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StartseiteEuropa heuteDer Nationalismus der Unterdrückten02.12.2019

Unabhängigkeit für WalesDer Nationalismus der Unterdrückten

Die Anhänger der walisischen Unabhängigkeitsbewegung fühlen sich von der Regierung in London fremdgesteuert und vernachlässigt. Als Symbol dafür steht noch immer die alte Geschichte, dass einst das walisische Dorf Dryweryn geflutet wurde, um die Engländer mit Wasser zu versorgen.

Von Ann-Kathrin Jeske

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Der Slogan "Cofiwch Dryweryn" als Grafitti auf einem Steingebäude in Wales (Deutschlandradio/ Ann-Kathrin Jeske)
Die walisischen Nationalisten haben sich den Slogan "Cofiwch Dryweryn" zueigen gemacht, der ursprünglich an ein überflutetes Dorf erinnern sollte (Deutschlandradio/ Ann-Kathrin Jeske)
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Dicke schwere Regentropfen fallen auf den Asphalt. Vor der Autotür hat sich eine so große Pfütze gebildet, dass Cian Ciaran es nur mit nassen Füßen ins Auto schafft. "Wir suchen jetzt ein paar Graffitis an, auf denen "Erinnert euch an Dryweryn" steht. Die sind über den Sommer hier überall aufgetaucht."

Sie stünden symbolisch für die systematische Unterdrückung von Wales durch die Engländer, erklärt der politischer Aktivist der Unabhängigkeitsbewegung Yes Cymru. Die Sprayer lieferten sich mit dem Staat ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem immer neue Graffitis immer wieder überstrichen werden. Vor allem auf Eisenbahnbrücken und Leitplanken von Schnellstraßen habe er sie schon entdeckt, aber die Suche könnte etwas länger dauern.

Politisch ist Cian Ciaran so etwas wie ein Newcomer. "Ich war schon immer politisch interessiert, aber mir hat lange das Selbstbewusstsein gefehlt, meine Meinung auch öffentlich auszusprechen." Er spricht langsam, setzt immer wieder neu an. Außerhalb der Politik kennt den Mann in dem dicken, grünen Parker mit dem silbernen Ring im Ohrläppchen in Wales allerdings so gut wie jeder. 1997 gelang es seiner Rockband als erste walisische Gruppe in die britischen Top Ten. Seither sind Ciaran und die übrigen Mitglieder der "Super Furry Animals" – der "Sehr haarigen Tiere" gewissermaßen nationale Ikonen.

Musiker Cian Ciaran bei einem Konzert der walisischen Band "Super Furry Animals"  (picture alliance / Photoshot)Musiker Cian Ciaran bei einem Konzert der walisischen Band "Super Furry Animals" (picture alliance / Photoshot)

Unabhängigkeitsbewegung "Yes Cymru" im Aufwind

In dem politisch chaotischen Zustand der vergangenen Jahre sei auf dieser Insel so gut wie jeder politisiert worden. Doch für konkrete, politische Inhalte will er sich erst dann einsetzen, wenn Wales unabhängig ist. Denn dass es in Wales mehr Arbeitslosigkeit und Kinderarmut gibt als in England, liege zu allererst daran, dass die Westminster-Regierung Wales systematisch vernachlässige. 

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Wales - Selbstbewusst im Vereinigten Königreich.

Eigentlich ist die zivilgesellschaftliche, walisische Unabhängigkeitsbewegung "Yes Cymru" so etwas wie ein Nachzügler unter den Unabhängigkeitsbewegungen im Vereinigten Königreich. Erst als das schottische Unabhängigkeitsreferendum 2014 in vollem Gange war, gründeten sich überall auch in Wales Ortsgruppen, die für die Unabhängigkeit eintreten. Heute hat "Yes Cymru" auf Twitter mehr Follower als die walisiche Konservative Partei. Und auch in Umfragen sprechen sich immer mehr Menschen in Wales dafür aus, dass das Land unabhängig vom Vereinigten Königreich wird. Zuletzt befürworten 33 Prozent der Befragten ein unabhängiges Wales - wenn Wales gleichzeitig Mitglied in der EU bleiben könnte. 

"Cofiwch Dryweryn": Vom Graffiti zum Slogan

Die Fahrt führt raus aus der Hauptstadt Cardiff mit ihren kleinen, viktorianischen Reihenhäusern ins Hinterland. Es dauert nicht lange, bis sich links und rechts neben der Schnellstraße Richtung Norden große Hügel erstrecken, bedeckt mit herbstlich gefärbtem Laubwald. Da blitzt unter einer Autobahnbrücke ein erstes Graffiti hervor. Anhalten unmöglich. Etwas weiter dann ein zweites: Hoch oben auf einem stillgelegten Bahnhofsturm.

Cian Ciaran spannt einen großen, schwarzen Regenschirm auf und läuft auf dem schmalen Fußgängerweg direkt neben der Schnellstraße bis zu dem massiven, dunklen Backsteinturm. In weißen Buchstaben auf rotem Grund steht dort: "Cofiwch Dryweryn"

"Das hier ist also eine Kopie des Original-Graffitis aus den 60er-Jahren. 1965 ist das Dorf Dryweryn bewusst geflutet worden, um dort einen Stausee entstehen zu lassen. Das hat das Parlament in Westminster damals so entschieden."

Die walisischen Dorfbewohner wurden vertrieben, damit die Engländer in Liverpool mit Wasser versorgt werden konnten. Cian Ciaran sagt, es sei der Moment in der walisischen Geschichte gewesen, in dem sich der ganze Frust der walisischen Bevölkerung gegen die Engländer bis heute spiegeln würde: 35 walisische Abgeordnete im britischen Unterhaus wurden von der Mehrheit der übrigen 595 Parlamentarier überstimmt. Und so sei "Cofiwch Dryweryn" bis heute das Symbol dafür, dass Wales im Vereinigten Königreich keine Stimme habe. Als das Original-Graffiti dieses Jahr überstrichen wurde, poppten die Slogans plötzlich wieder überall im Land auf.

Nationalismus mit Nationalismus bezwingen?

Cian Ciaran hält es nicht für einen Zufall, dass der Slogan gerade jetzt wieder aufgekommen ist. Der engstirnige, isolierende Nationalismus hinter dem Brexit habe der walisischen Unabhängigkeitsbewegung einen Schub gegeben. Was aber macht den walisischen Nationalismus langfristig weniger engstirnig als den britischen? Und muss der Versuch, Nationalismus mit Nationalismus zu bezwingen, nicht scheitern?

"Ich benutze das Wort Nationalismus nicht. Ich nenne mich selbst auch nicht so. Das ist ein Begriff von Journalisten, um Leute in eine Schublade zu stecken. Du bist links, du bist rechts. Ich will, dass in Wales im Verhältnis zum Vereinigten Königreich gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen." Solange die Macht aber in London liege, werde das nicht passieren. Danach, sagt er, will er sich um die politischen Inhalte kümmern.

"Die Sache ist einfach die: Sagen wir, Sie sind ein Umweltschützer in Wales, dann haben sie keinerlei Kontrolle darüber, ob hier ein Atomkraftwerk gebaut wird oder nicht. Das wird in Westminster entschieden. Also kämpfe ich diese Woche gegen die Westminster-Regierung in London und nächste Woche gegen den Klimawandel. Und die Unabhängigkeit ist eben das Tool, dass uns helfen kann, hier vor Ort Einfluss zu bekommen. Schnell."

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