
Rund 319.000 Menschen in Deutschland haben einen iranischen Migrationshintergrund. Sie bilden die größte iranische Community in Europa. Viele Iranerinnen und Iraner, die ihr Heimatland in den vergangenen Jahrzehnten verlassen haben, gehörten zur intellektuellen Elite des Landes oder waren in der Studentenbewegung politisch aktiv.
Ihre Sozialisation und politische Einstellung prägen häufig auch die nachfolgenden Generationen, die in Deutschland geboren wurden. Die meisten sind überdurchschnittlich gut gebildet. Viele haben eine doppelte Staatsbürgerschaft, da der Iran eine Aufgabe der iranischen Staatsbürgerschaft nicht zulässt.
Seit Anfang des Jahres sind viele von ihnen auf die Straße gegangen und haben gegen das iranische Regime protestiert. Von einer geeinten Freiheitsbewegung ist die iranische Community in Deutschland jedoch weit entfernt. Zu unterschiedlich sind die Ansichten darüber, wie ein Regimesturz herbeizuführen sei und wie es danach weitergehen sollte.
Wo stehen Iranerinnen und Iraner in Deutschland politisch?
In Deutschland sind seit Jahresbeginn in zahlreichen Städten Menschen gegen das iranische Regime auf die Straße gegangen. Sie alle hatten ein Ziel: Den Sturz des seit 47 Jahren währenden Mullah-Regimes in ihrer Heimat.
Doch trotz dieser grundsätzlichen Einigkeit gilt die iranische Opposition in Deutschland als tief gespalten. Eine gemeinsame Demonstration kommt für die meisten Anhängerinnen und Anhänger der unterschiedlichen politischen Strömungen nicht in Frage. Stattdessen häufen sich Berichte von Attacken, Online-Hetze und Drohungen unter Exil-Iranern.
Von einem gemeinsamen politischen Standpunkt lässt sich also nicht sprechen. Die völkerrechtswidrige Militärintervention der USA und Israels im Februar 2026 etwa sehen einige Regimegegner als notwendige Befreiung, während andere sie ausdrücklich ablehnen.
„Monarchisten“: Die Anhänger von Reza Pahlavi
Die sowohl strukturell als auch medial am besten organisierte iranische Oppositionsgruppe in Deutschland sind die Anhänger von Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten iranischen Schahs, der 1979 durch die islamische Revolution gestürzt wurde.
Der im amerikanischen Exil lebende Reza Pahlavi und seine Anhänger, die auch „Monarchisten“ genannt werden, haben sich in der Vergangenheit immer wieder für ein militärisches Eingreifen der USA ausgesprochen, um einen Regime-Wechsel im Iran einzuleiten.
Er strebe keine Alleinherrschaft an, sagte Reza Pahlavi, sondern wolle als „Vater der Nation“ den Übergang zu einem freien Iran leiten. Seine Gegner bezweifeln das – auch und vor allem, weil er sich nie wirklich vom politischen Erbe seines Vaters distanziert hat. Dessen Regierungszeit war geprägt von einem strikten, repressiven Modernisierungskurs, der vor allem die wirtschaftliche Elite des Landes stärkte, weite Teile der ländlichen Bevölkerung jedoch verarmen ließ. Wer sich dem Kurs des Schahs widersetzte, musste die Verfolgung des iranischen Geheimdienstes SAVAK fürchten.
Vor allem Anhänger linker, kurdischer und religiöser Gruppen wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Reza Pahlavi und seine Anhänger rechtfertigen das heute mit den damaligen internationalen Bedingungen und der Notwendigkeit eines antikommunistischen Regimes im Iran. Ihre Gegner sprechen von einem bis heute fehlenden Willen zur Aufarbeitung.
Volksmudschahedin (MEK) und der „Nationale Widerstandsrat“
Die Volksmudschahedin (MEK) sind ursprünglich eine islamistisch-sozialistische Bewegung. Sie gelten als eine der aktivsten iranischen Oppositionsgruppen im Exil. Gleichzeitig sind sie umstritten. Viele Jahre standen sie auf der Terrorliste der EU. Erst 2009 beendete ein Urteil des Europäischen Gerichtshof die Listung. Innerhalb des Iran werden die Volksmudschahedin vor allem aufgrund ihrer Haltung im Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren von vielen Menschen abgelehnt.
Im Jahr 1981 gründeten sie gemeinsam mit anderen Oppositionsgruppen den „Nationalen Widerstandsrat des Iran“, der vor allem im europäischen und amerikanischen Exil stark vernetzt ist. Sein Organisationsmuster ähnele teilweise dem der kurdischen PKK, analysiert der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze.
An der Spitze steht mit Maryam Rajavi eine sehr starke Führungsfigur, „die fast schon mit einem Heilsversprechen verbunden ist“, so Schulze. „Es gibt dann da drunter eine Ebene, wo dann gesagt wird, die Organisation steht für Demokratie, Menschenrechte, Föderalismus, Frauenrechte usw. ein. Aber gleichzeitig gibt es eine ganz starke autoritäre Struktur, die sich dann auch deutlich absetzt im Grunde von den Demokratieerwartungen, die in der iranischen Opposition bestehen.“
Links-Liberale und Sozialdemokraten
Das links-liberale oder auch sozialdemokratisch geprägte Lager steht in der Tradition der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung sehen, die im Jahr 2022 nach dem Tod der kurdischen Aktivistin Jina Mahsa Amini entstand. Es steht sowohl den Monarchisten um Reza Pahlavis als auch den Volksmudschahedin kritisch gegenüber.
Aktivisten, wie etwa der Gründer des Vereins iranischer Flüchtlinge in Berlin, Hamid Nowzari, sprechen sich gegen militärische Interventionen im Iran aus, fordern aber dennoch den Sturz des Mullah-Regimes. Dieser soll durch Boykottaktionen, Sanktionen und etwa den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Teheran erfolgen.
Im Zentrum der Forderungen stehe „eine radikale Menschenrechtspolitik“, so Nowzari. „Kein Führerkult, keine hierarchische Struktur im Hintergrund, kein militärisches Eingreifen. Stattdessen freie Wahlen, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Geschlechtergerechtigkeit und eine Einbeziehung der zahlreichen ethnischen Minderheiten des Iran – allen voran der Kurden, die von den Monarchisten ebenso wie vom islamischen Regime als Separatisten bezeichnet werden.
Kritiker werfen Aktivistinnen und Aktivisten aus dem links-liberalen Lager vor, dass ihre Forderungen naiv und die Rufe nach Freiheit und Menschenrechten zu abstrakt seien. Großen Teilen der Diaspora-Bewegung fehle es an einem konkreten Plan, wie der allseits geforderte Machtwechsel im Iran eingeleitet werden soll, meint auch der iranischstämmige Journalist Omid Rezaee.
Welchen Einfluss hat die Diaspora auf den Iran?
Nach Ansicht von Islamwissenschaftler Reinhard Schulze und Journalist Omid Rezaee wird der Einfluss der iranischen Diaspora häufig überschätzt – gerade von ihren Mitgliedern selbst. Der Grund: Viele derer, die in Europa oder den USA politisch aktiv sind, leben seit Jahrzehnten im Exil.
Dort haben sich eigene Netzwerke und Strukturen gebildet, die nicht unbedingt mit denen im Iran verbunden sind. Zudem repräsentiert die Diaspora nur einen bestimmten Teil der iranischen Gesellschaft, nicht ihre Gesamtheit.
"Diese Diskrepanz führt dann dazu, dass es Fehleinschätzungen gibt, wie beispielsweise die von Reza Pahlavi, als er am 7. Januar zur großen Massendemonstration aufgerufen hat und nicht in Rechnung gestellt hat, welche Opfer ein solcher Aufruf in der iranischen Gesellschaft kosten würde", sagt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. "Das war aus der Sicht von vielen lokalen Akteuren unverantwortlich, was dort geschehen ist."
Dennoch, so berichten es vor allem auch Iranerinnen und Iraner selbst, sei das Gefühl, im Ausland nicht vergessen zu werden, elementar wichtig für jede Protestbewegung.
Wie ernst das Regime in Teheran die oppositionellen Aktivitäten im Exil nimmt, zeigt der ständig wachsende Druck des iranischen Geheimdienstes auf Regimekritikerinnen und -kritiker im Ausland. Das Innenministerium in Berlin warnt Iranerinnen und Iraner in Deutschland in diesen Tagen explizit.

























