Sonntag, 29.03.2020
 
Seit 15:05 Uhr Rock et cetera
StartseiteTag für TagRumorende Debatten im Netz18.02.2020

Theologie bei Facebook, Twitter und Co.Rumorende Debatten im Netz

Manche Journalisten und Politiker kehren den sozialen Medien den Rücken. Im Gegensatz dazu entdecken etliche Menschen aus Theologie und Kirche die Kanäle erst allmählich für sich. Was halten Medienethiker davon? Finger weg - oder rein ins Getümmel?

Von Burkhard Schäfers

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Silhouette einer Frau, die ein Smartphone in den Haenden haelt, ist am 08.01.2015 in Berlin vor dem Symbol eines Hashtags des sozialen Netzwerks Twitter zu sehen. (dpa / picture / Franziska Gabbert)
Manche Akteure aus Theologie und Kirche entdecken die sozialen Medien erst allmählich für sich (dpa / picture / Franziska Gabbert)
Mehr zum Thema

Kirchen und Kommunikation Mensch, erhöre uns!

Evangelische Kirche im Netz Digitale Kirchtürme

Theologie im Netz Vom Hörsaal aufs Handy

Religion im Netz Zu viel Blut, zu viel Sünde

Hate-Speech Theologisches Gegengift fürs Netz

Kirchen im Netz "Herzhafteres Umarmen der digitalen Möglichkeiten"

Michael Blume ist Wissenschaftler, ein Experte für Religionsfragen. Jahrelang nutzte er seine Kanäle auf Facebook und Twitter, um Forschungsergebnisse darzustellen und zu diskutieren, etwa zum Islam oder zu den Folgen von Antisemitismus. Selbst wenn Blume immer wieder persönlich angegriffen wurde, hielt er mit Fakten dagegen. Bis er vor einigen Wochen entschied, seine Aktivitäten in den Netzwerken ruhen zu lassen.

Denn Social Media schade mehr als das es nütze, sagte der Religionswissenschaftler im SWR: "Ich muss das leider so sagen: Die digitalen Medien befördern Rassismus und Antisemitismus ganz stark. Und da will ich schon fragen: Wie lange wollen wir das eigentlich noch mitmachen als Gesellschaft?"

Michael Blum, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, sitzt in einem weißen Hemd vor weißem Hintergrund und gestikuliert mit der rechten Hand. ( Bernd Weissbrod/dpa)Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, will nicht mehr auf Social-Media-Kanälen aktiv sein ( Bernd Weissbrod/dpa)

Ein profilierter Religionswissenschaftler, der in Baden-Württemberg zudem Beauftragter gegen Antisemitismus ist, kehrt Facebook und Twitter den Rücken - weil er deren Geschäftsmodell nicht länger befördern will.

Je zugespitzter und radikaler die Beiträge, desto mehr Zeit würden die Menschen bei Social Media verbringen, erklärt Michael Blume: "Ich will nicht länger Facebook und Twitter, diese Konzerne, füttern, die davon leben, dass sie Menschen emotionalisieren. Wir sind nicht die Kunden, wir sind das Produkt. Unsere Aufmerksamkeit wird durch möglichst hohe Emotionalisierung an sich gezogen  und dann wird Werbung verkauft. Also aus diesem Bereich müssen wir raus, sonst machen wir unsere Gesellschaft irgendwann völlig kaputt."

Viele Menschen aus Kirchen und Theologie könnten aus dem Beispiel des Religionswissenschaftlers nun schlussfolgern, dass sie sich am besten überhaupt nicht im Internet zu Wort melden. Damit aber hätten sie Blume missverstanden. Der schreibt jetzt stattdessen alle paar Tage Debatten-Beiträge auf seinem Wissenschaftsblog.

"Viel mitteilen in wenigen Zeichen"

Und wie steht es um die Präsenz in Social Media-Kanälen? Religion gehöre genauso auf Facebook, Instagram oder Twitter wie andere Themen, sagt Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der katholischen Münchner Hochschule für Philosophie: "Die Kirchen tun gut daran, so schnell wie möglich in die Social Media und in die digitalen Kommunikationskanäle zu gehen. Das ist die Verantwortung und der Auftrag von Kirche, die Botschaft weiterzugeben. Und dazu hat Kirche schon immer neue Kommunikationsmittel genutzt. Ich verstehe nicht, warum da so eine große Zurückhaltung ist."

Theologinnen und Theologen seien auf Social Media deutlich unterrepräsentiert, stellt Medienethiker Filipovic fest. "Man kann die Welt, in der wir leben, nicht verändern von der Tribüne aus, sondern nur vom Spielfeld selber aus. In dieser Perspektive hätten Christinnen und Christen sogar die Verantwortung, an diesen Orten zu sein und ihre Geschichte zu erzählen. Die digitale Kommunikationswelt gehört verändert, aber das sollten wir nicht von außen machen, sondern von innen."

