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StartseiteInterview"Wir sind in einer Dauer-Welle"05.08.2020

Weltärztebund zur Corona-Pandemie"Wir sind in einer Dauer-Welle"

"Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass wir auf lange Zeit mit diesem Virus leben müssen", sagte Frank Ulrich Montgomery vom Weltärztebund im Dlf. Durch die Einhaltung der Maßnahmen könne man dafür sorgen, dass die Gesundheitssysteme dauerhaft mit dem Infektionsgeschehen klar kämen.

Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Coronatest am Düsseldorfer Flughafen (Ina Fassbender/AFP)
An deutschen Flughäfen (hier Düsseldorf) können sich Reisende aus Corona-Risikogebieten derzeit freiwillig testen lassen. (Ina Fassbender/AFP)
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Die Corona-Pandemie hat Deutschland noch immer fest im Griff: Schulöffnungen, Bundesligaspiele, Urlaubsrückkehrer, alles wird gerade auf den Prüfstand gestellt, und alles vor dem Hintergrund von wieder steigenden Corona-Infektionszahlen. Der Marburger Bund, eine der wichtigsten Ärzteorganisationen in Deutschland, sagte bereits, Deutschland stecke bereits mitten in der sogenannten zweiten Coronawelle.

Frank Ulrich Montgomery war Vorsitzende des Marburger Bundes. Heute leitet er als Vorstandsvorsitzender den Weltärztebund. Er sagt, das Problem des Coronavirus seien die langen Inkubationszeiten.

"Das Problem ist, dass sie so schnell von Mensch zu Mensch weitergegeben wird"

Tobias Armbrüster: Herr Montgomery, sind wir tatsächlich schon in der zweiten Welle?

Frank Ulrich Montgomery: Ja, ich mag den Begriff der zweiten Welle eigentlich gar nicht, weil eine zweite Welle ja auch sehr schnell wieder abebben kann. Ich glaube, wir sind in einer Dauer-Welle. Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass wir auf lange Zeit mit diesem Virus leben müssen und dass wir jeden auch nur geringen Anstieg der Infektionszahlen sofort als Alarmsignal benutzen, um dagegen vorzugehen, denn das Problem von Corona sind die langen Inkubationszeiten. Wenn wir heute Anstiege sehen, dann ist das im Grunde genommen das Infektionsgeschehen der letzten zwei Wochen, und wir brauchen dann wieder mehrere Wochen, um dagegen vernünftig agieren zu können. Deswegen, wir sind in einer Dauer-Welle, dieses Problem wird uns noch lange begleiten.

Passanten mit Mundschutz spiegeln sich in einem Schaufenster, Bayern, Deutschland (imago / Ralph Peters)Einkaufen mit Schutzmasken (imago / Ralph Peters)Anstieg der COVID-19-Zahlen - Ist die zweite Welle schon da?
In Deutschland gebe es keine zweite Welle in dem Sinne, dass die Krankenhäuser überfordert seien, erläutert Dlf-Wissenschaftsredakteur Volkarth Wildermuth. Der Marburger Bund spreche von einer "zweiten flachen Anstiegswelle". Entscheidend ist, dass diese nicht weiter anwächst.

Armbrüster: Ich kann mir jetzt vorstellen, dass viele Leute, die diese Zahlen, die wir da seit einigen Tagen melden, da sagen, was ist da bitte schön das Dramatische dran. Wir haben jetzt die sogenannten Neuinfektionen immer beziffert mit irgendwas zwischen 700, 800, 900 – warum ist das so dramatisch?

Montgomery: Na, dramatisch ist daran, dass in einigen Ländern der Welt mit schlechterem Gesundheitssystem zehn, zwölf Prozent der Erkrankten an dieser Erkrankung sterben, dass in anderen Ländern wie dem unseren mit einem sehr viel besseren Gesundheitssystem auch noch immer eine einstellige Prozentzahl von Menschen an der Infektion sterben. Das Problem ist, dass sie so schnell von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, und schließlich, dass wir die Möglichkeit haben, diese Infektionsketten zu unterbinden, wenn wir uns vernünftig verhalten. Also, eine schwere Erkrankung auf der anderen Seite, gute Möglichkeiten ihr vorzubeugen auf unserer Seite, das sollten wir nutzen.

Deswegen warnen wir alle vor diesen Anstiegen der Zahlen und sagen, wir müssen wieder dafür sorgen, dass unser Gesundheitssystem damit klarkommt. Das tut es bisher, aber wir haben Sorge, dass irgendwann einmal die Kapazitätsgrenzen überschritten werden.

"Die Bevölkerung ist mit uns zusammen vorsichtig gewesen"

Armbrüster: Aber ist das nicht möglicherweise das Problem, dass man gerade eben weit davon entfernt ist, solche Bilder zu sehen – von überfüllten Krankenhäusern oder von vollen Intensivstationen? Das gibt es ja bei uns überhaupt nicht.

