Mittwoch, 05. Oktober 2022

Tiertransporte in alle Welt
Wo der Verstoß gegen Schutzvorschriften die Regel ist

Rinder und andere Nutztiere werden in LKW und auf Schiffen auf tagelangen Transporten in Drittländer gebracht. Dabei werden regelmäßig Tierschutzvorschriften missachtet. In der EU wird daher nun über ein Verbot bestimmter Tiertransporte diskutiert.

Von Lutz Reidt | 12.09.2022

Durch die Gitterstäbe eines Tiertransporters blicken junge Kälber
Auch junge Kälber werden zum Teil über hunderte Kilometer quer durch Europa transportiert (picture-alliance / ZB / Patrick Pleul)
Ein Hochsommertag im Süden Spaniens kann heiß sein, sehr heiß sogar. Das spüren auch einige beigefarbene Rinder, die im Hafen von Cartagena ihre Köpfe an die Metallplanken eines LKW-Anhängers drücken. Die Augen weit aufgerissen, die Mäuler mit Schleim verklebt, nagen einige an den Planken.
Das Übliche halt, sagt Iris Baumgärtner: "Die Tiere sind unruhig, die brüllen, die Tränke-Systeme sind kotverschmiert. Man kann auch bei einigen Tieren hier das sogenannte Stangenbeißen erkennen, das ist eigentlich immer ein Zeichen von Durst.“ Iris Baumgärtner hat diese Szenen selbst beobachtet, Ende Juni im Hafen von Cartagena an der Südostspitze von Spanien. Nun betrachtet sie die Videodokumentation noch einmal am Monitor im heimischen Büro.

Kein Stall im Verladehafen

Die Geografin arbeitet seit mehr als 30 Jahren für die AWF, die „Animals Welfare Foundation“ in Freiburg. Dieser international tätige Verein begleitet unter anderem Tiertransporte quer durch Europa und dokumentiert deren Verlauf mit seinen vielen Zwischenstationen. Das Ergebnis: umfangreiche Mängellisten. Die legen die Aktivisten dann in Form einer Beschwerde der EU-Kommission in Brüssel vor:
"In Cartagena ist es ja auch so, das hat auch die EU-Kommission festgestellt, gibt es keinen Stall, in dem die Tiere entladen, gefüttert und versorgt werden könnten, bis dann das Schiff bereit ist für die Verladung, bis das Futter am Schiff geladen ist. Das gibt es dort nicht. Deshalb müssen die Tiere eben im Lkw ausharren und das auch häufig bei sehr hohen Temperaturen, die wir im Sommer haben."
Auf Drängen der EU-Kommission wurde ein Unterstand gebaut, damit die LKWs mit den Tieren im Schatten warten können - bislang der einzige Fortschritt.

Transport von Nutztieren quer durch Europa

Inzwischen steht eine schmale, weiß lackierte Rampe bereit, die aufs Deck des Schiffes führen soll. "Julia AK" - so prangt der Name in großen schwarzen Lettern auf rostig-weißem Rumpf. In einer Woche wird das Schiff im Hafen von Port Said in Ägypten erwartet - mit rund 2.000 Rindern an Bord. Der Weg ist weit für die Tiere, von Südspanien nach Ägypten, gut zweitausend Seemeilen, quer übers Mittelmeer.
Viehtransporter
Viehtransporter aus Deutschland fahren bis nach Südspanien oder auch Richtung Osten bis Usbekistan, Kasachstan oder Turkmenistan. (imago / Arnulf Hettrich)
Und auch auf Straßentransporten legen Nutztiere große Distanzen zurück: Kälber, noch nicht einmal von der Mutterkuh entwöhnt, werden quer durch Europa transportiert - vom Baltikum über Polen, Deutschland und Frankreich bis nach Spanien zum Beispiel. Deutsche Zuchtfärsen - also trächtige Kühe - wurden bis vor kurzem noch regelmäßig auf Lkws verladen, die nach Zentralasien fuhren, durch die Ukraine und Russland, weiter nach Usbekistan, Kasachstan oder Turkmenistan.

