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StartseiteEuropa heuteDrohgebärden am Schwarzen Meer19.04.2021

Ukraine-KonfliktDrohgebärden am Schwarzen Meer

Nach verschiedenen Angaben hat Russland nahe der Grenze zur Ukraine und auf der annektierten Halbinsel Krim bis zu 100.000 Soldaten zusammengezogen. Zudem hat Moskau Seegebiete für Manöver gesperrt. In der Ukraine wachsen die Sorgen.

Von Gesine Dornbüth

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Russlands Präsident Vladimir Putin.   (dpa/picture alliance/Sputnik/Kremlin Pool Photo)
Der russische Präsident Wladimir Putin am 14. April 2021: Die russische Marine hat u.a. mindestens 17 Kriegsschiffe vor der Krim zusammengezogen, zu einem Manöver, wie es heißt. (dpa/picture alliance/Sputnik/Kremlin Pool Photo)
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Es ist nicht das erste Mal, dass Russland ganze Seegebiete und Schifffahrtsrouten im Schwarzen Meer aufgrund geplanter Manöver sperrt. Begonnen habe das 2019, erläutert Andrii Klymenko. Er ist Chefredakteur des auf Wirtschaft und Militär spezialisierten Online-Portals "Black Sea News" in Kiew.

"Damals hat Russland rund ein Fünftel des Schwarzen Meeres gesperrt. Das war, als vor der georgischen Küste ein gemeinsames georgisch-ukrainisch-US-amerikanisches Manöver stattfand. Russland hat deren Übungsgebiet praktisch abgeschnitten, angeblich, um selbst ein Manöver durchzuführen. Derartige Sperrungen im Rahmen von Manövern sind zu einem neuen Instrument Russlands geworden, um die NATO-Staaten aus dem Schwarzen Meer hinauszudrängen."

In den letzten Tagen hat die russische Marine mindestens 17 Kriegsschiffe vor der Krim zusammengezogen, zu einem Manöver, wie es heißt. Auch 50 Kampfflugzeuge sollen laut russischen Angaben teilnehmen.

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Ein großer Teil der Schiffe gehört zur Kaspischen Flotte. Sie gelangten über den Wolga-Don-Kanal zunächst ins Asowsche Meer. Die Passage von dort hinaus aufs Schwarze Meer, die Straße von Kertsch, verläuft zwischen Russland und der Krim und wird seit der Annexion der Halbinsel von Russland kontrolliert. Zulasten der Ukraine, dem zweiten Anrainer des Asowschen Meeres.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung warnte bereits im vergangenen Jahr, Moskau strebe über eine "Politik der kleinen Schritte" die Dominanz im Schwarzen und im Asowschen Meer an. So wolle Russland seinen Flotten Bewegungsfreiheit sichern und seine Position gegenüber der im Mittelmeerraum stark präsenten NATO stärken.

Der Schwarzmeerexperte Klymenko schließt aber auch einen Angriff auf die Ukraine nicht aus. "Russland hat eine hohe Zahl von Landungstruppen vor der ukrainischen Küste konzentriert. Eine Invasion von See aus ist praktisch jeden Tag denkbar: Von dort, wo die Krim an das Festland grenzt, bis nach Odessa. Denn überall ist die Küste flach."

Im Zuge der Manöver schränkt Russland die Zufahrt ins Asowsche Meer für Monate ein, bis zum 31. Oktober. Andrii Klymenko befürchtet, dass darunter die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk leiden könnten. Bereits in der Vergangenheit hat Russland die Passage immer wieder blockiert, mitunter willkürlich, und Handelsschiffe, die ukrainische Häfen ansteuerten, mit langen Kontrollen aufgehalten. Die russischen Behörden versichern allerdings, die Beschränkungen in den nächsten Monaten würden keine Handelsschiffe betreffen. Der Bürgermeister von Mariupol warnte am Wochenende denn auch davor, Panik zu schüren. Im Hafen laufe alles normal, die Passage durch die Straße von Kertsch sei offen.

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Auch in anderen Orten in der Ostukraine bemüht man sich um Normalität, trotz des russischen Truppenaufmarsches. Die Stadt Slawjansk liegt etwa 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Die Menschen seien nervös, berichtet Olga Altunina, Abgeordnete der Regierungspartei "Diener des Volkes" im Stadtrat, aber: "Das Leben geht seinen gewohnten Gang. Mütter schieben ihre Kinder spazieren, und wir reden uns ein, dass nichts passieren wird. Aber wenn etwas passiert, dann sind wir als erste dran."

Die NATO hat der Ukraine Solidarität zugesichert. Die USA wollten ursprünglich zwei Kriegsschiffe ins Schwarze Meer entsenden. Davon hat US-Präsident Joe Biden nach einem Telefonat mit Wladimir Putin wieder abgesehen. Beunruhigend, findet Schwarzmeerexperte Klymenko: "Wir sagen unseren westlichen Freunden immer: Wenn keine NATO-Schiffe im Schwarzen Meer sind, ist das die Gelegenheit für Russland, die Ukraine vom Meer aus anzugreifen."

Medienberichten zufolge wird nun Großbritannien zwei Kriegsschiffe an die ukrainische Schwarzmeerküste verlegen.

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