sich jetzt die Frage, haben die Kurden Kirkuk gerettet vor Isis, oder haben sie die Situation genutzt, sich die Stadt einzuverleiben in die autonome Region?
    Qoja: Nein. Wo das Militär die Lager geräumt hat, sind die kurdischen Truppen vorgerückt, um die Sicherheit zu gewährleisten: Erst mal für die Menschen, zweitens, damit wir auch diese Region vor diesen Militanten schützen. Natürlich: Dadurch ist ein Vakuum zustande gekommen. Kurdische Gebiete waren unkontrolliert, da mussten wir auch vorrücken, um diese Menschen zu retten. Natürlich sind damit die gesamten beanspruchten Gebiete von uns "befreit" worden, oder sie stehen jetzt unter politischer Kontrolle.
    Meurer: Wird das so bleiben mit Kirkuk unter kurdischer Kontrolle?
    Qoja: Es wird so bleiben. Wir werden uns keinen Zentimeter zurückziehen. Damit ist die Situation bereinigt. Wir haben immer gesagt seit ein paar Jahren, dass Irak die einzige Möglichkeit hat zu überleben. Das heißt, Irak muss von drei großen, wie sagt man, autonomen Gebieten regiert werden, die Region Kurdistan, im Westirak die Sunniten und im Südirak die Schiiten.
    Qoja: Politischer Zustand ist nicht mehr zu ertragen
    Meurer: Bedeutet das faktisch, Herr Qoja, eine Dreiteilung und eine Zerschlagung des Irak in eine autonome Region der Kurden, der Sunniten und Schiiten?
    Qoja: Genau! Realität ist das zurzeit. Wie wir sehen, Irak besteht aus drei autonomen Gebieten. Darum müssen wir auch versuchen mit einer Hauptstadt in Bagdad, die diese Gebiete in einer Art und Weise verwalten kann oder regieren kann.
    Meurer: Werden sich kurdische Kämpfer, Herr Qoja, daran beteiligen, jetzt an der Gegenoffensive der irakischen Regierung gegen Isis?
    Qoja: Nein. Wir sind nicht in der Lage und wir werden das nicht machen, solange die Bagdader Regierung keine Hilfe ruft, denn wir haben vor zwei Monaten die Regierung in Bagdad davor gewarnt, dass im Westirak, in Mossul, in sunnitischen Gebieten ein Zustand ist, ein sozialer, politischer Zustand ist, wo man nicht mehr ertragen kann. Wir wussten oder wir haben es geahnt, dass irgendwann mal es zu einer solchen Situation kommen wird.
    Meurer: Aber auch wenn Sie sagen, Sie hören noch nicht unbedingt etwas von Gräueltaten in Mossul, das Ziel von Isis ist es, einen Gottesstaat und eine Scharia auszurufen. Wäre es da nicht die Pflicht der Kurden zu helfen, das zu verhindern?
    Qoja: Ich sage noch mal: Wenn die Isis uns attackieren, natürlich wir werden uns wehren. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, von hieraus nach Mossul zu gehen und dort diese Leute zu bekämpfen, solange die Zentralregierung in Bagdad nicht zur Hilfe ruft.
    Außerdem: Die Situation ist sehr, sehr gefährlich zurzeit. Man weiß nicht, wer in Mossul zurzeit die Oberhand hat und wer regiert. Aber wir hören von vielen Menschen, dass die Militanten die Bürger nicht berühren. Das heißt, die stören deren Leben nicht. Die sind zurzeit, wie wir das mitbekommen, konzentriert auf gefangene Soldaten, die dort geblieben sind, und die Soldaten oder die Beamten, die damals mit der Regierung kooperiert haben.
    Meurer: Nihad Salim Qoja war das heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Er ist Bürgermeister der Stadt Erbil. Dort ist auch der Sitz der Regierung der autonomen Region Kurdistan. Herr Qoja, danke schön nach Erbil und auf Wiederhören!
    Qoja: Auf Wiederhören! Grüße nach Deutschland!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
    DIE TERRORGRUPPE ISIS

    Die Organisation "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum. ISIS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe "Tawhid und Dschihad" hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Die Gruppe griff im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land.

    Sunnitischer Großstaat

    Erster Anführer war der Jordanier Abu Mussab Al-Sarkawi. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Seit Mai 2010 steht der Iraker Abu Bakr Al-Bagdadi an der Spitze der Isis. Deren zweiter Name "Islamischer Staat im Irak und der Levante" verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

    An Macht gewann die Isis, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Vor allem im Nordosten Syriens greift Isis syrisch-kurdische Städte an und tötet die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Isis vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung unter Nuri Al-Maliki mit den sunnitischen Parteien des Landes.

    Durch Wegzölle finanziert

    Isis finanziert sich unter anderem durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.