Mittwoch, 26.06.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteKalenderblattDie Havarie des Tankers "Exxon Valdez" vor Alaska24.03.2019

Vor 30 JahrenDie Havarie des Tankers "Exxon Valdez" vor Alaska

Tausende tote Säugetiere, hunderttausende tote Vögel und ungezählte Fische - die Ölkatastrophe vor Alaska sorgte 1989 für weltweites Entsetzen. 2.000 Kilometer Strand wurden verseucht. Die Heringsvorkommen, entscheidend für das Ökosystem in der Region, haben sich bis heute nicht erholt.

Von Monika Seynsche

epa04133267 Cleanup continues as workers steam blast rocks and wash down shorelines soaked in crude oil from the leaking tanker Exxon Valdez in Prince William Sound, Alaska, USA, 28 March, 1989. Sea otters were among 20 marine species threatened by the 1989 Exxon Valdez oil spill in Alaska. Many sea otters died from exposure to the 40,000 tons of sticky crude oil spilled in the tanker disaster. Their population has since rebounded to nearly 4,300 in picturesque Prince William Sound, according to a study by the US Geological Survey. Even 25 years later, though, remnants of the oil linger in the sea and on the 2,400 km of contaminated shoreline in and around Prince William Sound, a marine ecosystem protected from the open Gulf of Alaska by barrier-like islands. EPA/US COAST GUARD HANDOUT EDITORIAL USE ONLY | (picture alliance / dpa / US Coast Guard)
Aufräumarbeiten nach der Katastrophe im Jahr 1989 (picture alliance / dpa / US Coast Guard)
Mehr zum Thema

Ölkatastrophe im Wattenmeer 20 Jahre nach der "Pallas"-Havarie

Plastikflaschen und Klimawandel Ozeane vor dem Kollaps

USA unter Trump Umweltschutz als Sündenbock

Tag der Ozeane Satelliten für die Weltmeere

Eine große Ruhe liegt an jenem Abend im März 1989 über dem Golf von Alaska. Es ist fast windstill. Die Exxon Valdez trennt sich vom Terminal der Trans Alaska Pipeline und steuert südwestwärts – beladen mit mehr als 200 Millionen Litern Öl.

In der Ferne schimmern die dicht bewaldeten Hänge und verschneiten Gipfel der Chugach Mountains. Langsam gleitet der Tanker durch eines der schönsten Gewässersysteme Alaskas. Doch neun Minuten nach Mitternacht, am 24. März, endet die idyllische Fahrt jäh.

Patience Anderson-Faulkner: "Meine Schwägerin rief mich an und sagte: ‚Wir haben diesen Ölunfall hier‘. Sie war völlig hysterisch am Telefon. Ich sagte: 'Beruhig dich! Was ist passiert?'. Darauf sie: ‚Es ist eine riesige Ölkatastrophe, ich kann dir gar nicht sagen, wie groß! Es geht immer weiter und weiter und weiter!‘ Ich fragte: ‚Ok, was soll ich tun?‘ Und sie antwortete: ‚Du musst heimkommen!‘"

Mehr als 40 Millionen Liter Öl flossen ungehindert ins Meer

Patience Anderson-Faulkner vom Volk der Supiaq fuhr sofort nach Hause, in das kleine Fischerdorf Cordova am Prinz William Sund nahe der Südküste Alaskas. Dort arbeitete auch Joe Banta damals als Fischer.

Joe Banta: "Ich lag im Bett, als mein Radiowecker anging. Jemand erklärte, es habe einen Ölunfall im Prinz-William-Sund gegeben. Ein Tanker war aufs Bligh Riff aufgelaufen. Ich war ja als Fischer im Sund aufgewachsen und kannte dieses Riff natürlich. Ich dachte nur: ‚Oh mein Gott, der Kerl muss betrunken gewesen sein!‘"

Er war betrunken. Obwohl es eine schwierige Passage zu kreuzen galt, hatte Kapitän Joseph Hazelwood das Kommando an seinen übernächtigten und unterqualifizierten dritten Offizier abgegeben. Er selbst verließ kurz vor Mitternacht die Brücke und ging in seine Kabine.

In der ersten Zeit nach dem Unfall geschah so gut wie nichts, da die Ölbekämpfungsboote an Land festgefroren und daher nicht einsatzbereit waren. Mehr als 40 Millionen Liter Öl flossen ungehindert ins Meer. Nach drei Tagen setzte dann auch noch ein gewaltiger Sturm ein, der den Ölteppich weit in den Sund hinaustrieb. 2.000 Kilometer Strand wurden verseucht.

Joe Banta: "Ich nahm an einem Trainingsprogramm teil und fuhr dann mit meinem Vater und einer Gruppe weiterer Fischer hinaus, um Wildtiere zu retten. Ich kann Ihnen sagen, das war eine wirklich traurige Sache. Überall um uns herum waren ölverschmierte, tote Vögel und tote Seeotter. Auf dem Wasser trieben tote Fische. Und dann waren da die Tiere, die zwar noch lebten, aber so stark ölverklebt waren, dass man nicht wusste, ob sie lebendig besser dran waren als tot."

Die freiwilligen Helfer sammelten tausende toter Säugetiere ein, hunderttausende toter Vögel und ungezählte Fische. Trotz aller Bemühungen der Säuberungstrupps konnten nur zehn Prozent des ausgelaufenen Öls geborgen werden. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten zersetzte sich das Öl viel langsamer als erhofft. Immer noch finden sich Ölreste an einigen Stränden.

Heringsbestände brachen einige Jahre später ein

Und auch andere Folgen des Ölunfalls seien bis heute sichtbar, sagt Scott Pegau vom Prinz-William-Sund-Forschungszentrum in Cordova:

"Als Tourist fallen Ihnen die Unterschiede zu vorher nicht auf. Aber wenn Sie von hier stammen, merken Sie schon, dass irgendwas nicht stimmt, aber solange Sie kein Experte sind, finden Sie die Unterschiede nicht."

Heringe sind als fette Futterfische extrem wichtig für das gesamte Ökosystem des Sunds. Einige Jahre nach dem Ölunfall brachen ihre Bestände plötzlich ein. Die Tiere waren von dem Öl so geschwächt, dass sie durch eine Krankheit massenweise starben. Bis heute haben sich die Vorkommen nicht erholt.

Patience Anderson-Faulkner: "Wir haben jetzt nur noch die Lachsfischerei. Wir können keinen Hering mehr fischen, und auch Krebse und Krabben sind selten geworden. Die konnten wir früher das ganze Jahr über fangen. Lachs dagegen gibt es nur sechs Monate im Jahr."

Cordova verkomme so zu einer Stadt der Wanderarbeiter, sagt die Ureinwohnerin Patience Anderson-Faulkner. Das sieht Scott Pegau ähnlich. Daneben sorgt er sich um die Tiere im Sund.

"Der Verlust des Herings wird dem Ökosystem noch eine ganze Weile zu schaffen machen. Für uns Wissenschaftler ist es schwierig, zu sagen, ob sich die Natur von der Katastrophe erholt hat. Das Ökosystem da draußen funktioniert, aber es ist heute ein anderes als früher. Wenn das Funktionieren für Sie der Maßstab ist, dann hat sich das Ökosystem erholt. Aber es wird wahrscheinlich nie wieder dasselbe werden, wie vor der Katastrophe."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk