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StartseiteEine WeltKernkraft als klimafreundliche Alternative 01.08.2020

Vereinigte Arabische Emirate Kernkraft als klimafreundliche Alternative

Das erste Kernkraftwerk in einem arabischen Staat soll dieses Jahr ans Netz gehen. Das AKW Barakah soll ein Viertel des Energiebedarfs der Vereinigten Emirate decken. Die Anreicherung von Uran ist vertraglich ausgeschlossen. Diese Transparenz gilt manchen bereits als Goldstandard.

Von Carsten Kühntopp

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Das im Bau befindliche Kernkraftwerk von Barakah (Undatiertes Foto) (AP Photo / Emirates News Agency / Arun Girija)
Laut der offiziellen Darstellung in den Emiraten gehört Atomkraft zu den „cleanen“ Energiequellen (AP Photo / Emirates News Agency / Arun Girija)
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Etwas ab vom Schuss steht das Atomkraftwerk Barakah an der Küste des Persischen Golfs. Bis nach Abu Dhabi sind es knapp 300 Kilometer, bis zur saudischen Grenze 50. Im Februar kam die Betriebserlaubnis, nun ist der erste der vier Reaktorblöcke im Testlauf. Hamad al-Kaabi, Vize-Chef der Atom-Aufsichtsbehörde der Vereinigten Arabischen Emirate:

"Dies ist ein historischer Augenblick für die Vereinigten Arabischen Emirate, weil sie das erste arabische Land in der Region geworden sind, das ein Atomkraftwerk betreibt - der Höhepunkt einer zwölf Jahre währenden Arbeit an diesem vielversprechenden Programm."

Das Bild zeigt das umstrittene "Schwimmende Atomkraftwerk" Russlands, die "Akademik Lomonossow", die hier im Wasser von Beibooten eskortiert wird. (dpa-bildfunk / AP / Dmitri Lovetsky) (dpa-bildfunk / AP / Dmitri Lovetsky)Statusbericht - "Relevanz für die Atomkraft verschwindet langsam"
Experten sehen die zivile Nutzung der Atomkraft auf dem Rückzug. Die Energieform sei nur noch wenig attraktiv, sagte Mycle Schneider, Mitautor des Nuklearindustrie-Statusberichts, im Dlf.

Errichtet wurde das AKW vom südkoreanischen Konzern KEPCO für rund 24 Milliarden US-Dollar. In diesem Jahr soll es ans Netz gehen. Zusammen werden die vier Blöcke 5.600 Megawatt Strom liefern, etwa ein Viertel des Bedarfs des Landes. Die Emiratis rechnen vor: Der sündhaft große CO2-Fußabdruck ihrer Nation schrumpfe nun, um bis zu 21 Millionen Tonnen im Jahr - das sei so, als legte man jedes Jahr mehr als drei Millionen Autos still. Derzeit liefern Gasturbinen 98 Prozent des Stroms in den Emiraten, die anderen zwei Prozent sind Sonnenenergie. Dieser Mix soll sich ändern: Weniger Gas, dazu Atomkraft, etwas Kohle - und mehr Erneuerbare. Denn trotz des Einstiegs in die Atomkraft halten die Emiratis an dem Ziel fest, zu einem wichtigen Player im Bereich der Erneuerbaren zu werden. Der Kopf dahinter ist Sultan Ahmed al-Jaber, Staatsminister im Kabinett. Er sagt:

"In den VAE ist der Bereich erneuerbarer Energien in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 400 Prozent gewachsen. Und wir sind auf dem Weg, diesen Bereich in den kommenden zehn Jahren noch einmal zu verdoppeln."

So erhielt in dieser Woche ein französisch-chinesisches Konsortium den Zuschlag für den Bau der weltgrößten Photovoltaik-Anlage in Abu Dhabi, mit einer Kapazität von zwei Gigawatt.

Über Sinn und Unsinn der Atomkraft darf nicht debattiert werden

Laut der offiziellen Darstellung in den Emiraten gehört Atomkraft zu den "cleanen" Energiequellen. Das AKW Barakah sei "sauber, sicher und umweltfreundlich", heißt es in den Medien, das Endlager-Problem sei nur klein, weil wenig Müll anfalle. Über Sinn und Unsinn der Atomkraft, über ihre Gefahren inmitten einer politisch äußerst instabilen Region darf nicht offen und kontrovers diskutiert werden, wie ganz grundsätzlich nicht über Entscheidungen der Führung des Landes.
Alle Mühe haben sich die Emirate gegeben, mit dem Kraftwerksbau kein weiteres Element der Unruhe in den Nahen Osten zu bringen. Christer Viktorsson ist der schwedisch-finnische Chef der Atom-Aufsichtsbehörde der VAE. Er meint:

"Beim Begriff ‚nuklear‘ denken viele Menschen an nicht-friedliche (Aspekte). Aber hier in diesem Land schreibt beispielsweise das Gesetz ausschließlich eine friedliche Anwendung vor."

Dossier: Atomwaffen (picture-alliance/dpa/Fotoreport) (picture-alliance/dpa/Fotoreport)

Mit den USA vereinbarten die Emirate vertraglich den Verzicht auf eine Uran-Anreicherung und eine Wiederaufarbeitung. Das macht eine militärische Nutzung ihres Atomprogramms unmöglich. Außerdem hat sich das Land zu einem Inspektionsregime verpflichtet, das über die Standards der Internationalen Atomenergie-Organisation noch hinausgeht. Seit 2010 habe es bereits mehr als 40 Überprüfungen durch die IAEO und den Weltverband der AKW-Betreiber gegeben, sagt Hamad al-Kaabi von der Atomaufsicht der Emirate stolz:

"Dies ist genau die Herangehensweise, für die wir auch bei anderen Ländern in der Region und weltweit werben. Es geht um die Transparenz und das Einbinden der internationalen Gemeinschaft."

Wie durchsichtig das Atomprogramm der VAE ist, gilt manchen bereits als Goldstandard - Vorbild vielleicht auch für andere arabische Staaten, die in die Kernkraft einsteigen wollen. Am weitesten fortgeschritten ist dabei wohl Ägypten. Von Russland lässt es sich ein AKW an die Mittelmeerküste stellen. Dass sich der angepeilte Termin der Inbetriebnahme - das Jahr 2026 - halten lässt, ist aber unwahrscheinlich.

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