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StartseiteUmwelt und VerbraucherPCB in Geflügelfleisch gefunden15.11.2018

Verunreinigtes FutterPCB in Geflügelfleisch gefunden

PCB gilt als giftig und krebserregend; nun wurde es in Geflügelfleisch entdeckt. Ursache dafür sind offenbar verunreinigte Futterchargen. Die schlechte Nachricht für Verbraucher: Wenn die staatlichen Kontrollen versagen, haben sie kaum Möglichkeiten, sich selbst zu schützen.

Alexander Budde im Gespräch mit Georg Ehring

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Eine Geflügelfleisch-Auslage in einem Lebensmittelgeschäfts (dpa / Malte Christians)
Im Fleisch von 4.000 Putenhennen aus einem Betrieb in Niedersachsen konnten erhöhte PCB-Werte nachgewiesen werden. (dpa / Malte Christians)
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Georg Ehring: Polychlorierte Biphenyle, abgekürzt PCB, sind fast geruchlos, schwer entflammbar und chemisch ziemlich stabil - aber leider auch giftig und krebserregend. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurden sie in Transformatoren und Hydraulik-Anlagen verwendet, heute sind sie nur noch gefährliche Altlasten. Jetzt haben die Aufsichtsbehörden PCB in Geflügelfleisch gefunden und zwar vor allem in Niedersachsen. Alexander Budde ist unser Korrespondent dort. Herr Budde, welches Ausmaß hat die Verseuchung und welche Konsequenzen?

Alexander Budde: Vor wenigen Minuten hat Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast von der CDU die Abgeordneten des Landtags unterrichtet. Demnach wurden die niedersächsischen Aufsichtsbehörden bereits am 02. November durch die Kollegen in NRW darüber informiert, dass bei Routinekontrollen eines Futtermittelbetriebs eine Verunreinigung von Futtermitteln nachgewiesen wurde. Bis zu Zehnfach sollen die zulässigen Grenzwerte für den PCB-Gehalt bei einigen Proben überschritten worden seien. Seither wird ermittelt, auf welchen Wegen die kontaminierten Futtermittel dann an Empfängerbetriebe in diesem komplexen Geflecht geliefert wurden – u.a. nach Niedersachsen – und wir reden von einer ganzen Menge, so die Ministerin Barbara Otte-Kinast im Landtag:

"Nach aktuellem Stand sind 290 Tonnen möglicherweise ndl-PCB kontaminierter Futtermittel nach Niedersachsen geliefert worden."

Weitere Verwendung des Futters untersagt

Behörden haben den betroffenen Geflügelhaltern die weitere Verwendung der Futtermittel umgehend untersagt. Allerdings, aktuell – und das ist auch nur eine Momentaufnahme – sollen allein hierzulande neun niedersächsische Hähnchenmast-, Legehennen- und Putenmastbetriebe in diversen Landkreisen betroffen sein. Und so viel steht schon fest: Die gelieferten Futtermittel-Chargen sind bereits vollständig verfütter. Seit gestern liegen nun auch die Proben von Geflügelfleisch und Eiern aus diesen betrieben vor. Die Erkenntnis: Zumindest das Fleisch von 4.000 Putenhennen aus einem Betrieb im Landkreis Nienburg liegt über dem Höchstgehalt. Einige Betriebe waren unauffällig, bei anderen steht das Testergebnis noch aus.  Aber beliefert mit dem Futtermittel wurde auch ein Junghennen-Aufzuchtbetrieb im Landkreis Nienburg und von hier gingen die Junghennen an zahlreiche Legehennen-Betriebe weiter. Und der Skandal zieht weitere Kreise, denn diese Junghennen, die gingen auch an weitere Bundesländer, nach NRW, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen. Die sind jetzt amtlich gesperrt, die weitere Lieferung zunächst untersagt.

Ehring: Wie kommt das PCB in das Futter?

Budde: Das Futter soll durch Zitat "punktuelle Lackabsplitterungen" aus zwei verschiedenen Verladezellen dieses Futtermittel-Herstellers in NRW kontaminiert worden sein. Und da stellt sich natürlich die Frage: Kommt so was häufiger vor? Warum dann diese enormen Folgen, diese Mengen, 290 Tonnen? Und vor allem, was genau waren die Ursachen? Warum hat der Betrieb es nicht gemeldet, wozu er selbstredend verpflichtet wäre – warum ist das erst eher zufällig bei Routinekontrollen ans Licht gekommen?

Verbraucher sind auf staatliche Kontrollen angewiesen

Ehring: Sind Konsumenten gefährdet und wenn ja, kann man sich irgendwie schützen?

Budde: PCBs – sie sagten es eingangs schon – sind lipophile Substanzen, also die lösen sich in Fetten, die reichern sich im Fettgewebe von Menschen an. Deshalb gibt es seit 2012 möglichst geringe Grenzwerte gesetzlich vorgeschrieben für Lebensmittel tierischer Herkunft – wie eben Geflügelfleisch, Hühnereier und weitere Produkte auf Eier-Basis. Christian Meyer war früher Landwirtschaftsminister, jetzt spricht er für die grüne Ratsfraktion: Er sprach heute im Plenum von "einem der größten Lebensmittel-Skandale der letzten Jahre" – weil das PCB eben nicht nur ins Futtermittel gelangt sei, sondern auch in den Verzehr. Mayer sagte:

"Wenn da für den Menschen giftige Substanzen in großen Mengen, 290 Tonnen, in Futtermitteln sind, wenn Puten über´m Grenzwert belastet sind, möglicherwiese auch in Niedersachsen verkauft und verzehrt worden sind, dann frage ich mich, warum die Ministerin 12 Tage gewartet hat, um diese Informationen herauszugeben. Anscheinend hatte sie vor, zu gucken, ob man das nicht vielleicht unter der Decke halten kann, wenn nichts im Endprodukt ist."

Aber kurz zurück zur Eingangsfrage, wie kann ich mich schützen? Als normaler Verbraucher, ganz ehrlich: Diese Futterströme sind so komplex heutzutage und Eier sind im Prinzip überall drin... Ich kann vielleicht versuchen, mich lokal zu versorgen, im Betrieb meines Vertrauens. Aber der gemeine Verbraucher muss sich einfach verlassen können, dass am Anfang der Kette schon kontrolliert wird.

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