Mittwoch, 15.07.2020
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteBüchermarktVom Rohen und Geistigen 26.05.2020

Thomas Wolfe: "Eine Deutschlandreise"Vom Rohen und Geistigen

Zwischen 1926 und 1936 reiste der junge amerikanische Autor Thomas Wolfe sechs Mal nach und durch Deutschland. In seine lebenslange Begeisterung für das Land und seine Geistesgrößen mischt sich dabei auch immer wieder Unverständnis. Seine Texte im Buch "Eine Deutschlandreise" zeugen davon.

Von Ulrich Rüdenauer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der US-amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe (www.imago-images / Courtesy Everett Collection)
"Kähne voll großer, fetter Fresser und Säufer" - Thomas Wolfe über die Deutschen, die er trotzdem mochte (www.imago-images / Courtesy Everett Collection)
Mehr zum Thema

Colin Firth über Maxwell Perkins "Er hat sich in diesen Thomas Wolfe verliebt"

Thomas Wolfe Am Leben entlang

Die Faszinationskraft ist gewaltig und zunächst gar nicht so recht zu erklären. Als der Amerikaner Thomas Wolfe 1926 erstmals nach Deutschland reist, ins Land seiner Vorfahren, fühlt er sich merkwürdig angezogen. Und zugleich abgeschreckt. Seine Idiosynkrasien melden sich unverblümt zu Wort, manchmal steigern sie sich zu einem wahren Ekel, wenn es um Äußerlichkeiten geht.

"Der rasierte Schädel eines Hunnen scheint oberhalb seines Nackens abgesägt und passgenau aufgesetzt worden zu sein, der gezahnten Speckfalten wegen."

Und auch ein Jahr später sticht ihm die Physiognomie des teutonischen Mannes böse ins Auge, wie er in einem Brief berichtet:

"Es gibt eine Sorte Deutscher – junge Herren mit Duellnarben im Gesicht und ältere mit rasierten Kugelköpfen, Schweinsäuglein und drei Wülsten über dem Kragen hinten –, die ich wirklich, wirklich nicht mag!"

1928, in einem Kölner Café sitzend, tauchen sie wieder auf, diese Figuren wie aus einer Zeichnung von George Grosz:

"…neben mir – die schrecklichen Fresssäcke – die Deutschen in ihrer unerfreulichsten Erscheinungsform – die speckige bebrillte Frau, die die ganze Zeit ernsthaft lachte über die Witze eines riesigen Fettwansts ohne Kragen mit grellem Schlips."

Aber nach und nach überwiegt doch die Zuneigung für dieses merkwürdige Volk, das der junge amerikanische Autor in der Zwischenkriegszeit kennenlernt:

"Meine Hochachtung und Sympathie für die Deutschen wächst. Für die glatzköpfigen, schweren Kolosse unter ihnen werde ich mich zwar nie erwärmen, aber die armen, einfachen Leute finde ich ausgesprochen ehrlich und freimütig."

Deutschland – eine Liebesgeschichte

Es ist eine nicht ganz konfliktfreie Liebesgeschichte, von der wir da lesen – mit allen Höhen und Tiefen, die eine Liebe so durchläuft. Thomas Wolfe, der zwischen 1926 und 1936 Deutschland sechs Mal besucht und zusammengerechnet acht Monate im Land verbringt, ist auf seltsame Weise eingenommen und berührt von den Landschaften und Menschen, auf die er dort stößt. Nicht dass er, was er vorfindet, immer begreifen könnte. Aber verstehen will er es doch unbedingt, das "wahre Deutschland".

"Da ist einerseits diese rohe, bierselige Menge, und andererseits frage ich mich, ob es in irgendeinem anderen europäischen Volk mehr Geistesgröße gibt als in diesem."

Zwischen diesen beiden Polen – dem Rohen und dem Geistigen – bewegt auch er sich auf seiner Grand Tour d‘Allemagne: Immer wieder notiert er, was er in den Schaufensterauslagen der Buchhandlungen entdeckt. Er besucht das Goethe-Haus in Frankfurt. Und ausgerechnet dort stolpert ihm der damals schon berühmte James Joyce über den Weg. Es kommt sogar zu einem kurzen, belanglosen Dialog.

"Er wollte nett sein, und ich erstarrte in Ehrfurcht vor ihm."

Thomas Wolfe besucht Museen, er ist beeindruckt von den mittelalterlich geprägten Städten. Und von den hübschen Mädchen. Er kommt viel herum, logiert in Stuttgart und München, Köln und Mainz, Oberammergau und Freiburg, Leipzig und Berlin. In späteren Jahren, als sein erster Roman "Schau heimwärts, Engel" 1932 in Deutschland ein großer Erfolg ist, wird er in Intellektuellenkreisen herumgereicht wie eine Berühmtheit und von seinem Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt fürstlich hofiert. Es sind vielfältigste Eindrücke, die er verarbeiten muss.

"Bahnhofsplatzbauarbeitengesellschaftverein"

Immer wieder streut er in seine Aufzeichnungen deutsche Wörter ein – nicht immer ganz korrekt, aber charmant und entlarvend, wie es übrigens auch Samuel Beckett getan hat in seinen Deutschland-Tagebüchern: "Ach Gott", liest man da, oder "Gansbraten", "Frauleins" natürlich, und auch mal ein Monster-Kompositum wie "Bahnhofsplatzbauarbeitengesellschaftverein".

