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StartseiteInterview"Bischofsamt ist kein sakrosanktes Amt"12.12.2020

Vorwürfe gegen Kardinal Woelki"Bischofsamt ist kein sakrosanktes Amt"

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki soll Maßnahmen zur Aufklärung sexueller Belästigung durch einen inzwischen verstorbenen Geistlichen nicht ergriffen haben. Sollte sich das bestätigen, brauche es Konsequenzen, sagte Thomas Sternberg vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken im Dlf.

Thomas Sternberg im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Gegen den Reformkurs auf dem synodalen Weg: Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln (imago / Future Image)
Der Kölner Erzbischof Woelki steht unter Beschuss: Thomas Sternberg (ZdK) forderte ein "rechtsstaatliches Verfahren" zur Aufklärung (imago / Future Image)
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In der katholischen Kirche gibt es in den zurückliegenden Tagen vor allen Dingen ein Thema: Was wird aus dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki? Er steht heftig unter Druck, weil er einen inzwischen verstorbenen und des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Geistlichen geschützt haben soll. Er habe, so sagen viele, seine Verpflichtung nicht erfüllt, ihn zu melden.

Was bedeutet das für die katholische Kirche? Thomas Sternberg vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken sagte im Dlf, dass ein Bischofsamt den gleichen Kriterien von Verantwortung unterliege wie andere Ämter auch – doch zunächst komme es auf ein klares rechtsstaatliches Verfahren zur Aufklärung des Vorfalls an.

Sternberg bedauerte zudem, dass die intensiven Aufarbeitungsbemühungen sexueller Gewalt, Präventionsarbeit und Betroffenenorientierung, die derzeit in der Katholischen Kirche stattfänden, durch einen solchen Vorfall konterkariert würden – und damit ein falsches Bild in der Öffentlichkeit entstehe.

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Jürgen Zurheide: Herr Sternberg, das Verfahren, wenn wir das so nennen wollen, gegen Woelki oder um diese Causa, liegt es auf der einen Seite bei Bischof Genn – das ist ein anderer Bischof in Nordrhein-Westfalen – und ansonsten in Rom. Vielleicht erklären Sie uns, um welche Verfahren es da jeweils geht.

Thomas Sternberg: Es geht darum, dass wenn ein Metropolit in den Verdacht gekommen ist, Unrechtes getan zu haben, dann muss ja ein anderer Bischof das übernehmen. Metropolit ist also der Erzbischof, zu dem eine Gruppe von Diözesen gehört. Der Metropolit ist normalerweise zuständig dafür, zu gucken, was in den Bistümern um ihn herum passiert. Wenn er selber aber da in den Verdacht kommt oder ein Problem hat, dann muss der dienstälteste Bischof dieses Erzbistumsbezirkes, also dieser Metropolie, das machen. Das ist bei den Bistümern Münster, Aachen, Essen, Köln der Bischof Genn aus Münster.

Ein Krizifix am Altar im Kölner Dom. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt) (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Eine endlose Tragödie
Der Kölner Kardinal Woelki hat ein Missbrauchsgutachten in Auftrag gegeben, das er nun aber für schlecht hält und nicht veröffentlichen will. Kirchliche Aufklärung war schon im Lockdown, bevor das Wort in den allgemeinen Sprachschatz wanderte, kommentiert Christiane Florin.

Der Fall wurde nicht nach Rom gemeldet

Zurheide: Und Rom, welche Funktion hat Rom? Es geht ja darum, ob dieser Missbrauch – oder der ja nicht nur vermutete Missbrauch kann man sagen –, dass der nicht richtig gemeldet worden ist. Das ist der Vorwurf an Woelki.

Sternberg: Ja, es gibt in den letzten Jahren immer weiter verschärfte Forderungen und Maßnahmen zur Aufklärung, weil offensichtlich da auch in Rom der Verdacht entstanden ist, dass da vielleicht in den Kirchen der einzelnen Länder unter Umständen Dinge gedeckt oder vertuscht werden könnten. Deshalb gibt es eine sehr, sehr strenge Regelung seit ein paar Jahren, dass solche Fälle sofort nach Rom zu melden sind, damit es da noch mal eine unabhängige Gruppe gibt, die diese Dinge prüft und nachforscht.

Zurheide: Und genau das ist nicht passiert.

