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Startseite@mediasresRezepte für die Radio-Zukunft13.09.2018

Tutzinger RadiotageRezepte für die Radio-Zukunft

Dass viele Menschen morgens vom Radio geweckt werden, ist Alltag in Deutschland. Genauso selbstverständlich könnte es werden, dass man sich mit seinem Radiogerät unterhält. Bei den Tutzinger Radiotagen wurden die Trends des Mediums diskutiert.

Von Stefan Fries

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Vortrag bei den Radiotagen in Tutzingen 2018 (Deutschlandfunk / Stefan Fries)
Gereiztheit selbst erst gar nicht anzuheizen - eines Mittel im Umgang mit der großen Gereiztheit in der öffentlichen Debatte (Deutschlandfunk / Stefan Fries)
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Sprachsteuerung Alexa und Siri statt UKW

Framing in den Medien Kalkulierter Tabubruch

Stimme: "Alexa? Starte Radiotage."

Alexa: "Guten Morgen. Ich war gerade schon im See. Lohnt sich wirklich."

Ein kurzer Dialog mit Amazon Echo, der kleinen Lautsprecherbox, die per Sprache gesteuert werden kann - kurz: Alexa. Sie steht in immer mehr Haushalten in Deutschland und kann dem Radio Konkurrenz machen. Auf Zuruf nennt sie die Uhrzeit, recherchiert im Netz oder spielt Musik ab. Eine Chance für Radiomacher, Live-Programm und Podcasts auch auf solchen Geräten anzubieten, findet Lisa Zauner, die für den WDR entsprechende Anwendungen entwickelt hat.

"Im Moment ist es noch sehr rudimentär. Ganz viele Leute starten Radio, ihr Lieblingsradio, weil vielleicht ist das UKW-Radio irgendwann mal kaputtgegangen im Radio, und jetzt steht da ein sprachgesteuertes System, und dann wird morgens beim Zähneputzen darüber der Radiostream gestartet. Es gibt aber auch Podcast-Möglichkeiten, es gibt auch Interaktionen mit Moderatoren, so was könnte man sich vorstellen auch für die Zukunft, dass es noch personalisiertere Skills gibt."

Fragen und Antworten für sprachgesteuerte Systeme

Skills sind Fähigkeiten – wie zum Beispiel, auf welche Frage Alexa oder der Konkurrent Google Home welche Aktion ausführt. Da Radiomacher darauf spezialisiert sind, Produkte fürs Hören anzubieten, eignen sich diese ideal für sprachgesteuerte Systeme, also Nachrichten oder Verkehrsinfos auf Zuruf. Bei den Tutzinger Radiotagen haben Teilnehmer beispielhaft Skills erarbeitet - also Fragen und Antworten - auch wenn die konkreten Inhalte nicht ernst gemeint waren.

Stimme: "Wie lange brauche ich zum Biergarten?"

Alexa: "Hin 8 Minuten, zurück 20."

Gelächter

In Tutzing denken Macher einmal im Jahr über die Zukunft des Radios nach. Nicht die Strategen der Sender, sondern diejenigen, die das tägliche Programm machen, also Redakteure, Autoren und Reporter von öffentlich-rechtlichen und privaten Radiosendern. Ihr Ziel: das Medium inhaltlich so weiterentwickeln, dass es den digitalen Wandel überlebt.

Mittel, um Hörern wieder näher zu kommen

Eine der Herausforderungen: Der Umgang mit Hass und Hetze im Netz, der sich oft auch gegen Journalisten richtet. Denn der digitale Wandel hat mehr Gereiztheit in die Debatte gebracht. Auch wenn der oft behauptete Vertrauensverlust Umfragen zufolge längst nicht so groß ist wie befürchtet, wollen ihn die Radiomacher doch als Chance begreifen. Ein Mittel, um Hörern wieder näher zu kommen: Journalisten sollen Politik wieder weniger aus der Perspektive von Politikern beschreiben und mehr aus der Perspektive der Bürger. Das könnte dabei helfen, Anfeindungen entgegenzutreten.

Wie man das macht, hat ein Zeitungsmacher erklärt: Michael Würz, Online-Chef des Zollern-Alb-Kuriers in Baden-Württemberg. Nachdem die Landesregierung 2014 angekündigt hatte, eine große Flüchtlingsunterkunft in die kleine Stadt Meßstetten zu holen, brach ein Sturm der Entrüstung auch gegen die Zeitung los, obwohl sie mit der Entscheidung nichts zu tun hatte.

"Da wir keinerlei Strategie hatten oder gute Ideen hatten, wie man damit umgehen kann, haben wir angefangen, mit den Menschen zu reden. Wir haben die angeschrieben, wir haben Menschen teilweise angerufen, wir haben versucht, sie zu treffen, und hatten das dringende Bedürfnis, mit den Kommentatoren zu reden und unsere Arbeit zu erklären."

Inzwischen haben die Zeitungsmacher die meisten kritischen Leser wieder für sich gewonnen.

Den Umgang mit Frames schulen

Einblicke in die eigene Arbeit geben, sich Zeit für Rückmeldungen von Nutzern nehmen, konstruktiv mit Kritik umgehen - das steht im Rezept gegen die große Gereiztheit in der öffentlichen Debatte. Dazu gehört auch, diese Gereiztheit selbst erst gar nicht anzuheizen, etwa durch übertriebene Zuspitzung, die auch durch Begriffe wie "Affäre" und "Skandal" passiert.

Solche Begriffe liefern nämlich nicht nur neutral Informationen, sondern aktivieren bei den Zuhörern Emotionen, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Herrmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt erklärt hat. Beim sogenannten Framing wird mit den verwendeten Begriffen gleich eine Deutung mitgeliefert. Wer etwa den Begriff "Asyltourismus" benutzt, suggeriert, dass Asylsuchende ihre Heimat nicht wegen Krieg und Terror verlassen, sondern wie Touristen nach Europa reisen. Wer Seehofers Begriff vom "Masterplan" übernimmt, unterstellt, dass der Plan wie von Seehofer behauptet alle Probleme in der Asylpolitik löse. Journalisten müssten sich solchen Deutungen widersetzen, forderte Herrmann.

"Ich halte es für sehr, sehr wichtig, dass Journalisten lernen, solche Frames zu entdecken und sozusagen bewusst zu machen. Das ist die beste Waffe dagegen. Es hilft gar nicht so viel, dagegen zu argumentieren oder andere Frames in die Welt zu setzen. Aber wenn man sie bewusst macht, dann hat man die Chance, auch was anderes zu denken."

Herrmann wünscht sich, dass sich Journalisten im Umgang mit Frames schulen lassen und Studenten und Volontäre diesen schon in der Ausbildung lernen.

Dass sich bei den Tutzinger Radiotagen vor allem Redakteure und Autoren getroffen haben, hat zu vielen Ideen geführt. Ob sie sie umsetzen können, hängt aber auch von den Verantwortlichen in den Sendern ab, von denen in diesem Jahr kaum welche den Weg an den Starnberger See gefunden haben.

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