100. Geburtstag von Max KruseKunterbunte Geschichten zwischen Freiheitsdrang und Geborgenheit

Max Kruse wurde 1921 in einer durch und durch künstlerischen Familie geboren. Eigentlich wollte er ein „richtiger Dichter“ werden. Berühmt wurde er dann mit seinen Kinderbüchern „Der Löwe ist los“ und „Urmel aus dem Eis“ – durch Humor und der Lust am Sprachspiel.

Von Carola Zinner | 19.11.2021

Der Schriftsteller Max Kruse (1921−2015)
Der Schriftsteller Max Kruse (1921−2015) (dpa / picture alliance / Wolf-Dieter Weißbach)
Max Kruse: „Nur, wenn man als Kind lebt, lebt man neugierig. Und wenn man neugierig lebt, entdeckt man eben auch die Schönheit des Lebens immer wieder neu.“
Die Kindheit blieb bis zum Schluss der Dreh- und Angelpunkt im Leben von Max Kruse. Aber es war natürlich auch eine Kindheit, von der andere nur träumen konnten. Der am 19. November 1921 geborene Schriftsteller wuchs auf in einer durch und durch künstlerischen Familie: Seine Eltern waren der Bildhauer Max Kruse und dessen rund 30 Jahre jüngere Frau, die berühmte „Puppenmutter“ Käthe Kruse.   
„Meine Mutter war sich seinerzeit klar, dass ich wahrscheinlich das letzte ihrer Kinder werden würde, das achte. Und so war die nun auch schon reiferen Alters und wollte unbedingt noch einen Max Kruse haben.“ 

Die Mutter als zentrale Figur

Natürlich gelang es ihr – wie so vieles andere auch. Max Kruse erzählte später in seiner Autobiographie.
„Meine Mutter regierte ihr Familien-Empire wohl so ähnlich wie die Königin Victoria. Es führte kein Weg an ihr vorbei. Sie ebnete alle Wege, aber sie verschloss sie auch wieder. Immer fand sie für ihre Kinder Gründe, warum es für diese besser, warum es richtiger war, heimzukehren zu ihr.“
Musik: „Alle Kindlein sagen immer ‚Mami lass mich raus!‘ – ‚Bleib ganz lieb in deinem Zimmer ich komm bald nach Haus.‘“
Max Kruse: „Irgendwo ist das Schreiben für mich doch so etwas wie atmen; ich brauche das einfach, von Kind auf an."
An Kinderbücher allerdings hatte Max Kruse ursprünglich nicht gedacht. Vielmehr wollte er – wie er sagte - ein „richtiger Dichter“ werden. Die Mutter unterstützte ihren „Herzensmaxel“ selbstverständlich bei diesem Plan, auch wenn er ihr in den Jahren nach dem Krieg erstmal im mittlerweile aus Sachsen nach Bayern verlagerten Betrieb zur Seite stehen musste. Als sie dort 1947 zusammen mit einer Fotografin ein Puppenbilderbuch plante, bat sie den phantasiebegabten Sohn um eine geeignete Geschichte dafür.

Wechselspiel zwischen kindlichem Freiheitsdrang und der Geborgenheit

Auch wenn einiges an der Erzählung „Der Löwe ist los“ heutigen „political correctness“ Ansprüchen nicht mehr genügen würde, die kunterbunte Geschichte vom wilden, sprechenden Löwen, der beim Menschenmädchen Pips ganz zahm wird, war ein gigantischer Erfolg. Allerdings erst rund 15 Jahre nach ihrer Entstehung durch die Umsetzung der „Augsburger Puppenkiste“ 1965.
Zwei Jahre später verfasste Kruse auf Bitten der Marionettenbühne die nächste Kindergeschichte. „Urmel aus dem Eis“ erzählt von einem kleinen Dinosaurier, der auf einer Insel aus einem jahrtausendelang tiefgefrorenen Ei schlüpft und nun von den verschiedensten Bewohnern, Mensch wie Tier, liebevoll großgezogen wird – allen voran von Wutz, dem sprechenden Schwein, das Mutterstelle an ihm vertritt. 
"Urmel aus dem Eis" entstand nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes
"Urmel aus dem Eis" entstand nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
„Liebe Mami sei nicht böse und merk dir zum Schluss.
Dass das kleine Kindlein doch die schönen Sachen sehen muss.
Dass das kleine Kindlein doch die schönen Sachen sehen muss.“
Hier findet es sich wieder, das Max Kruse so vertraute Wechselspiel zwischen kindlichem Freiheitsdrang und der Geborgenheit in einer turbulenten, manchmal vielleicht etwas zu innig liebenden Familie. Kaum zu glauben, dass dieses Buch mit seinem Humor und der Lust am Sprachspiel in der dunkelsten Lebensphase des Schriftstellers entstand: 1968 war sein 15-jähriger Sohn fast direkt vor dem Haus bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen - ein Trauma, das Kruse bis zum Ende seines über 93 Jahre währenden Lebens nicht verwinden konnte.  
„Ich leide eigentlich auch heute noch darunter. Aber vielleicht wäre das Urmel nicht so reizvoll geworden, wenn ich nicht gefühlsmäßig damals so aufgewühlt gewesen wäre. Die Arbeit hat mir geholfen, weiterzuleben.“
Mehr als 50 Werke, darunter zwölf „Urmel“-Bände, so lautete am Ende das Fazit dieser Arbeit. Er habe das Glück gehabt, sagte Kruse in einem seiner letzten Interviews, dass man seine Gestalten kenne und liebe. Dass er jedoch nicht so berühmt sei, dass er auf der Straße dauernd angesprochen werde.