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StartseiteKalenderblattAls der Zirkus Busch in Berlin ein festes Haus bezog24.10.2020

Vor 125 Jahren Als der Zirkus Busch in Berlin ein festes Haus bezog

Der "Circus Busch" ging aus einer jener Zirkusdynastien hervor, die mit spektakulären Shows das gemeine Volk wie auch Könige begeisterten. 1895 konnte Impresario Paul Busch seinen Erfolg krönen und ein prächtiges, festes Haus mitten in Berlin eröffnen.

Von Andrea Westhoff

Ein schwarzweißes Foto, Teil einer stereoskopischen Aufnahme,  zeigt   das Haus des Circus Busch in der Burgstraße, Berlin Mitte, um 1912. (picture-alliance / akg-images / )
Haus des "Circus Busch" in der Burgstraße, Berlin-Mitte, um 1912 (picture-alliance / akg-images / )
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"An stählernen Recken strecken sich schmiegsame Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthänden und leisen Füßen. Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde."

So beschreibt die Dichterin Else Lasker-Schüler den Beginn einer Vorstellung im "Zirkus Busch" in Berlin, wo es neben tollkühner Akrobatik, wilden Tieren und spektakulären Reitszenen auch Balletteinlagen gab sowie Live-Musik von einem 36-köpfigen Orchester. Und der Kaiser hatte eine eigene Loge.

Doch Berlin und Zirkus – das ging eigentlich gar nicht zusammen. Preußens König Friedrich II. duldete in seiner Residenzhauptstadt keine "Seiltänzer, Luftspringer und dergleichen schlechtes Zeug". In einer Kabinettsorder von 1777 heißt es:

 "Wer sich Lust hat, den Halß zu brechen, kann es in anderen Orthen thun!"

Doch gut 100 Jahre später gastieren regelmäßig gleich mehrere Großzirkusse in Berlin, und insbesondere Paul Busch begeistert die Menschen mit immer neuen Attraktionen. Der gebürtige Berliner hatte 1884 im schwedischen Svendborg einen Wanderzirkus gegründet, der bald sehr erfolgreich durch viele europäische Städte tourte und auch Dauer-Spielstätten in Hamburg und Wien hatte. 

Galeerenschlachten im Spreewasser 

Am 24. Oktober 1895 schließlich krönt er seinen Erfolg mit der Eröffnung eines festen Hauses mitten in Berlin, in der Nähe des Doms, am Ufer der Spree:

Eine Million Goldmark hat der prächtige runde Kuppelbau aus bunt bemalten Ziegelsteinen gekostet, mit Platz für über 4.000 Zuschauer. Sie blicken auf eine Manege, deren Boden durchlöchert ist und abgesenkt werden kann. So steigt das Spreewasser nach oben und verwandelt das Rondell in ein Bassin mit einem extra tiefen Graben in der Mitte. Denn der Zirkus Busch bietet ganz einzigartige Spektakel, wie eine Reklametafel 1898 verspricht:

"High-Live-Abend: Persien!

Großes Manege-Schaustück in 5 Akten, inscenirt vom Director Busch.

Besonders hervorzuheben: Der Sturz des persischen Prinzen mit dem Pferde von hoher Felsenklippe ins Wasser." 

Kritik am "runden Ungetüm in bunten Farben" 

Sogenannte "Pantomimen", aufwendig inszenierte historische Szenen, sind ein besonderes Kennzeichen des "Zirkus Busch": Der Untergang Roms, Hannibals Zug über die Alpen, orientalische Abenteuer ...

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Und das Publikum kann sich auch am Zirkushaus selbst erfreuen: Während der Pause darf man sich hinter der Manege umsehen, schreibt Else-Lasker-Schüler 1905 in der Vossischen Zeitung: 

"Galawagen auf Goldrädern, Riesendrachen aus Papiermaché, … Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. … Da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut und den Seidenschweifen,dort die finsteren Rappen mit den großen Feueraugen." 

Schauplatz der Novemberrevolution 1918 

Der Theaterkritiker Alfred Kerr hingegen teilt die allgemeine Begeisterung über "das runde Ungetüm in bunten Farben" nicht. 

Ende 1918 ist der "Zirkus Busch" für kurze Zeit sogar Schauplatz eines historischen Ereignisses: Am 10. November 1918 wird das Stammhaus kurzerhand beschlagnahmt, weil sich dort die 3.000 Berliner Arbeiter- und Soldatenräte zu ihrer Vollversammlung treffen.

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Aber bald geht das bunte Treiben weiter: Eine Sensation war die "Wasserminna", die mit einem Pferd aus der Zirkuskuppel in die mit Wasser gefüllte Manege sprang und zur Legende wurde.

 Im Strudel der Zeitläufte

1927 stirbt Paul Busch, und seine Tochter Paula, selbst eine begnadete Reiterin, hält nun die Zügel des Zirkus-Imperiums in der Hand. Sie tritt am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, versucht, sich mit den Machthabern zu arrangieren. Doch 1937 wird das Berliner Zirkushaus abgerissen, um Platz für geplante NS-Großbauten zu schaffen. 

Gleich nach dem Krieg aber versammelt Paula Busch ein paar Artisten und Dompteure mit ihren Tieren um sich, und bald feiern sie als Wanderzirkus wieder Erfolge in Westdeutschland und Europa. Im Sommer 1962 muss Paula Busch dann aber Konkurs anmelden, der "Zirkus Busch" scheint nun wirklich am Ende. Doch eine Fusion rettet ihn. Und so lebt das traditionsreiche Unternehmen bis heute im "Circus-Busch-Roland" weiter.

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