Sternberg: Ja, genau, das ist in diesem Fall wohl nicht passiert. Allerdings, wissen Sie, mit der Frage von Sachverhaltsbeschreibungen bin ich immer sehr vorsichtig. Auch ich bin vor allen Dingen informiert aus der Zeitung und über Social Media, das ist aber kein ausreichender Beleg für wirklich eine Urteilsfindung jetzt. Ich meine, das sind ja nun sehr komplizierte Dinge und sehr umfassende Dinge, und mir ist nur wichtig, dass hier ein ganz klares rechtsstaatliches Verfahren läuft und dass die Üblichkeiten politischer Verfahren getragen werden. Das heißt, wenn jemand Verantwortung hat, dann muss er diese Verantwortung auch übernehmen und muss Konsequenzen ziehen, wenn es da einen Fehler gegeben hat. Das ist übrigens ein Anspruch, den der Kardinal selber gestellt hat.

"Bischofsamt unterliegt gleichen Kriterien von Verantwortung wie andere Ämter"

Zurheide: Sie haben gestern in der Tat auch gesagt, die Übernahme der Verantwortung ist eine Selbstverständlichkeit, ich würde jetzt sagen, ja, das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, warum muss man die betonen. Wenn die Verantwortung dann bei Woelki liegt – ich weiß, jetzt überfordere ich Sie wahrscheinlich heute Morgen, weil Sie gesagt haben, das Verfahren ist noch nicht zu Ende –, denken wir es mal zu Ende: Was heißt das? Oder sagen Sie, ist zu früh?

Sternberg: Wissen Sie, ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man auch in kirchlichen Kontexten normale Verfahren, die in der Öffentlichkeit, nicht nur in der Politik, aber eben auch gerade in der Politik, üblich sind, dass man nämlich Verantwortung übernimmt und dann da Konsequenzen zieht, dass das auch für die Kirche gilt. Das Bischofsamt ist kein sakrosanktes Amt. Seit ziemlich genau, ja, seit genau 50 Jahren gibt es überhaupt erst emeritierte Bischöfe. Vorher waren Bischöfe so, dass sie wirklich wie ein Monarch bis zum Lebensende eingesetzt werden. Nein, das Bischofsamt ist ein Amt, und dieses Amt kann sogar auch auf Zeit vergeben sein – man kann das daran sehen, an dieser Altersgrenze –, und das unterliegt natürlich den gleichen Kriterien von Verantwortung wie andere Ämter auch. Wie gesagt, wenn es da ein Fehlverhalten gegeben hat, dann ist das zu lösen, auch – das muss ich allerdings sagen – wenn der Rücktritt einer Person zwar eine große spektakuläre Öffentlichkeit hat, aber die zugrunde liegende Problematik nicht löst.

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Rechtsstaatliches Verfahren zur Aufklärung "ganz, ganz wichtig"

Zurheide: Das ist richtig, da kommen wir gleich im zweiten Bein drauf, ich will noch einen Moment dabeibleiben. Auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat auch von Konsequenzen gesprochen, also so unter der Überschrift, ich zitiere das wörtlich: Aber wenn ihm Fehler nachgewiesen werden, muss man daraus, sagt er, unter Umständen auch Konsequenzen ziehen. Das ist noch ein bisschen verklausuliert, aber das ist ja schon deutlich. Wenn ich als Journalist das zuspitze, würde ich sagen, das war jetzt schon die Hinrichtung, oder?

Sternberg: Ich glaube, dass einfach hier rechtsstaatliche Verfahren ganz, ganz wichtig sind. Wissen Sie, in diesem schrecklichen Thema, was uns ja nun schon seit so Langem beschäftigt, das ja auch einfach von einer Widerwärtigkeit ist, das die katholischen Gläubigen gerade zu nervt, und wenn da wieder mal was hochkocht und wieder mal eine Vertuschung wieder bekannt wird, dann denken alle Leute, muss das denn jetzt schon wieder sein, kann man nicht jetzt mal die Aufklärungsarbeit, die breit und intensiv gemacht wird, auch mal so haben, dass nicht wieder ein neuer Skandal aufploppt, nicht dass wieder Menschen, die ihre Kirche lieben, wieder mal gezwungen sind, diesen Verein zu verteidigen, sag ich mal. Gerade eben die sehr intensiven Aufarbeitungsbemühungen, Präventionsarbeit, was da passiert, ist in den letzten Jahren in den Bistümern – das ist wirklich sehr viel –, das wird natürlich alles konterkariert, wenn so etwas wieder aufploppt.

"Wüsste kein Feld, wo so viel Prävention gemacht wird wie in katholischer Kirche"

Zurheide: Aber genau das ist doch das Problem, dass offensichtlich dieser Eindruck entsteht dann draußen, dass die katholische Kirche genau das nicht schafft, dass die Beispiele, die es gibt, wo es positiv läuft, aber immer wieder durch solche in den Schatten gestellt werden. Wie sehr leiden Sie daran?

Sternberg: Ja, leiden daran – ich leide vor allen Dingen daran, dass hier wirklich ein Bild entsteht, auch der Aufklärungsarbeit dieser schrecklichen Taten, das der Situation, wie sie in Deutschland im Moment in den Bistümern ist, so nicht entspricht. Es passiert tatsächlich sehr, sehr viel, und es wird sehr intensiv gemacht. Ich habe den Eindruck, wir müssen es auch so intensiv machen, so gut machen, weil natürlich die moralische Fallhöhe bei uns viel höher ist, in der katholischen Kirche viel höher ist und in der Kirche viel höher ist als anderswo, aber es muss vorbildlich gemacht werden. Ich habe den Eindruck, hier ist auch wirklich sehr viel geradezu pionierartig für andere Bereiche passiert. Wenn man mal auf den Bereich der Prävention blickt, ich wüsste kein Feld, wo so viel Prävention im Moment gemacht wird wie in der katholischen Kirche: Aufarbeitung der historischen Fälle, Aufarbeitung der juristischen Fälle, da ist tatsächlich sehr, sehr viel passiert, auch eine deutlichere Opferorientierung als früher, die ganz wichtig ist, oder Betroffenenorientierung. Da ist sehr viel passiert und da passiert sehr viel, nur immer wieder hört man dann bei 27 Bistümern, dass wieder irgendwo an einer Stelle was ganz danebengegangen ist.

Gutachten "muss veröffentlicht werden"

Zurheide: Ja, nun, Herr Woelki hat jetzt das Problem jenseits dieses Falles, dass er auch ein anderes Gutachten, was er selbst bestellt hat, was dann aber dem ein oder anderen im Bistum offensichtlich nicht gefallen hat, dass das nicht veröffentlicht worden ist. Ich meine, ich sag jetzt mal hart, das geht gar nicht. Wie sehen Sie das?

Sternberg: Ja, auch da bin ich sehr vorsichtig in der Beurteilung des Sachverhaltes, ich kenne das Gutachten nicht. Ich bin der Meinung, denn gerade in der jetzigen kommunikativen Situation ist es so, dass sich da solche Vorstellungen drumherum ranken, dass ich sagen würde, es muss unbedingt veröffentlicht werden. Und wenn man den Eindruck hat, da sind irgendwelche Namensnennungen drin, die juristisch überhaupt nicht gehen, dann könnte man sie immer noch schwärzen. Aber der Text muss veröffentlicht werden, ganz dringend, denn sonst bleibt immer das Hautgout, da ist etwas nicht genehm, deshalb wird nichts bekannt gemacht und deshalb bestellen wir uns jetzt was anderes. Ich glaube, das hat das Bistum Münster da sehr viel besser gemacht. Wenn der Bischof hier nicht eine Studie in Auftrag gibt, sondern eine Studie der Universität, eine unabhängige Studie der Universität Münster finanziert, begleitet und fördert.

Papst: Auf "unscheinbare Heiligkeit in unserer Kirche" achten

Zurheide: Wie kommt die Kirche da raus? Letzte Frage mit der Bitte um eine kurze Antwort!

Sternberg: Wie kommt die Kirche da raus? Ich weiß es nicht. Ich glaube, eins ist ganz wichtig für uns als katholische Gläubige und überhaupt, dass man Kirche nicht nur begreift als die violetten Kappen, sondern dass wir Kirche begreifen als das, wo vieles Gutes passiert und was überall passiert, auch der Papst sagte das mal, die unscheinbare Heiligkeit in unserer Kirche an so vielen Stellen, das ist das, was uns den Glauben an unsere Kirche erhält.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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