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StartseiteKalenderblattGrünes Pflaster für die Trümmmerlandschaft28.04.2021

Vor 70 Jahren: Erste BundesgartenschauGrünes Pflaster für die Trümmmerlandschaft

"Hoffnung nach der Zerstörung", versprach Bundespräsidenten-Gattin Elly Heuss-Knapp, als sie am 28. April 1951 rund um die Stadthalle des kriegsversehrten Hannovers ein farbenprächtiges Ensemble von Blumenbeeten und Baumalleen eröffnete: Die erste Bundesgartenschau.

Von Jochen Stöckmann

Besucher vor einem Pavillon im Stadtgarten. Die erste Bundesgartenschau (BUGA) fand am 28.04. bis 31.10.1951 in Hannover in Niedersachsen statt. (dpa)
Viel grün, eingefangen in schwarz-weiß - die erste Bundesgartenschau 1951 in Hannover (dpa)
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Der Blick auf ein Wasser-Bassin mit Schwänen, idyllisch eingefasst von Alleen und Blumenbeeten, regt 1935 in Hannover einen Militärarzt zu höchst elegischen "Stadthallen-Gedichten" an. Gottfried Benns Schwermut ist prophetisch: Vom Stadthallengarten, 1933 für die erste "Jahresschau Deutscher Gartenkultur" nach der Machtergreifung der Nazis aufwendig erweitert, bleibt nach dem Bombenkrieg nur ein Trümmerfeld. Die einstigen Grünanlagen liegen brach. Selbstversorgung mit improvisierten Gemüsebeeten ist 1945 das Gebot der Stunde.

Besucher gehen während der Eröffnung der Bundesgartenschau (Buga) Heilbronn 2019 über das Gelände. Die Buga findet vom 17. April bis zum 06. Oktober statt (dpa / Sebastian Gollnow) (dpa / Sebastian Gollnow)Bundesgartenschau 2019 - Zwischen Wohnungsbau und Blumenkunst 
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"Eine Gartenheimat für das ganze Volk"

Eine "Stunde Null" war es nicht. Das belegt ein Dokument von 1949. Bei der Ausschreibung für eine Gartenschau auf dem immer noch zerstörten Stadthallengelände greift die Stadtverwaltung vier Jahre nach Ende des sogenannten Dritten Reichs auf die alte Diktion zurück: "Bei dem kleinen Lebensraum, der dem deutschen Volk verblieben ist, wird die Krone aller bodenbetreuenden menschlichen Tätigkeit im Dienst am Fruchtbaren, Schönen, Edlen und Gesunden die Pflege einer Gartenheimat für das ganze Volk sein."

Die Bäume kamen vom Friedhof 

Für eine gewerbliche Leistungsschau – ohne viel Heimattümelei – setzt sich der Berufsverband ein. Mit einer Gartenschau soll die Nachfrage nach Blumen, Obstbäumen und Ziersträuchern angekurbelt werden. Das Wirtschaftswunder kündigt sich an. Es heißt: Ärmel aufkrempeln, anpacken – ohne nachzudenken, ohne zurückzuschauen:

"Das Gelände war vollkommen verwüstet. Rings um die Stadthalle sind sehr viel Bomben gefallen, und es war nur ein Trümmerfeld. Wir haben dann ja große Bäume geholt vom Friedhof Seelhorst, aus einer Allee jeden zweiten Baum heraus, einen Pferdewagen druntergeschoben, runtergelassen und dann fuhr dieser Pferdewagen vom Friedhof Seelhorst durch die Südstadt zum Stadthallengarten."

"Hannover hatte wieder einen Garten"

Der Landschaftsgärtner Friedrich Zöpfchen topft mit seinen Kollegen 40 Linden um, pflanzt rund um das von Gottfried Benn so geliebte Wasserbassin 200 Birken, Eichen, Ahornbäume und Eiben. Hinzu kommen Beete mit Tulpen und Rosen. Nach Monaten mühsamer Arbeit ist es im Frühjahr 1951 so weit erinnert sich Zöpfchen:

"Die Menschen hatten wieder einen Garten, Hannover hatte wieder einen Garten. Und nach all dem Elend von Vertreibung und Bomben und Hunger und Not hat der Stadtbewohner jetzt wieder einen Garten."

Anderthalb Millionen Besucher auf der ersten "BuGa"

Als "BUGA", als erste "Bundesgartenschau" wird das knapp 20 Hektar große Gelände rund um die hannoversche Stadthalle am 28. April 1951 eröffnet. Trotz eines verregneten Sommers kommen etwa anderthalb Millionen Besucher.

Blumen als Pflaster auf soziale und mentale Wunden, der Garten als Fluchtort. Darauf schwört die junge Republik. Das gefällt nicht allen: Privat spottet Baustadtrat Rudolf Hillebrecht über einen "Rosenzirkus", den sein Grünflächenamt da an der Stadthalle inszeniert. Ganz offiziell gibt Hannovers Stadtplaner in der BUGA-Broschüre zu Protokoll:

"Wenn wir einseitig in der Wiederherstellung öffentlicher Grünflächen den Beitrag des Gartenwesens zum Aufbau der Städte erschöpft und erfüllt sehen, so haben wir trotz aller kurzlebigen Popularität solcher Maßnahmen die Aufgabe nicht erkannt."

Die Bundesgartenschau in Erfurt ist eröffnet.  (dpa-Zentralbild)Farbig, aber Pandemie-getrübt: Die Bundesgartenschau 2021 in Erfurt (dpa-Zentralbild)

Die "Durchgrünte" Nachkriegsstadt zum Ziel

Hillebrecht will ganz Hannover als "fließenden Landschaftsraum" mit Gärten und Parkanlagen netzartig "durchgrünen". Die Bundesgartenschau, fortan alle zwei Jahre von einer anderen Stadt organisiert und finanziert, widmet sich immer häufiger dieser engen Verbindung von Städtebau und Landschaftsarchitektur. Außerdem gehört von Anfang an eine Kunstausstellung zur BUGA. Den Skulpturen, unter anderen von Gerhard Marcks, begegnet Friedrich Zöpfchen noch Jahre später im Stadtraum:

"Ich freue mich immer, wenn ich an der Böckler-Allee bin und sehe dort die Maya wieder. Das waren ja Leihgaben, die uns zur Zeit der Bundesgartenschau zur Verfügung gestellt wurden. Und so auch die Badende von Lehmann, die stand unter der Weide am Brunnenteich neben dem Wasserfall.

Kurt Lehmann ist auch auf der BUGA 1955 vertreten. In Kassel sieht sich der Bildhauer, traditionell orientiert an Ernst Barlach, in ungewohnt avantgardistischer Nachbarschaft. Das ist – inmitten der Bundesgartenschau – die erste documenta. In einer mit Rosen und Rabatten drapierten Trümmerlandschaft geht die Kunst fortan ihre eigenen Wege.

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