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StartseiteCorsoWie jüdische Modemacher vertrieben wurden07.07.2020

Vergessene Berliner ModeweltWie jüdische Modemacher vertrieben wurden

Anfang der 1920er-Jahre war Berlin vor allem dank jüdischer Unternehmer die Modehauptstadt - bis die Nazis die Macht übernahmen und der Modeindustrie ein brutales Ende setzten. Dies sei bis heute ein blinder Fleck in der deutschen Geschichte, sagte Historiker und Autor Uwe Westphal im DLF.

Uwe Westphal im Corsogespräch mit Mike Herbstreuth

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Frau aus den 1920er Jahren im Abendkleid (picture alliance / akg-images)
Berliner Mode war bis Mitte der Zwanzigerjahre sehr geschätzt (picture alliance / akg-images)
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Uwe Westphal ist Historiker und Autor des Buches "Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939". Er beschreibt in seinem Buch den Modeerfolg der Stadt, für den vor allem jüdische Unternehmer verantwortlich waren. Dass dieser Erfolg durch die Nazis zerstört wurde, sei ein blinder Fleck in der deutschen Geschichte, sagte er im Corsogespräch. Dieser blinde Fleck dauere seit 1945 an. "Es wird nicht anerkannt, dass die Modeindustrie ein großer Sektor mit 96.000 Beschäftigten war, mit 2.700 Firmen am Hausvogteiplatz in Berlin." Diese Firmen haben weltweit dafür gesorgt, so Westphal, dass Berliner Mode zu einem Begriff wurde, der überall sehr geschätzt war - wie die Pariser Couture heute.

Zerstörung der Berliner Mode

Uwe Westphal erläutert, wie sich Nationalsozialisten von jüdischen Schneiderinnen und Schneidern in den Konzentrationslagern ihre Kleidung haben schneidern lassen. In den Zwangsarbeitslagern in Łódź beispielsweise wurden Tausende Männer und Frauen gezwungen, Mode für die Nazis zu machen, sagte er. Das Modeunternehmen Hugo Boss habe dafür gesorgt, dass es diese Zwangslager gab. Außerdem habe sich Josef Neckermann um die organisatorische Abwicklung dieser Arbeitslager gekümmert. 

Viele dieser Unternehmen haben sich laut Westphal nicht mit den Restitutionsanträgen auseinandergesetzt, die zwischen 1946 und 1949 gestellt wurden. "Da haben die Eigentümer der ehemals jüdischen Firmen stur gestellt, als ginge sie das alles nicht an, als hätten sie nicht auch eine Verpflichtung, nämlich Kapital rückzuerstatten, nämlich an diejenigen, denen sie es weggenommen haben".

Auseinandersetzung mit Vergangenheit

Hugo Boss habe Historiker beauftragt, die eigene Geschichte in einem Buch aufzuarbeiten. "Mir ist bis heute nicht bekannt, dass Hugo Boss sich an der Kompensierung von denjenigen, die für Hugo Boss in den Lagern waren, dass man sich darum gekümmert hat, dass die auch eine ordentliche Rente bekommen haben später. Ich glaube, da haben die sich auch drum gedrückt." Neckermann habe die eigene Geschichte nicht erforschen lassen.

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Der Kurfürstendamm war laut Westphal von 1950 an ein Boulevard der kriminellen Arisierer. Derjenigen, die in der Mode tatsächlich Eigentum konfisziert haben, gestohlen haben und mit den Nazis zusammengearbeitet haben, sagte Westphal. Weil dies nicht zum Bild des Wirtschaftswunders passte, habe man versucht, dies zu verschleiern. 

Berlin verliert schon wieder Modebranche

Die Berliner Fashion Week habe sich mit der Vergangenheit der Berliner Modeindustrie nicht auseinandergesetzt. Er habe sie selbst gefragt und eine Veranstaltung angeboten. Nun geht die Fashion Week Berlin nach Frankfurt in eine modisch a-historische Stadt, findet Westphal. Berlin habe damit wieder eine Chance vergeben, die Berliner Modetradition zu sichern.

Äußerungen unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Uwe Westphal: "Modemetropole Berlin 1836 bis 1939 – Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser"
Henschel Verlag 2019
272 Seiten, 28 Euro

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