Sonntag, 02. Oktober 2022

Nachrichten aus der Ukraine
Kriegsberichterstattung aus 500 Kilometern Entfernung

Nachrichten aus dem Ukraine-Krieg lassen sich oft schwer überprüfen. Für ausländische Medienschaffende vor Ort ist die tägliche Berichterstattung daher eine Herausforderung. Wie Korrespondenten versuchen, dennoch an glaubhafte Informationen zu kommen.

Text: Nina Magoley | Andrea Beer im Gespräch mit Annika Schneider | 12.09.2022

Denis Pushilin, the leader of the Donetsk People's Republic, background second right, speaks to foreign journalists at the destroyed barrack by following a strike on a prison housing POWs in Olenivka during a trip organized by the Russian Ministry of Defense, on the territory which is under the Government of the Donetsk People's Republic control, eastern Ukraine, Wednesday, Aug. 10, 2022. Russia has claimed that Ukraine's military used U.S.-supplied rocket launchers to strike the prison in Olenivka, a settlement controlled by the Moscow-backed Donetsk People's Republic. The Ukrainian military denied making any rocket or artillery strikes in Olenivka. (AP Photo)
Russisches Pressestatement in Donezk (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Uncredited)
"Konfliktparteien als Quelle: Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden." Sinngemäß so oder ähnlich lautendene Einschübe sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine für Nachrichtenkonsumenten schon zur Gewohnheit geworden. Klar ist: Ausländische Medien, die täglich über den Verlauf der Kämpfe berichten, können oft nur mutmaßen, was genau geschehen ist - und ob die Angaben der "Konfliktparteien" tatsächlich so stimmen.
"Bei Nachrichten aus dem Kampfgebiet ist man oft auf Informationen anderer angewiesen", sagt Michael Heussen, der als ARD-Fernsehkorrespondent einige Wochen aus Kiew berichtet hat. Solche Informationen gelte es dann "mit Vorsicht einzuordnen". Denn von beiden Seiten, von der Ukraine und von Russland, kämen in der Regel nur solche News, "die der jeweiligen Seite gerade passen". Oft bliebe nur die Möglichkeit, beide Konfliktparteien zu zitieren und die Bewertung den Zuschauern, Hörern oder Lesern zu überlassen.

Britischer Geheimdienst liefert Infos

Heussen beschreibt gegenüber dem Deutschlandfunk den täglichen Workflow der ARD-Kolleginnen und -Kollegen in Kiew: Jeden Morgen träfen Berichte darüber ein, was in der vergangenen Nacht passiert ist. Die abendliche Rede des ukrainischen Präsidenten Selenskiy zum Beispiel, die Presseinformationen des ukrainischen Generalstabs, Erklärungen von Ministern, Provinzgouverneuren, Bürgermeistern oder anderen Offiziellen - alles ins Deutsche übersetzt.
Auch in Köln beim WDR sitze ein Team, das täglich Informationen aus ukrainischen Quellen recherchiere, übersetze und den Korrespondenten zur Verfügung stelle. Eine zusätzliche wichtige Quelle seien die internationalen Nachrichtenagenturen - und der britische Geheimdienst, der ebenfalls jeden Morgen einen Bericht zur Lage liefere.
Aus Sicherheitsgründen fahren derzeit nur wenige ausländische Medienleute in die umkämpften Gebiete. So müsse auch die Frage, wer denn das Atomkraftwerk in Saporischschja wirklich beschießt, weiter offen bleiben. "Kriegberichterstattung ist hochkomplex", sagt Heussen, "selbst, wenn man ganz nah dran ist": Wer welche Rakete - möglicherweise vom Feind erobert - abgeschossen hat, sei selbst vor Ort kaum zu beurteilen.
Unabhängige Untersuchungen beispielsweise der UN, wie es sie im Syrienkrieg mehrfach gegeben hat, seien derzeit in Russland nicht möglich. Auch der Chef der internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Rafael Grossi, hält sich auffällig mit Einschätzungen zurück. Allein das Risiko, dass Russland als Reaktion im UN-Sicherheitsrat ein Veto gegen friedenstiftende Entscheidungen einlegen könnte, sei zu groß, so Heussen.