Dem Rohen wird er nicht nur ansichtig, er lernt es am eigenen Leib bei einem Oktoberfest-Besuch kennen. Sturzbetrunken gerät er in eine Schlägerei, die etwas Archaisches in ihm freisetzt. Es ist fast, als würde er in diesem Moment all die Wut, die in diesem Land schlummert, nicht nur provozieren, sondern im Rausch auch in sich selbst zum ersten Mal wahrnehmen. Ungefährlich ist das nicht. Ein Bierkrug zerschellt am Dickkopf des körperlich imposanten Thomas Wolfe.

"München hat mich beinahe umgebracht. Es hat mir den Kopf mit Narben übersät, die Nase gebrochen und mich zu guter Letzt in zehn elenden Sekunden auch noch mit einer mörderischen Erkältung geschlagen, die mir wie Feuer in den Nasenflügeln brannte und dann wie ein saurer Kloß im Hals stecken blieb."

Der Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich hat die verschiedenen literarischen Zeugnisse von Wolfes Deutschlandreisen nun in einem schönen, abwechslungsreichen Band zusammengestellt: Notizen, Postkarten, Briefe und fiktionale Erzählungen wechseln sich ab und kommentieren sich gegenseitig. Was oftmals grob und in Eile von Wolfe ins Notizbuch geschrieben wird, arbeitet er in langen Briefen etwa an seine Geliebte und Förderin Aline Bernstein oder seinen Freund und Lektor Maxwell E. Perkins aus. Die dritte Stufe der Verarbeitung: ein langer Zeitschriftenartikel und drei Novellen.

Europa – ein Vulkan

Vor allem die letzte dieser Geschichten mit dem Titel "Nun will ich Ihnen was sagen" ist bedeutsam. Nicht nur, weil sie in leicht veränderter Form in seinen Roman "Es führt kein Weg zurück" Eingang gefunden hat. Sondern auch, weil sie einen Wandel in Thomas Wolfes Verhältnis zu Deutschland markiert. Das war noch Mitte der 30er relativ ungebrochen.

Zugleich sieht er ja durchaus, dass sich etwas sehr Unheilvolles zusammenbraut. Einmal bemerkt er, dass Europa einem Vulkan gleiche, "erfüllt von giftigem und verdichtetem Hass jeglicher Art", einem Vulkan, "der jeden Moment auszubrechen droht". Er stellt schon ein Jahr später fest, wie Freunde, mit denen er noch bei seinen vorhergegangenen Besuchen unbedarft zusammentreffen konnte, zögerlich werden. Wie seine Bekanntschaften abgeklopft werden auf Gesinnung oder Herkunft.

"Die Pestilenz des Vorjahres hatte sich ausgebreitet und verschlimmert, sodass sich innerhalb der Spanne von bloß einem Jahr kein einziger unter meinen alten Bekannten nicht merklich angesteckt hätte und befallen worden wäre. Die Anzeichen von Zwang und Angst waren überall noch deutlicher zu erkennen, sobald man den Kontakt mit jenen Leuten wieder aufnahm, die man gekannt hatte."

Und schließlich die Entfremdung

Die Novelle "Nun will ich Ihnen was sagen" – Oliver Lubrich führt das in seinem Nachwort präzise aus – ist die Frucht dieser Wahrnehmung von Angst und Zwang. Sie ist auch das literarische Zeugnis einer Entfremdung von jenem Deutschland, das Wolfe zu kennen glaubte: Auf einer Zugfahrt, deren verschiedenen Etappen durch ein immer dunkler werdendes Land führen, wird der Erzähler Zeuge der Verhaftung eines Juden. Schaut er zunächst noch fast verächtlich und voller Ressentiment auf den nervösen, zappeligen Mann, der im selben Abteil reist, wandelt sich sein Blick schließlich in empathische Sorge. Und zu Abscheu gegenüber den Schergen des neuen Systems. Wolfe hat dieser Verhaftung, so schreibt Lubrich, im Sommer 1936 eine prophetische Bedeutung verliehen. "Er beschreibt sie als Deportation, die die Ermordung des Juden bedeuten wird. Gleich mehrfach fällt das Wort 'Tod'."

Tatsächlich findet eine Verwandlung mit dem Erzähler statt. Und mit dem Autor Thomas Wolfe. Die wahrhaft tödliche Konsequenz dessen, was er als Pestilenz beschreibt, erlebt er zwar nicht mehr. Aber er ahnt sie voraus. Für Thomas Wolfe war Deutschland eine zweite Heimat. In seinen Romanen spielt es immer wieder eine Rolle. Nun lässt sich in "Eine Deutschlandreise" genau nachlesen, wie sich diese Liebe entwickelt hat und wie sie nach und nach entzaubert wurde.

Thomas Wolfe: "Eine Deutschlandreise in sechs Etappen. Literarische Zeitbilder 1926–1936"
Herausgegeben von Oliver Lubrich
aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Haen, Barbara von Treskow und Irma Wehrli
mit 8 Originalseiten aus den Notizbüchern des Autors und 20 historischen Fotos
Manesse Verlag, München. 410 Seiten. 25 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk