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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus"27.01.2020

Trond Berg Eriksen, Håkon Harket, Einhart Lorenz"Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus"

"Nie wieder" – Das war eine zur deutschen Staatsraison erhobene Forderung nach dem Holocaust. Doch derzeit steigt die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland und in Europa. Drei norwegische Historiker zeichnen die Kontinuität des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart nach.

Von Ina Rottscheidt

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Cover-Collage: Rechts das Buchcover "Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus" von der Antike bis zur Gegenwart" vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Links im Hintergrunden eine Fotografie von 1943: SS-Truppen deportieren am 16.05.1943 Bewohner des Warschauer Ghettos. (Buchcover: V&R Verlag / Hintergrund: imago / United Archives)
Der Antisemitismus gipfelte in der Vernichtung von mehr als sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten, ein Ende fand er bisher nicht. (Buchcover: V&R Verlag / Hintergrund: imago / United Archives)
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Fake News, Hetze und Hate Speech sind keine Phänomene der Gegenwart – sie gab es schon immer. Nur, dass sie früher, wenn überhaupt, anders benannt wurden und andere Verbreitungswege fanden:

 "Nach dem Schwarzen Tod kursierte in Spanien ein Gerücht, dass die Juden alle Christen in ganz Europa ausrotten wollten und dass von Toledo aus Boten mit Gift in alle Himmelsrichtungen ausgesandt worden waren. Das Gift sollte aus Basiliskenknochen, Spinnen, Fröschen, Eidechsen, Christenherzen und Hostienteig hergestellt worden sein."

Was aus heutiger Sicht absurd klingt, verbreitete sich im Mittelalter auch ohne Internet rasend schnell und zog Hetze und Gewalt gegen Juden nach sich.

Erste Hinweise auf Antijudaismus - das arbeiten die drei norwegischen Autoren Trond Berg Eriksen, Håkon Harket und Einhart Lorenz in ihrem neuen Buch heraus - gab es bereits bei Griechen und Römern: Ihnen galten die Juden als sektiererisch, weil sie nur einen Gott anbeteten, andere Speiseregeln hatten und sich weigerten, dem römischen Kaiser Opfer zu bringen. Doch dies waren Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Volksgruppen, nichts Ungewöhnliches also.

Antisemitismus ist verbunden mit dem Christentum

Der "prinzipielle Antisemitismus" so schreiben die Autoren, entstand mit dem Christentum. Mit ihm kam das Bild von den Juden als "Christusmörder" auf:

"Die Geschichte über Judas und die Silberlinge verband die Vorstellung von jüdischer Bosheit und Geldgier mit dem Volk, das den Heiland verraten und ermordet hatte. […] Sie weigerten sich, sich taufen zu lassen, obwohl sie doch wissen mussten, dass der größte vorstellbare Gewinn auf die Getauften wartete. Eine solche Ablehnung konnte nach Ansicht der Christen nur reiner Bosheit, oder dem Umstand geschuldet sein, dass sie von Dämonen besessen seien."

Was als Rivalität zwischen zwei monotheistischen Religionen begann, verfestigte sich im Laufe der Jahrhunderte zu immer radikaler werdender Propaganda. Und als die Juden im Mittelalter begannen, Geld zu verleihen - schlicht aus dem Grund, weil sie aus anderen Wirtschaftsbereichen verdrängt wurden - war das nächste Vorurteil geboren:

"Obwohl die europäischen Juden, abgesehen vom England des 12. Jahrhunderts, niemals ein Monopol im Geldverleih hatten und nur eine Minderheit der Juden im Kreditwesen tätig war, setzte sich das Bild des jüdischen Wucherers im Bewusstsein vieler Zeitgenossen als Archetyp fest."

Zwei Jahrtausende überdauernde Stereotype und Feindbilder

Ablehnung und Hass hielten sich Jahrhunderte, und immer waren es auch Kirche und kirchliche Orden, die diese Stimmung befeuerten. Zehntausende Juden schickte die päpstliche Inquisition auf den Scheiterhaufen. 1492 wurden sie aus dem katholischen Spanien vertrieben, erstmals kam da die Idee einer "judenfreien Gesellschaft" auf.

In insgesamt 32 Kapiteln zeichnen die drei norwegischen Historiker in ihrem Buch die unterschiedlichen Motive und Ausprägungen des Judenhasses zu verschiedenen Zeiten nach. Sie reichen von Vertreibung, Gettoisierung, Pogromen und dem Holocaust bis hin zum alltäglichen Antisemitismus von heute. Das Frappierende: Stereotype haben zwei Jahrtausende überdauert – nur die Begründungen änderten sich:

"Hielten die Juden an ihrer Kultur und ihrem Glauben fest, wurde dies als Widerwille ausgelegt, die Normen und Kultur der Mehrheit zu akzeptieren. Waren die Juden assimiliert und wurden Teil der deutschen Gesellschaft, bedeutete dies, dass sie auf eine besonders raffinierte Weise den 'deutschen Volkskörper' von innen heraus zerstören wollten."

Im Fahrwasser des aufkommenden Nationalismus wurden schließlich rassistische "Argumente" bemüht, was in der Vernichtung von über sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten gipfelte. Doch die Politik der Ausgrenzung, die Nürnberger Rassegesetze, die Pogrome – sie kamen nicht aus dem Nichts. Die Nazis griffen geschickt vorhandene Stimmungen auf:

"In den Jahren 1923 bis 1932 wurden fast 200 Fälle der Schändung von Friedhöfen und Angriffe auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen registriert. […] Der tägliche Antisemitismus war nahezu überall sichtbar. Er traf jüdische Viehhändler auf dem Land, jüdische Schüler und jüdisches Theaterpublikum. […] Restaurants stellten an Eingangstüren Schilder mit Aufschriften wie 'Kein Zutritt für Juden und Hunde' auf."

Ein Mann steht im zerstörten jüdischen Friedhof von Sarre-Union in Frankreich  (afp /  Patrick Hertzog)Ein zerstörter jüdischen Friedhof in Sarre-Union in Frankreich. In insgesamt 32 Kapiteln beschreiben die drei Historiker in ihrem Buch Motive und Ausprägungen des Judenhasses. (afp / Patrick Hertzog)

Was nach der Shoa nicht endete, könnte womöglich für immer bleiben

Auch heute werden jüdische Einrichtungen geschändet und Juden müssen um ihre Sicherheit fürchten. Antisemitismus kommt heute oftmals als "Israel-Kritik" getarnt daher. Und ein Viertel aller Deutschen stimmt der Aussage zu, dass Juden zu viel Macht und Einfluss in der Politik hätten: Die Legende von der "jüdischen Weltverschwörung" hält sich hartnäckig, obwohl ihre Wurzeln, die "Protokolle der Weisen von Zion" schon kurz nach ihrem Erscheinen Anfang des 20. Jahrhunderts als Lüge enttarnt wurden. Fake-News gab es eben immer schon. Auf ihnen begründet sich der Antisemitismus, sagt Håkon Harket, einer der drei Autoren des Buches über die Geschichte des Judenhasses:

"Die ganze Geschichte des Antisemitismus ist eine von Lügen und Erfindungen. Es geht hier nicht um die Geschichte der Juden, sondern im Grunde darum, was die anderen über die Juden denken. Das ist alles ganz fest verankert im Bewusstsein westlicher Gesellschaften, diese Vorstellung von 'den Juden' existiert bis heute."

Weder Aufklärung noch Bildung waren offensichtlich in der Lage, antisemitische Vorurteile aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben, das ist eine Erkenntnis des Historikers:

"Das Schlimme ist ja, dass der Antisemitismus noch nicht einmal nach dem Holocaust verschwand. Da stellt sich die Frage, ob es Judenfeindlichkeit immer geben wird. Unsere Aufgabe ist es, sich das bewusst zu machen und die vielen Facetten von Judenhass und ihren Ursprung zu kennen."

Das unternimmt das Buch detailliert und faktenreich. Es enttarnt die Beliebigkeit, mit der Gründe für Diffamierung und Hass erdacht wurden – und wie sie stets immer wieder auf Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt hinausliefen.

Die Geschichte des Judenhasses ist nicht zu Ende. Eine erschreckende Erkenntnis und ein lesenswertes Buch - weil es eine Mahnung an uns alle ist.

Trond Berg Eriksen, Håkon Harket, Einhart Lorenz: "Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart",
Vandenhoeck & Ruprecht, 687 Seiten, 50,00 Euro.

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