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Vom Westen zurückgeschickt

Seit gut einem Jahr dürfen die Bürger der drei Balkan-Staaten Mazedonien, Serbien und Montenegro ohne Visum in die EU einreisen. Doch viele Serben und Mazedonier nutzen die lang ersehnte Freiheit seltener um zu reisen, sondern viel häufiger, um in Deutschland und anderen EU-Staaten Asyl zu beantragen.

Von Jörg Paas | 04.11.2010
    "Mutter, oh Mutter, weißt du noch nicht, dass ich fortgehe, als Asylant, ich werde allein sein und mein Leben in der Ferne verbringen." – So wie hier von Mentor Kurtishi besungen, geht es vielen Albanern in Mazedonien und im Presevo-Tal im Süden Serbiens. Sie träumen davon, ihrem trostlosen Leben in Armut und ohne Zukunft zu entfliehen – erst mit dem Bus weit über tausend Kilometer nach Norden und dann mit einem Stück Papier, einem Antrag auf politisches Asyl in einem Land der Europäischen Union, zum Beispiel in Deutschland. Radovis sagt:

    "Natürlich löst das nicht alle unsere Probleme. Aber in fünf oder sechs Monaten können wir gut Geld verdienen, dann zurückkommen, ein kleines Geschäft aufmachen und damit unsere Familie ernähren."

    Eine tragische Illusion, der immer noch viele erliegen. Die Ernüchterung setzt oft erst am Ziel der großen Träume ein, hat Lipkovo festgestellt:

    "Nichts haben wir bekommen, nicht mal eine Unterkunft. Zuhause hatte man uns gesagt, es wäre ganz leicht, einen Asylantrag zu stellen. Aber das war eine Lüge. Uns blieb nichts anderes übrig, als nach einer Woche wieder nach Hause zu fahren."

    Seit Dezember letzten Jahres brauchen Serben und Mazedonier kein Visum mehr, um in die Europäische Union einzureisen. Seither haben Hunderte – vor allem Roma und Albaner – sich auf den Weg gemacht, um in Deutschland Asyl zu beantragen. In ihrer Heimat, so klagten sie, gäbe es keine Arbeit, kein Geld und keine Perspektive. Andere beharrten darauf, sie seien Opfer von Diskriminierung. Die deutschen Behörden sehen das in der Regel anders: 99 Prozent aller Asylanträge von Menschen aus Serbien und Mazedonien werden abgelehnt.

    In vielen Fällen ist diese Ablehnung von den Betroffenen sogar einkalkuliert. Umso erstaunter nehmen sie dann allerdings oft zur Kenntnis, dass sie für den Rückweg in die Heimat nicht – wie erhofft – irgendwelche Prämien bekommen, sondern allenfalls eine Fahrkarte für den Bus.

    Zuhause in Mazedonien hatte das ganz anders geklungen: da hatte man ihnen von großzügigen Rückkehrhilfen erzählt, von Benzingeld und anderen Geschenken, die Deutschland abgelehnten Asylbewerbern oder denen, die ihren Antrag freiwillig zurückziehen, mit auf den Weg geben würde. Doch all das ist inzwischen weitgehend gestrichen worden. Stattdessen fordern Politiker nun Härte gegenüber Serbien und Mazedonien und drohen mit Konsequenzen.

    Wenn der offenkundige Missbrauch des Asylrechts weitergehe, warnt zum Beispiel Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, dann müsse die EU handeln und die Visumspflicht für beide Länder wieder einführen. Für Herrmanns serbischen Amtskollege Ivica Dacic eine schlimme Vorstellung:

    "Es wäre eine Tragödie, wenn fast drei Millionen Serben, die inzwischen neue Pässe haben, mit denen sie freizügig in der EU reisen können, bestraft würden für das unverantwortliche Handeln einiger weniger. Denn gerade jetzt erleben wir doch zum ersten Mal auch bei uns die Vorteile der europäischen Integration."

    Eigentlich steht in Brüssel ja auch eher eine Erweiterung der Reisefreiheit an: Noch vor Ende dieses Jahres soll auch für Bosnien und Albanien die Visumspflicht entfallen.