Fotos und Videos vom ukrainischen Militär

Schon seit Mai ist WDR-Hörfunk-Korrespondentin Andrea Beer in Kiew. Gemeinsam mit dem Kollegen Vassili Golod berichtet sie als feste Korrespondentin für die ARD aus der Ukraine. Bei neuen Ereignissen im Kriegsgebiet sei ihre allererste Quellen das Militär, sagt Beer im Deutschlandfunk. Im Internet fänden sich dann meist schnell Fotos und Videos, aufgenommen von ukrainischen Soldaten und hochgeladen vom Militär. Oft würden diese Bilder dann noch überprüft.
Eine ebenso wichtige Quelle sei die Polizei, aber auch die Bürgermeister der Orte in den umkämpften oder befreiten Gebieten. Und schließlich die ukrainischen Kolleginen und Kollegen. Einige seien schon seit 2014 mit der ukrainischen Armee in den umkämpften Gebieten unterwegs und daher sehr gut vernetzt. "Da gibt es viele Kriegsreporter, die sehr gut informiert sind und denen wir vertrauen können", sagt Beer.
Journalisten fotografieren einen Mähdrescher auf einem Kornfeld in der Ukraine
Journalisten fotografieren einen Mähdrescher auf einem Kornfeld in der Ukraine (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Uncredited)

"Wir werden die Bewohner befragen"

Sie selber werde auch bald in Teile der befreiten Gebiete reisen - um herauszufinden, was dran ist beispielsweise an den Nachrichten über eine schwindende Kampfmoral bei den russischen Soldaten. "Wir werden die Bewohner befragen, die die russische Besatzung erlebt haben", sagt Beer: "Was haben die Russen gemacht? Woher stammten die Soldaten, was haben sie mitgenommen, wen haben sie ermordet, wo haben sie Minen gelegt. So erfahren wir vieles über die russische Armee." Man müsse "so viel, wie möglich sammeln, um sich daraus ein gewisses Bild zu erschließen".
Auch in Saporischschja hofft Beer dann auf neue Erkenntnisse aus eigene Recherchen: "Wenn man mit Experten vor Ort ist und die Einschusslöcher sieht, kann man Rückschlüsse ziehen, von wo aus was beschossen wurde. Wenn man das abgleicht damit, wo die Armeen zu diesem Zeitpunkt standen, kann man meiner Meinung nach herausfinden, wer von wo aus geschossen hat." Auch offene Quellen wie die Investigativ-Plattform Bellingcat oder auch datenjournalistische Informationen im Netz könnten dabei helfen.

Dlf-Nachrichtenredaktion: "Zwei-Quellen-Prinzip"

Dort, wo in Köln die Radionachrichten des Deutschlandfunk gemacht werden, stehen die Mitarbeitenden beim Thema Ukraine-Krieg ebenfalls täglich vor besonderen Herausforderungen: "In einem Krieg gibt es immer zwei Seiten mit jeweils eigener Agenda", beschreibt auch die stellvertretende Leiterin Franziska Zecher das Dilemma. Der Großteil der Informationen komme von den Nachrichtenagenturen - aber auch die müssten überprüft werden, denn auch Agenturmeldungen seien fehleranfällig. "Wir tauschen uns sehr eng mit den Korrespondenten in der Ukraine aus", sagt Zecher.
Weitere Quellen seien ausländische Medien oder Portale im Internet - deren Glaubwürdigkeit man individuell einschätzen müsse. "Wir schauen immer: Welche Agenda könnte diese Quelle in dem Krieg haben?" Regelmäßig gebe es in der Redaktion Veranstaltungen, bei denen wieder neu darüber beraten werde, "wie wir mit den Informationen umgehen". Vorgabe sei grundsätzlich das "Zwei-Quellen-Prinzip": Man verlässt sich nicht auf eine Quelle, sondern sucht nach Bestätigung durch eine zweite. Im Zweifel folgt der Nachricht dann eben jener im Moment oft gehörte Satz: "Diese Informationen lassen sich nicht unabhängig überprüfen."