Manche indes meinen: Komplexe religiöse Fragen ließen sich nun einmal nicht in wenigen Zeichen oder mittels bunter Bilder darstellen.

"Wenn man sich die Seligpreisungen anguckt – das ist ein gutes Beispiel dafür – die sind so kurz, dass sie wunderbar in Tweets passen. Also das stimmt einfach nicht, das ist einfach eine Fähigkeit zu kommunizieren, die man ausbilden muss. Man kann natürlich einen komplizierten Zusammenhang nicht in 210 Zeichen packen, das ist klar. Aber man kann eben doch viel mitteilen in wenigen Zeichen. Das muss man üben, das muss man selber gemacht haben. Es gibt ja auch Leute im Raum von Kirche, die das können und täglich machen. An denen muss man sich dann ein Beispiel nehmen."

"Da sein, wo die Menschen sind"

Etwa an Jonas Goebel: Der Hamburger Pastor twittert, wenn er Freiwillige für eine Gemeinde-Aktion sucht, sich auf den Super Bowl freut, oder über seine Erlebnisse im Supermarkt. "Meine These – die ist nicht von mir, leuchtet mir aber ein: Menschen folgen Menschen – und nicht irgendjemandem, der irgendwo ist, nur um zu werben oder um eigentlich nur die Leute in die Kirche zu treiben. Ich war da auch, bevor ich Pastor war, und versuche, das auf einer natürlichen Ebene mit einfließen zu lassen."

"So wie ich versuche, hier vor Ort möglichst präsent zu sein, und wir Plakate aufhängen oder einen Gemeindebrief schön machen und verteilen, da erschließt sich mir nicht, warum wir die Grenze beim Digitalen ziehen sollten, wieso wir nicht genauso eine schöne Website haben sollten, einen Newsletter oder auf Social Media unterwegs sind. Denn wir haben ja ein ureigenes Interesse, da zu sein, wo die Menschen sind und wollen in Kontakt treten. Ich google auch, wann der Döner-Mann gegenüber zumacht. Und meine Friseurin macht per WhatsApp mit mir den Termin ab. Mein Leben spielt sich einfach in weiten Teilen digital ab, und das geht ja vielen Menschen so", sagt Goebel.

"Polarisierung schaukelt sich hoch"

Was sich durch die Internet-Kommunikation grundlegend verändert, ist das Verständnis von Autorität: In der hierarchisch verfassten katholischen Kirche wird in der Regel von oben nach unten kommuniziert. Auf Facebook indes steht der Kanal der Ministrantin neben dem des Bischofs, sagt Medienethiker Alexander Filipovic.

"Letztlich glaube ich, dass es dazu führt, dass Hierarchie anders verstanden werden muss. Dass also Autorität nicht mehr von der Institution verliehen wird, sondern dass Autorität sich in der Kommunikation zeigt und ergibt. Wenn ich mit jemandem spreche, und ich glaube ihm und nehme ihn als authentisch wahr, dann hat dieser Mensch für mich Autorität. Dann glaube ich ihm, dann folge ich ihm, dann lasse ich mich inspirieren. Und das, glaube ich, wird sich im Zuge der neuen Kommunikationsmittel durchsetzen."

Und was ist mit Hass und Hetze in den Netzwerken? Eine verbreitete These lautet, die Auseinandersetzungen im Digitalen schadeten dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Falschmeldungen und Propaganda zersetzten die Demokratie. Medienethik-Professor Filipovic weist darauf hin, dass Medienwirkungen schwierig zu erforschen seien. Es sei aber relativ gut belegt, dass sich die vorhandene Polarisierung der Gesellschaft durch mediale Kommunikation verstärke.

"Das schaukelt sich hoch, das wird unterstützt durch die Social Media. Aber die Social Media sind nicht Auslöser für eine Polarisierung. Sondern das hängt, glaube ich, auch einfach mit den Problemen in der Gesellschaft zusammen, die wir haben. Also etwa Umwelt, Religion – das sind ja immer die Themen, wo es dann drunter und drüber geht. Ich glaube, die Möglichkeiten, dass das zum Guten der Gesellschaft ist, sind alle da. Es kommt darauf an, wie wir die nutzen."

"Die Realität ist der Dissens"

Und noch etwas sagt der Digitalexperte: Ziel von Debatten, die Menschen im Netz austragen, sei es nicht, in erster Linie, Konsens herzustellen. Im Gegenteil: "Konflikt ist einer der zentralen Modi von Internet-Interaktion. Wir müssen versuchen, mit Dissensen vernünftig umzugehen. Die müssen festgehalten werden, an Dissensen muss weitergearbeitet werden, Dissense müssen aber auch mal so stehen bleiben können. Das ist alles nicht einfach, weil gerade die Kirche immer so auf Einstimmigkeit aus ist – wir müssen als Einheit auftreten. Aber die Realität ist der Dissens."

Passend dazu lautet die Antwort auf die Ausgangsfrage: raus aus Social Media oder rein? Die Fachwelt streitet darüber – Ausgang offen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk