Russlands TruppenverlegungUkrainischer Botschafter: "Wir brauchen militärische Unterstützung"

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk spricht von den massivsten Truppenbewegungen Russlands seit dem Zweiten Weltkrieg: An der Grenze zur Ukraine spielten sich reale Kriegsvorbereitungen ab, sagte Melnyk im Dlf. Vom Westen benötige man deshalb mehr als "nette Worte".

Andrij Melnyk im Gespräch mit Dirk Müller | 15.04.2021

Militärmanöver in der ukrainischen Region Donezk im August 2020
Militärmanöver in der ukrainischen Region Donezk im August 2020 (dpa / Russian Look / Alexander Rekun)
Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine dauert seit sieben Jahren an. Moskau soll Berichten zufolge nun rund 40.000 Soldaten auf der Krim und entlang der Grenze zur Ukraine zusammengezogen haben. Die NATO warnt auch ausdrücklich vor einem weiteren Aufmarsch.
Nach Angaben der ukrainischen Nachrichtendienste seien sogar 90.000 Soldaten an die Grenze zur Ukraine verlegt worden, sagte der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, im Dlf. Man gehe davon aus, dass sich die Zahl noch auf 110.000 erhöhen werde: "Das ist die Hälfte unserer Gesamtarmee", betonte Melnyk. "Der Aufmarsch ist mehr als Säbelrasseln oder Kriegstrommeln, wie viele in Deutschland glauben." Es handele sich um sehr reale Vorbereitungen eines Angriffs auf die Ukraine. Der Kreml trachte danach, die Ukraine auszuradieren. Der Botschafter forderte daher militärische Unterstützung des Westens. Man benötige eine Modernisierung der ukrainischen Armee, um die Verteidigung zu stärken und um "den Preis für Putin für seine Kriegskampagnen in die Höhe zu treiben". Vielleicht müsse man auch über einen nuklearen Status der Ukraine nachdenken.
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Das Interview im Wortlaut:
Dirk Müller: Herr Melnyk, wird es wieder viele Tote geben?
Andrij Melnyk: Die Lage ist katastrophal. Die Ukraine ist zwischen Skylla und Charybdis geraten, wobei im Vergleich zu Putin und seinem blutrünstigen Regime erscheint dieses sechsköpfige Meeresungeheuer noch recht harmlos zu sein. Wir stecken in einer sehr schwierigen, in einer brandgefährlichen Zwickmühle. Einerseits trachtet der Kreml danach, die Ukraine als Staat und Volk auszulöschen. Er wird uns schlicht und einfach ausradieren aus der Karte in den letzten Tagen, das haben wir gerade gehört. Nach unseren Angaben hat er knapp 90.000 Truppen und auch seine Waffensysteme an die Grenze, aber auch in die bereits okkupierten Krim und Donbass verlegt. Dieser Aufmarsch ist viel mehr als Muskelspiel, als Säbelrasseln oder Kriegstrommeln, wie viele glauben hier in Deutschland. Wir haben es zu tun mit den massivsten Truppenbewegungen in Russland seit dem Zweiten Weltkrieg. Es geht nicht nur um übliche Kanonenbootspolitik Moskaus. Das sind leider sehr reale Kriegsvorbereitungen eines neuen militärischen Angriffs auf die Ukraine, die auch in Berlin ernst zu nehmen sind.
Ukrainischer Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk
Andrij Melnyk - Ukrainischer Botschafter in Deutschland (Ukrainische Botschaft in Deutschland)

"Statements geben keine Deckung"

Müller: Herr Melnyk, wenn ich da zunächst mal nachfragen darf. Es ist ganz schwierig mit den Zahlen festzustellen, wie viele Soldaten sind es wirklich. Wir hatten jetzt aus mehreren Quellen 30 bis 40.000 russische Soldaten, Tendenz steigend. So wird das jedenfalls dargestellt von Beobachtern, Reportern, Journalisten, auch von Seiten der Militärs. Sie sagen jetzt 90.000; das wäre die doppelte Zahl, das wären noch viel, viel mehr. Welche Quellen haben Sie da?
Melnyk: Ja, das sind unsere Nachrichtendienste, und wir gehen davon aus, dass in den nächsten Wochen diese Zahl sich auf 110.000 erhöht, und das ist quasi die Hälfte unserer Gesamtarmee. Das muss man sich auch vor Augen führen. Angesichts dieser Lage haben wir auch unsere westlichen Partner, die sehr verunsichert sind und die immer noch nicht bereit sind, der Ukraine unter die Arme zu greifen. Wir brauchen nicht nur die Solidaritätsbekundungen, die wir bekommen haben. Die sind nett und schön. Aber diese Statements, die werden uns bei allem Respekt nur wenig helfen. Sie werden uns keine Deckung gegen die Raketen und Bomben geben. Das haben wir schon im Jahre 2014 am eigenen Leib erfahren während und nach der Krim-Annexion. Wir sind sehr dankbar, dass die Kanzlerin jetzt auch diese Initiative ergriffen hat und von Putin gefordert hat, den Abbau von Truppenverstärkungen zu erreichen. Aber Putin ignoriert diese Aufrufe. Er brüskiert Deutschland und die EU und tagtäglich erhöht er diesen Einsatz.

"Wir brauchen modernste Waffensysteme"

Müller: Herr Melnyk! Dennoch habe ich Sie eben so verstanden, jetzt mal von der Kanzlerin abgesehen, dass die Ukraine sich vom Westen im Stich gelassen fühlt?
Melnyk: Wir glauben, dass diese Unterstützung, die wir haben – und wir haben eine sehr, sehr starke Solidarität erfahren aus den USA, aber auch aus Europa, aus Berlin. Das ist sehr wichtig. Nur was wir brauchen: Wir brauchen viel mehr als diese netten Worte. Wir brauchen militärische Unterstützung.
Müller: Sie brauchen Waffen. Aber Sie haben Waffen aus den USA bekommen unter Donald Trump.
Melnyk: Wir haben nur einige Javelin-Raketen bekommen. Das ist eine wichtige Sache gewesen, aber das sind Peanuts in Bezug zu dem, was wir tatsächlich benötigen. Wir benötigen eine Modernisierung der ukrainischen Armee. Wir brauchen modernste Waffensysteme, um unsere Verteidigung zu stärken, um auch den Preis für Putin, für seine möglichen Kriegskampagnen in die Höhe zu treiben.
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Müller: Wir haben gestern die Zahlen gefunden. Vielleicht reden wir noch mal ganz kurz darüber, dass es über 300 Raketensysteme aus den USA gegeben haben soll und mehr als 40 Abschuss-Systeme, wenn wir das richtig verstanden haben. Ist das übertrieben?
Melnyk: Wir gehen davon aus, dass die ukrainische Armee wirklich verstärkt werden muss.
Müller: Haben Sie denn diese Waffenlieferung bekommen aus den USA?
Melnyk: Ich kann diese Zahlen nicht bestätigen. Aber was das Ausmaß und die Proportion betrifft, da sind das nur symbolische Schritte.

"Wir sind nicht in Russland einmarschiert"

Müller: Die russische Regierung nimmt das ja auch als Argument zu sagen, die Ukraine rüstet auch auf mit amerikanischer Hilfe. Wir haben das eben auch vom russischen Verteidigungsminister gehört, der gesagt hat, zehntausende von Truppen massieren sich gegen uns an der Grenze, wie auch immer interpretiert, Truppen der NATO im Balkan-Raum. Da sind Manöver geplant. Das ist die offizielle Lesart in Moskau.
Melnyk: Nein. – Ich möchte dem widersprechen. Es gibt keine Truppenbewegungen der ukrainischen Seite. Die gab es auch nicht, bevor Putin diese neue Kampagne gestartet hat. Das ist nur eine Ausrede und gehört zur Kriegspropaganda, mit der wir es zu tun haben. Eins muss man klarstellen: Die Ukraine verteidigt sich selbst. Wir sind nicht in Russland einmarschiert, sondern umgekehrt. Wir brauchen Verteidigung, um einfach unsere Menschen zu schützen. Wie gesagt: Heute geht es darum, dass man diese Eskalation stoppt. Das ist wichtig und richtig. Nur was wir brauchen: Wir brauchen alles Mögliche zu tun, um zu verhindern, dass Putin uns morgen oder übermorgen angreifen kann. Dazu haben wir nur eine einzige Möglichkeit, nämlich dass die Ukraine endlich NATO-Mitglied wird. Wäre die Ukraine im Jahre 2014 NATO-Mitglied gewesen, dann glaube nicht nur ich, sondern viele meiner Landsleute, dass es zu dieser Annexion und auch zu diesem schrecklichen Krieg im Osten der Ukraine nie gekommen wäre.

"German Angst" nicht nachvollziehbar

Müller: Aber da sagen viele, Herr Melnyk, dass das die absolute Provokation gegenüber Russland sein würde, wenn die Ukraine vollständiges Mitglied der NATO wird, weil dann die NATO – das ist ja das Argument, was wir immer wieder hören aus Moskau – noch näher heranrückt, unmittelbar an die russische Grenze, zusätzlich heranrückt. Dann soll dieser Konflikt noch weiter eskalieren. – Kein Argument für Sie?
Melnyk: Ich weiß, dass manche Deutsche diesem Szenario sehr skeptisch gegenüberstehen, unter dem Motto "um Gottes willen, auf keinen Fall die Russen verärgern, provozieren". Aber diese "German Angst" kann man in der Ukraine nicht nachvollziehen.
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Müller: Aber das sind ja nicht nur die Deutschen! Das sind viele Europäer, die so argumentieren.
Melnyk: Ja, das stimmt, und das ist das Hauptproblem. Nicht diese Spielchen jetzt mit Putin, wird er angreifen oder nicht. Er spielt mit dieser Angst. Er weiß, dass alle natürlich hier in Europa einen Flächenbrand verhindern wollen. Das ist wichtig und richtig. Nur wir haben eine Situation, die in der Tat brandgefährlich ist, und wir müssen schauen, was man tut, damit wirklich Putin keine Lust mehr hat, so was zu tun. Die Ukraine hat auch keine andere Wahl. Entweder sind wir Teil eines Bündnisses wie der NATO und tragen auch dazu bei, dass dieses Europa stärker wird, dass dieses Europa selbstbewusster wird, oder haben wir eine einzige Option, dann selbst aufzurüsten, vielleicht auch über einen nuklearen Status wieder nachzudenken. Wie sonst können wir unsere Verteidigung garantieren.

"Ohne Solidarität hätten wir nicht überlebt"

Müller: Massive Aufrüstung und massive Modernisierung der ukrainischen Armee. Ich versuche, das jetzt noch einmal zu thematisieren, beziehungsweise mit Blick auf die Europäische Union hinzuleiten. Wenn wir Ihnen jetzt folgen, dann ist es doch so, ist jetzt meine Frage, dass das bisher, was aus Brüssel kam und auch aus den Hauptstädten kam, zumindest in Europa, bisher immer nur lauwarme Worte waren, die Ihnen nicht weitergeholfen haben?
Melnyk: Es ist so, dass diese Worte auch wichtig sind. Wir brauchen diese Solidarität. Ohne diese Unterstützung, ohne die Sanktionen, die eingeführt wurden nach der Krim-Annexion und während des Krieges im Donbass, hätten wir diese letzten sieben Jahre wahrscheinlich nicht überlebt. Aber das ist trotzdem zu wenig. Wir brauchen jetzt auch ernsthafte Schritte. Deutschland ist der viertgrößte Waffenexporteur weltweit und ich glaube, dass auch die Bundesrepublik diese moralisierende Politik mal ablegen könnte.
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Müller: Realpolitik, sagt die Bundesregierung. Deeskalationspolitik, Realpolitik an der Grenze zu Russland.
Melnyk: Wir glauben, dass man mit einfachen Worten und mit Bitten und Aufrufen Richtung Moskau nur wenig erreichen kann, denn Putin versteht nur die Sprache der Stärke und Härte, und diese Sprache fehlt im Moment. Was wir leider sehen heutzutage, dass hier gerade in Deutschland darüber diskutiert wird, ob man den Impfstoff Sputnik-V besorgen sollte, und das sind falsche Signale, die nach Moskau gehen. Das ist unsere Sichtweise. Das Bild, das damit abgeliefert wird, kann auch verheerende Folgen haben, auch für den Zusammenhalt innerhalb der EU übrigens, nicht nur, was das Vertrauen zwischen der Ukraine und unseren westlichen Partnern betrifft.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.