
Erhöhte Alarmbereitschaft in Albanien: Anfang April warnte die US-Botschaft in Tirana vor möglichen Drohungen im Zusammenhang mit dem iranischen Regime. Dass Albanien mitten im Irankrieg ins Visier der Mullahs gerät, hat auch mit dem „Camp Ashraf 3“ zu tun, dass etwa 40 Autominuten von Albaniens Hauptstadt Tirana entfernt liegt. Denn dort leben etwa 2500 Exil-Iranerinnen und -Iraner: die politische Oppositionsgruppe der Volksmudschahedin (MEK).
Wer sind die Volksmudschahedin?
Die Volksmudschahedin – auch Modjahedin-e-Khalq (MEK) – verstehen sich als Opposition zum islamischen Regime im Iran. Gegründet wurden sie 1965 als revolutionäre Bewegung gegen den Schah. Nach der Iranischen Revolution gerieten sie jedoch in Konflikt mit dem neuen Regime unter Ruhollah Chomeini.
Ihnen werden zahlreiche Terroranschläge im Land zur Last gelegt. Zugleich wurden sie durch das Regime der Islamischen Republik brutal verfolgt. Bis heute sind die Volksmudschahedin im Iran verboten, und Personen mit mutmaßlichen Verbindungen werden verfolgt, verhaftet oder gar hingerichtet. Viele Mitglieder gingen ins Exil, unter anderem in den Irak, wo die Organisation lange Zeit aktiv war.
Das US-Außenministerium stufte die MEK bis 2012 als Terrororganisation ein, da sie an Anschlägen auf amerikanische Staatsangehörige beteiligt gewesen sein sollen. „Ihre Streichung von der Terrorliste der USA wurde von zahlreichen Expertinnen kritisiert“, hieß es 2018 in einer Antwort der damaligen Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage.
Auch in Deutschland wurden die Volksmudschahedin lange vom Verfassungsschutz beobachtet und in der EU auf der Liste terroristischer Organisationen geführt. 2009 strich die EU die Gruppe von der Liste. Die Organisation hatte sich zuvor mit mehreren Klagen erfolgreich gegen die Einstufung als Terroristen sowie die Beschlagnahme ihres Vermögens gewehrt.
Warum sind sie in Albanien?
Im Irak ansässige MEK-Kämpfer waren nach früheren Angaben der Bundesregierung im Irak mit ihrem militärischen Arm für zahlreiche Anschläge auf Einrichtungen und Repräsentanten des Iran verantwortlich. Sie wurden 2003 entwaffnet, als die USA den irakischen Machthaber Saddam Hussein stürzten und das Land eroberten. Als sich die US-Amerikaner aus dem Irak zurückzogen, kam es zu terroristischen Anschlägen auf Lager der Volksmudschahedin.
Deswegen wurden seit 2013 auf Vermittlung der USA mehrere tausend MEK-Mitglieder in Albanien angesiedelt. Ein Deal zwischen den USA und der albanischen Regierung machte dies möglich. Es war also kein Zufall, dass die Volksmudschahedin sich ausgerechnet ins albanische Exil flüchteten. Sie taten dies auf Geheiß und unter der Organisation der USA.
Ihre Umsiedlung wurde größtenteils von den Vereinigten Staaten sowie teilweise von internationalen Organisationen finanziert, sagt ein Journalist, der sich seit Längerem mit der Gruppe beschäftigt und anonym bleiben möchte. „Sie sollen damals 20 Millionen US-Dollar über das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen von den USA erhalten haben. Wie sie sich heute finanzieren, darüber ist offiziell wenig bekannt.“
Cyberangriffe und Anschlagsgefahr: Welche Gefahren drohen Albanien?
Politisch stärkte der Deal die Beziehung zwischen den USA und Albanien, führte aber gleichzeitig zu Spannungen mit dem Iran.
Seit einigen Jahren ist Albanien immer wieder Ziel von iranischen Hackerangriffen gewesen. Die schwerwiegendste Attacke hat sich im Jahr 2022 ereignet, als die Cyberkriminellen albanische Regierungsnetzwerke lahmlegten, darunter das e-Albania-System und das Grenzüberwachungssystem TIMS. Daraufhin setzte Tirana die diplomatischen Beziehungen zu Iran aus.
Auch in diesem Jahr schlug die Hackergruppe “Homeland Justice” wieder zu und griff die Website der Gemeinde Tirana an. Dabei wurden Onlinedienste gestört, Daten extrahiert und Server gelöscht. Hinter „Homeland Justice“ soll eine Gruppe stecken, die dem iranischen Regime nahesteht. Das sind Aussagen von US-Behörden wie dem FBI. Das Motiv der iranischen Hackergruppe: Albaniens Regierung unter Druck zu setzen und dafür zu bestrafen, dass sie den oppositionellen Volksmudschahedin Exil gewähren.
Wie lässt sich die Organisation politisch einschätzen?
Ursprünglich vertraten die Mitglieder der MEK eine Ideologie, die Ansichten des schiitischen Islams mit marxistischen Ideen vereinte. Sie stellten sich gegen das Schah-Regime, aber auch gegen den westlichen Einfluss – hatten ursprünglich eine stark antiamerikanische und antiisraelische Ausrichtung.
Den Volksmudschahedin kam während der iranischen Revolution von 1979 eine wichtige Rolle zu, die zur Gründung der Islamischen Republik führte. Sie unterstützten zwar den Umsturz, verwarfen sich jedoch anschließend mit dem neuen iranischen Oberhaupt Ruhollah Chomeini, der einen religiös geführten Staat unter der Herrschaft der Geistlichen propagierte. Die Volksmudschahedin hingegen strebten ein eher revolutionär-populistisches System mit sozialer Gleichheit und politischem Pluralismus an.
Heute sehen sie sich die Volksmudschahedin als demokratische Opposition gegen das iranische Regime und betonen politische Ziele wie einen säkularen Staat und freie Wahlen. Unterstützer sehen sie als Widerstandsbewegung, Kritiker hingegen als autoritär geprägte Exilorganisation mit sektenähnlichen Strukturen und einer gewalttätigen Vergangenheit. Und auch in Albanien sorgten sie für Aufruhr, als die albanische Polizei im Jahr 2023 ihr Camp stürmte, nachdem der Verdacht aufgekommen war, dass die MEK aus ihrem Hauptquartier aus Cyberattacken gegen das iranische Regime orchestriert haben soll.
Ob die Volksmudschahedin für die Zukunft des Iran eine entscheidende Rolle spielen werden, ist ungewiss. Die Gruppe ist mittlerweile wohl recht klein. Allerdings sagt der Journalist, der sich mit der Gruppe beschäftigt und anonym bleiben möchte: „Wenn ich mit Experten über die MEK spreche, werde ich immer wieder daran erinnert, dass man sie nicht unterschätzen sollte.”
Audio und Recherche: Adelina Gashi Onlinetext: Leila Knüppel













