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StartseiteKalenderblattDas Massaker von Hebron25.02.2019

Vor 25 Jahren begangenDas Massaker von Hebron

Die Machpela-Höhle in Hebron ist ein wichtiger religiöser Ort für gläubige Juden. Auch der jüdische Arzt Baruch Goldstein kam manchmal zum Beten hierher. Doch am 25. Februar 1994 ging er nicht in die dortige Synagoge, sondern in die angrenzende Moschee und schoss wahllos auf betende Muslime.

Von Matthias Bertsch

Palästinenser bringen einen Verletzten auf einer fahrbaren Trage in ein Krankenhaus nachdem der israelische Siedler Baruch Goldstein am 25.2.1994 in einer Moschee in Hebron mit seiner Maschinenpistole in die betende Menge geschossen und 29 Moslems getötet hatte.  (picture-alliance / dpa)
Nach dem Massaker mit 29 Toten bringen Palästinenser einen Verletzten in ein Krankenhaus (picture-alliance / dpa)
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Es ist noch dunkel, als Baruch Goldstein am Morgen des 25. Februar 1994 die Moschee in der Machpela-Höhle in Hebron betritt, wo Dutzende Gläubige gerade mit dem Morgengebet begonnen haben. Er kommt aus der benachbarten jüdischen Siedlung Kirjat Arba, hat eine Maschinenpistole dabei und mehrere Magazine. Dann eröffnet er das Feuer - von hinten. Als er seine Munition verschossen hat, sind 29 Muslime tot und 150 verletzt. Erst jetzt wird er überwältigt und mit einem Feuerlöscher erschlagen.

Was hat den als fromm und hilfsbereit geltenden Arzt dazu gebracht, wahllos in die Menge der Betenden zu schießen – mit dem einzigen Ziel, möglichst viele Menschen zu töten? Baruch Goldstein war in New York aufgewachsen und hatte sich dort der Rache-Theologie Meir Kahanes angeschlossen. Der amerikanische Rabbiner, der wie Goldstein nach Israel emigriert war, war der Überzeugung, dass die jahrtausendealte Verfolgung der Juden auch eine Versündigung an Gott sei.

"Um dies umzudrehen, muss das jüdische Volk Gewalt anwenden, Rache anwenden, denn nur durch Rache an den Nicht-Juden kann die Erlösung herbeigeführt werden und Gottes Präsenz gestärkt werden. In einem Satz zusammengefasst oder mit einem Zitat von Rabbi Kahane kann man sagen: eine Faust im Gesicht eines Nichtjuden ist Kiddush Ha-Shem, also ein Lobpreis Gottes." 

Goldstein hoffte, den Friedensprozess zu beenden

Es sei kein Zufall gewesen, dass Goldstein diesen Tag für seine Tat gewählt habe, betont Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Während die Muslime den Fastenmonat Ramadan begingen, wurde in Israel Purim gefeiert: Das jüdische Karnevals-Fest erinnert an den Sieg der Juden über ihren Widersacher Haman in der persischen Diaspora, in dem manche eine Wiederkehr Amaleks sehen – des biblischen Erzfeindes der Juden, den es zu vernichten gilt. Doch Theologie und Ideologie allein erklären das Umschlagen von der Gesinnung in die Tat noch nicht. Es seien, so Lintl, noch zwei Faktoren dazu gekommen. Zum einen das Oslo-Abkommen vom September 1993. Die Vereinbarung zwischen Israel und der PLO, die den Grundstein für eine Rückgabe der besetzten Gebiete gelegt hatte, war für die Anhänger Kahanes eine Katastrophe. Zum anderen hatte Goldstein durch Anschläge von Palästinensern zwei enge Freunde verloren.

"Und diese drei Phänomene zusammen: Ideologie, die Oslo-Akkorde, aber auch das Persönliche haben ihn wohl zu dem Entschluss gebracht, dass er ein Zeichen setzen muss, um diesen Prozess, der den religiösen Erlösungsprozess zu gefährden droht, aufzuhalten. Und dieses Zeichen war der Terroranschlag in der Machpela, mit dem er hoffte, den Friedensprozess zu beenden." 

Das gelang ihm zwar nicht, doch ins Wanken brachte er ihn. Es kam zu schweren Unruhen in den Palästinensergebieten, die Verhandlungen mit Israel wurden zunächst auf Eis gelegt – obwohl die meisten Israelis die Tat Goldsteins klar verurteilten. Der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin wandte sich im Parlament direkt an die Palästinenser.

"Wir laden euch ein, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und die Gespräche wieder aufzunehmen, weil nach dem Blut und den Tränen die Zukunft vielleicht bringt, wovon wir immer geträumt haben. 100 Jahre Krieg und Terror zu beenden und wie andere Völker zu leben."

Die Ideologie Kahanes ist keineswegs ausgestorben

Anderthalb Jahre später wurde Rabin selbst von einem jüdischen Terroristen erschossen. Der Täter, Yigal Amir, verfolgte das gleiche Ziel wie Goldstein: Er wollte die Rückgabe "heiligen Landes" an die "Feinde des jüdischen Volkes" stoppen.
 
"Amir war oft mit Kahane-Anhängern beisammen und hat auch selbst gesagt, dass er Goldstein bewundert hat. Von daher kann man da einen unmittelbaren Zusammenhang, nicht innerhalb einer kausalen Folge, aber eines ideologischen Spektrums feststellen." 

Und heute? Für die Mehrzahl der Israelis ist Baruch Goldstein ein jüdischer Terrorist, doch unter den nationalreligiösen Siedlern hat er durchaus Anhänger. Sein Grab in der Siedlung Kirjat Arba bei Hebron ist eine Pilgerstätte für Extremisten. Doch erschreckender ist etwas anderes: Die kompromisslose Ideologie Kahanes ist keineswegs ausgestorben. 

"Sie wird insbesondere sichtbar bei jugendlichen Siedlern, die in der Westbank geboren sind, der so genannten Hilltop Youth, die sich immer wieder dadurch auszeichnet, dass sie Gewalttaten gegenüber Palästinensern verübt, wie auch jetzt kürzlich im Dezember zu sehen war, wurden mehrere Jugendliche festgenommen, unter dem Verdacht, dass sie eine palästinensische Frau getötet haben. Man spricht auch hier von jüdischem Terror, und das ist die Fortsetzung der Kahane-Ideologie bis heute."

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