Forderung nach Verschärfung des EU-Transportrecht

Dass auf langen Transporten die Tiere mitunter schwer leiden, hat im Vorjahr auch ein vom EU-Parlament eingesetzter Untersuchungsausschuss dokumentiert. Das Gremium legte nach acht Monaten einen Bericht vor, der gravierende Mängel und Verstöße gegen geltende Vorschriften anprangerte. Nun wird in Brüssel sogar über Transportverbote diskutiert - vor allem lange Schiffspassagen und Ferntransporte per LKW stehen zur Disposition, sagt Michael Marahrens vom Friedrich-Löffler-Institut in Celle:
„Unter anderem wird das Verbot des Exportes von Rindern beziehungsweise lebenden Tieren in bestimmte Drittstaaten gefordert. Diese Forderung wurde von Seiten von vier Bundesländern für die Abfertigung entsprechender Transporte auch schon gestellt, unter anderem von Bayern und Hessen, auch Schleswig-Holstein hat eine entsprechende Vollzugsanordnung innerhalb des Bundeslandes erlassen.“
Der Tierarzt und Agraringenieur leitet den Arbeitsbereich "Tiertransporte“ am Friedrich-Löffler-Institut, einer Ressortforschungseinrichtung des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Diese Expertise nutzt Landwirtschaftsminister Cem Özdemir von den Grünen. Unterstützt von Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Belgien hat Özdemir in Brüssel einen Vorstoß unternommen: das bestehende EU-Transportrecht soll im Sinne der Tiere nachgeschärft werden. Im nächsten Jahr soll die Novelle der Tierschutzverordnung vorliegen.

Exportverbote in Länder, die betäubungslos Schlachten

Vom Exportverbot betroffen wären insbesondere Länder, die nicht nur wegen der langen Transporte dorthin in der Kritik stehen. Auch das dort praktizierte Ritual des betäubungslosen Schlachtens prangern Tierschützer immer wieder an:
„Zum Beispiel Marokko, Usbekistan, oder überhaupt alle Länder Zentralasiens sind davon betroffen. Die Türkei, im Grunde genommen alle Maghreb-Staaten, Ägypten Libanon - das sind die Hauptabnahmeländer von Rindern aus Deutschland, aber auch aus den Niederlanden und Dänemark, das sind die Hauptexporteure in diese Länder. Die dürfen also in Bayern nicht mehr abgefertigt werden.“
Zuständig für die Abfertigung internationaler Ferntransporte sind die Veterinärämter in den Landkreisen, so etwa im niederbayerischen Landshut. Dort hat sich die Amtsveterinärin Marion Ehrenhoffer-Zettler im Januar 2019 geweigert, ein für den Export von Zuchtfärsen notwendiges Vorzeugnis auszustellen:
"Von unserer Seite waren das lauter hochtragende Kalbinnen, also Erstgebärende sozusagen. Die waren alle im weit fortgeschrittenen Trächtigkeitsstadium und die sollten eben in über 40 Stunden nach Usbekistan ausgeführt werden zum Beispiel. Und dann bräuchte man zwei Abladestationen auf dem Weg und es gab keine einzige. Es waren falsche Adressen angegeben, zum Beispiel war eine Adresse das Veterinäramt in Moskau, die natürlich keinen Stall haben. Schlussendlich konnte das ja nicht sein an diesen Plätzen, sodass wir das dann eben versagt haben.“

Inspektionsreise deckt gravierende Mängel auf

Wiederholt hatten Tierschützer Zweifel geäußert, ob entlang der Routen nach Zentralasien wirklich taugliche Raststationen für die Tiere vorhanden seien. Die Hessische Tierschutzbeauftragte begab sich im Sommer 2019 auf Inspektionsreise nach Russland - begleitet von drei Amtsveterinärinnen aus Hessen und Schleswig-Holstein.
Marion Ehrenhoffer-Zettler fasst zusammen: „Also schlussendlich kam da ja heraus, dass keine einzige der genannten Versorgungsstationen tatsächlich existent war beziehungsweise den Vorgaben entsprochen hätte. Deswegen war der tierschutzkonforme Transport für diese Rinder nicht möglich."
Auch deshalb, weil einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes zufolge die tierschutzrechtlichen Vorgaben der EU-Verordnung nicht nur innerhalb der Union gelten, sondern auch jenseits der Grenzen, für die gesamte Transportstrecke, bis zum Bestimmungsort - in dem Fall also durch Russland bis nach Usbekistan.

Landshuter Landrat fühlt sich von Exporteuren getäuscht

Auch wegen dieser Rechtslage stärkte der Landshuter Landrat Peter Dreier von den Freien Wählern seiner Amtsveterinärin den Rücken - und musste sich in der Folge mit aufgebrachten Exporteuren auseinandersetzen:
"Man bekommt dann natürlich durchaus Angriffe oder auch Anfeindungen, weil diese Haltung nicht verstanden wurde. Und man hat auch versucht, das Gegenteil zu behaupten, dass es diese Abladestationen schon gibt und dass bestimmte Dinge nicht der Wahrheit entsprechen und dergleichen. Nur: Wir haben uns hier immer wieder abgestimmt und wenn sich die Situation anders dargestellt hätte, wären die Vorzeugnisse ja wieder ausgestellt worden."
Der Landrat fühlt sich von den Exporteuren getäuscht – und das über viele Jahre hinweg.

Bundeslandwirtschaftsministerium: "Nicht hinnehmbar"

Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium bezeichnet das auf Anfrage als "nicht hinnehmbar". Im Koalitionsvertrag sei festgehalten, dass solche Transporte nur auf Routen mit nachgewiesenen tierschutzgerechten Versorgungseinrichtungen stattfinden dürften. Auf die Praktiken der Branche angesprochen, äußert sich Nora Hammer, Geschäftsführerin vom BRS, dem „Bundesverband Rind und Schwein“ in Bonn:
"Wenn natürlich Versorgungsstellen von den Exporteuren eingetragen sind, die es nicht gibt oder die am Ende nicht auffindbar sind, ist das ein klares Fehlverhalten der Exporteure, was auch ganz klar zu missbilligen ist, also auch das unterstützen wir in keiner Form. Allerdings spricht der Umstand, dass damals falsche Angaben gemacht wurden, ja nicht dagegen, dass es funktionierende und auch auf russischer Seite funktionierende zugelassene Stationen gibt, die auch tatsächlich genutzt werden."

Keine aktuellen Informationen über Routen durch Russland

Das Bundeslandwirtschaftsministerium BMEL bestätigt auf Anfrage, dass die zuständige Russische Landesoberbehörde im Mai 2021 sechs Versorgungsstationen benannt hatte, die den EU-Anforderungen entsprächen. Von Sanktionen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seien Tiertransporte nur eingeschränkt betroffen, teilt das BMEL mit. So gelte etwa seit 15. März 2022 ein Verbot für die Ausfuhr von Pferden nach Russland. Transporte von anderen Nutztieren hingegen - etwa im Transit aus der EU durch Belarus und Russland nach Zentralasien - seien grundsätzlich weiterhin möglich.
Gleichwohl, so merkt das BMEL an, liegen aus diesen Drittstaaten aktuell kaum Informationen vor. Unklar sei zum Beispiel, ob die Tiere entlang der Routen ausreichend versorgt werden können und ob generell ein tierschutzgerechter Transport gewährleistet sei. Auch dem „Bundesverband Rind und Schwein“ in Bonn liegen keine genauen Informationen vor. Gleichwohl rät auch der Verband von solchen Transporten gegenwärtig ab.

Tierschützerin: Es gibt zu viele Rinder in der EU

Im Hafen von Cartagena versuchen nun die Arbeiter auf der Pier, die Tiere von den Lkw-Anhängern zu treiben. Es sind hellbraune Mastrinder. Nahaufnahmen zeigen gelbe Ohrmarken – es sind spanische Bullen. Doch auch das Verladen von Rindern mit deutscher Herkunft hat Iris Baumgärtner häufig dokumentiert.
Doch warum werden überhaupt junge Kälber quer durch Europa gefahren, nur wenige Wochen nach ihrer Geburt? Nur, um sie dann in Spanien zu mästen, bevor es weiter geht nach Nordafrika oder in den Nahen Osten?
„Dieses ganze Exportgeschehen hat seine Ursache in der Milchproduktion. Es sind zum einen die weiblichen Tiere, die in der EU auch keinen Markt haben, es werden ja nicht alle weiblichen Tiere wiederum in Deutschland oder in der EU als Milchkühe verwendet, sondern die gehen dann in den Export diese Tiere. Und die kleinen Bullenkälber, auch die haben eigentlich nicht wirklich einen Platz in der Wertschöpfungskette in der EU, über andere Mitgliedstaaten werden die exportiert.“
Im Klartext: Es gebe zu viele Rinder in der EU. Und die müssten irgendwo hin, kritisiert Iris Baumgärtner. Dabei sei auch der laxe Umgang mit den Vorschriften während der Transporte ein Problem. Außerhalb Deutschlands könne sich die Branche meist darauf verlassen, dass nur wenig kontrolliert werde - wenn überhaupt, so Baumgärtner. Das wird auch im Hafen von Cartagena deutlich:
„Dort dieses Häuschen, was man sieht, dort sollten eigentlich die Tierärzte sitzen und die sollen natürlich auch die Tiere auf ihre Transportfähigkeit überprüfen. Sehr häufig ist überhaupt kein Tierarzt vor Ort bei der Verladung, sonst wären die Szenen, die wir jetzt hier sehen, der ständige Einsatz vom Elektrotreiber bei den Tieren oder dieses Stochern der Fahrer in den Transporter, das ist verboten, das dürften die nicht machen natürlich. Aber wir sehen, hier findet überhaupt keine Kontrolle statt.“

Schiffstransporte stehen schon lange in der Kritik

Um die Rinder vom LKW zu bewegen, sticht ein Arbeiter mit dem Elektrotreiber in die Zwischenräume des LKW-Anhängers. Deutlich ist der lange Metallstab zu erkennen, und vorn an der Spitze: ein roter Kopf mit zwei Elektroden, die noch nicht einmal vor den Köpfen der Tiere Halt machen.
Wegen solcher Szenen stehen Schiffstransporte schon lange in der Kritik. Nora Hammer vom „Bundesverband Rind und Schwein“ jedoch hält ein Verbot, wie es auch auf EU-Ebene in Brüssel diskutiert wird, für nicht angemessen. Vielmehr sollte die Einhaltung der bestehenden gesetzlichen Vorgaben genauer kontrolliert werden. Es gebe durchaus ein Vollzugsdefizit in einigen Mitgliedsländern, räumt sie ein, und auch auf den Schiffen wäre einiges zu verbessern:
„Also das wäre zum Beispiel ein Punkt, dass wir uns auch für die Anwesenheit eines Tierarztes auf den Schiffen aussprechen, das ist das eine, aber dieser Tierarzt braucht eben auf den Schiffen dann auch Befugnis. Also, oft ist es ja so, dass der Kapitän dann auch das letzte Wort hat. Und hier ist es so, dass bezüglich der Tiere natürlich dann der Tierarzt auch Befugnisse haben muss. Das ist das eine, aber es geht auch um die Zulassung dieser Schiffe.“

Schiffe nur notdürftig für den Tiertransport umgebaut

Schiffe für den Tiertransport können die jeweiligen Mitgliedsstaaten zulassen ohne verbindliche Kriterien dafür zu erfüllen, kritisiert Michael Marahrens vom Friedrich-Löffler-Institut in Celle. Im Rahmen seiner Doktorarbeit hat der Tierarzt Rinder aus dem niedersächsischen Verden an der Aller einst auf einem Ferntransport begleitet.
Frachtschiff für den Tiertransport
Viele Schiffe sind nur notdürftig für Tiertransporte umgebaut, sagt Michael Marahrens vom Friedrich-Löffler-Institut in Celle (imago / Shotshop / fotoAKL )
Die Schiffspassage begann im kroatischen Hafen von Raša und ging bis nach Bandırma am Marmarameer in der Türkei. Das Schiff war für den Tiertransport nur notdürftig umgebaut, bereits 1962 lief es in Elsfleth an der Unterweser vom Stapel - als Stückgutfrachter:
„Bei Schiffen ist das besondere Problem die niedrige Deckhöhe, die nicht tiergemäße oder artgemäße Ausstattung der Buchten innerhalb des Schiffes und insbesondere das Belüftungssystem, das funktioniert vorn und hinten nicht. Es gibt nur einige wenige Schiffe, die ausschließlich für den Transport von Tieren überhaupt erst gebaut wurden. Alle anderen, und das ist in 95 Prozent der Fälle so, das sind Umbauten von Autofähren, Stückgutfrachtern und so weiter. Die wurden so umgebaut, dass die Tiere dort ein- und auch wieder ausgeladen werden können und einigermaßen mit Luft versorgt werden. Das ist alles.“

"Bundesverband Rind und Schwein" verteidigt Exporte

Die Forschungsreise für die Doktorarbeit ist jetzt vierzig Jahre her. Demnächst geht Michael Marahrens in Pension. Dass sich auf den Schiffen seitdem etwas zum Guten gewandelt hätte, kann der Tierarzt nicht erkennen.
Die Rinderhalter in der EU erzeugen deutlich mehr Tiere als sie selbst für ihre Herden benötigen. Und die Nachfrage aus Drittstaaten bleibt hoch. Aus Sicht von Nora Hammer vom "Bundesverband Rind und Schwein" sei es legitim, diesen Markt zu bedienen:
"Das ist im Endeffekt dann Angebot und Nachfrage. Die Länder fragen ganz gezielt die lebenden Tiere, in dem Fall tragende Zuchtfärsen, an, um vor Ort ihre Milchproduktion zu steigern. Grundsätzlich, und das schwingt ja immer mit, ist es aber nicht so, dass die Zuchtfärsen als Schlachttiere umdeklariert sind und dort vor Ort gleich geschlachtet werden.“
Im Nachhinein sei der spätere Verwendungszweck der Exportrinder für die EU nicht relevant. Das werde nicht kontrolliert, sagt Michael Marahrens vom Friedrich-Löffler-Institut. Doch wovon, so wendet er ein, sollten sich hochgezüchtete Rinder aus Europa in dürregeplagten Regionen ernähren? Meist fehle doch das Futter als Grundlage für eine nachhaltige Milchwirtschaft.

Export von Zuchtrindern in die Wüste

Wachsende Rinderherden, die in der Summe deutlich mehr Milch geben - das weisen die Statistiken zwar für Länder wie Russland und Usbekistan aus. Doch sonst? „Der nordafrikanische Raum und auch der Nahe Osten zeigt negative Tendenzen. Auch in der Türkei findet so etwas nicht statt. Aus meiner Sicht ist somit die Zweckbestimmung 'Einsatz für die Tierzucht', das ist ja auch im TRACES-Zeugnis so angegeben, ein Etikettenschwindel, eindeutig.“
TRACES ist ein Datenbanksystem, mit dem die EU den gemeinschaftlichen Tierhandel erfasst. Auf dieser Grundlage lässt sich gut erkennen, wo Rinder aus Europa landen:
„Bis zum letzten Jahr wurden aus Niedersachsen 3.000 Zuchtrinder in die Provinz Westsahara, in die Provinz Laâyoune entsandt laut TRACES-Zertifikat. Da ist Wüste! Und laut Google Maps, da sehen Sie nichts Grünes. Und wenn Sie reinzoomen in die Strukturen der Bestimmungsorte, finden Sie dort keine Farmen. Ich frag mich: Wo wollen die denn und auf welcher Basis wollen die denn dort Milch gewinnen? Und für wen? Das Interesse der Bevölkerung besteht an Fleisch.“

Tierschützerin: Mängel bei Tiertransporten sind die Regel

Im Hafen von Cartagena schleppen sich beigefarbene Rinder eine weiße Laderampe empor, Richtung Deck der "Julia AK", auch ein umgebauter ehemaliger Frachter, schon 1976 vom Stapel gelaufen. Erneut werden die Tiere mit Elektrotreibern traktiert. Oben angekommen drehen sich einige Rinder um und versuchen, wieder nach unten zu gelangen, hinein in den Gegenverkehr der hochlaufenden Tiere.
„Wir sehen das immer wieder, dass es zum Riesenchaos kommt. Also hier, dass die Tiere hier hochlaufen, über die Schiffsrampe in das Schiff rein und drehen dann um und kommen zurück, das dürfte überhaupt nicht passieren. Die Schiffscrew müsste die Tiere natürlich, sobald die in das Schiff laufen, in Empfang nehmen sozusagen und müsste die weiterführen. Aber die Tatsache, dass sich die Tiere hier umdrehen und zurückkommen heißt: Der Verladeprozess ist überhaupt nicht abgestimmt zwischen den verschiedenen Parteien hier.“ 
Keine Sachkunde, keine Organisation und auch kein Tierarzt zur Überwachung, bilanziert Iris Baumgärtner, das sei keine Ausnahme, sondern die Regel. Dass es den Rindern später während der einwöchigen Überfahrt von Spanien nach Port Said in Ägypten besser ergehen würde als bei der Verladung in Cartagena - das dürfte wohl eher ein frommer Wunsch sein, als eine realistische Erwartung.