Montgomery: Nee, da sprechen Sie das sogenannte Präventionsparadoxon an. Wir waren bisher so gut in der Vermeidung der Kapazitätsgrenzenüberschreitung, wir waren so gut in der Bevölkerung, die hat mitgemacht, die ist ja mit uns zusammen vorsichtig gewesen. Wir haben alle zusammen eine grandiose Leistung in der ersten Coronawelle hingelegt, für die uns die ganze Welt beneidet. Deswegen sagen natürlich auch einige dieser Verschwörungstheoretiker oder aber auch andere, wieso, da war doch gar nichts, das war doch kaum mehr als eine Grippe. Gucken Sie sich nur die Särge in Italien oder die Kühllaster in New York oder die Gräber in Sao Paulo an, dann wissen Sie, was die Krankheit machen kann. Dass sie das nicht tut, das müssen wir weiter verhindern.

Frank Ulrich Montgomery (Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Apotheker- und Ärztebank eG, Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union (CPME), Vorsitzender des Vorstandes des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA) gestikuliert im Februar 2017 bei einem Interview in Berlin. (imago / Thomas Truschel)"Wissenschaft wird heute sehr schnell transportiert, und damit wird auch der wissenschaftliche Irrtum wie der wissenschaftliche Fortschritt sehr schnell transportiert", so Frank Ulrich Montgomery (imago / Thomas Truschel)

Armbrüster: Was sagen Sie denn zu diesen Demonstrationen, die wir da erleben, die ja auch offenbar anwachsen, die immer mehr Zulauf finden? Was sagen Sie diesen Demonstranten?

Montgomery: Da stockt mir manchmal der Atem ob der geringen Intellektualität – ich will es wirklich vorsichtig ausdrücken –, der Argumente, die dort gebracht werden. Das ist ja ein krudes Sammelsurium von Verschwörungstheorien, von Realitätsverweigerern. Ich würde es auf gut Hamburgisch sagen, von verrückten Idioten. Sie haben das Recht zu demonstrieren, dagegen will ich gar nichts sagen, sie sollen auch ihre Meinung laut sagen können, nur man darf ihnen nicht zuhören und nicht folgen.

Wissen wissenschaftlich, dass Masken jeder Form helfen

Armbrüster: Das heißt, die Kritik muss man nicht ernst nehmen?

Montgomery: Man muss diese Kritik sehr ernst nehmen, weil sie hat ja einen Untergrund, sie wird ja auch benutzt von manchen politischen Formationen, aber man darf ihr nicht folgen. Wer sich hinstellt und sagt, der wissenschaftliche Beweis, das ist alles Blödsinn, das ist Unsinn, ich habe meine Verschwörungstheorie, den kann ich leider nicht so schrecklich ernst nehmen in der Debatte.

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Armbrüster: Herr Montgomery, müssen angesichts dieser steigenden Infektionszahlen die Behörden härter durchgreifen? Wir hören jetzt aus Nordrhein-Westfalen zum Beispiel diese neue Anordnung, 150 Euro Bußgeld in Bussen und Bahnen für jeden, der dort nicht mit einer Schutzmaske sitzt, und zwar 150 Euro sofort, es gibt keine Vorwarnung. Ist so was ein Schritt, den Sie sich wünschen?

Montgomery: Das ist kein Schritt, den ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass man den Schritt verhindern könnte, aber ich halte es für folgerichtig. Ich habe hier auch einen Irrtum selber, einen wissenschaftlichen Irrtum in der Vergangenheit begangen, indem ich gesagt habe, Masken sind Unsinn. Wir wissen heute wissenschaftlich, dass Masken jeder Form von einfachem Schutz hilft, zwar nicht zu 100 Prozent, aber doch eine ganze Menge hilft.

Deswegen, wenn wir wirklich weiter steigende Corona-Zahlen haben und wenn es weiter Menschen gibt, die so unvernünftig sind, oft ja auch gezielt und bewusst ohne Maske und dann auch noch teilweise sich über die lustig machen, die eine Maske tragen, wenn Leute das bewusst machen, dann muss man ihnen auch mit den Mitteln unseres Staates ein bisschen besseres Benehmen beibringen. Da finde ich 150 Euro Bußgeld durchaus für angebracht nach der heutigen Wissenslage.

"Wissenschaft wird heute auch sehr schnell transportiert"

Armbrüster: Aber kann das denn gelingen, solche Leute zu überzeugen mit einer Strafe, mit einem Bußgeld?

Montgomery: Das ist eine spannende Frage der Erziehungswirkung von Strafen, das kann ich Ihnen auch nicht sagen, aber einfach nur hinnehmen kann man es auch nicht.

Armbrüster: Sie haben jetzt gerade selbst das Beispiel genannt mit den Schutzmasken, dass da viele auch Ihrer Kollegen vor einigen Monaten noch falsch lagen und jetzt sagen, diese Masken sind sehr wohl in Ordnung. Diese Kursschwenks, die wir da immer wieder erleben, sorgen die nicht dafür, dass Leute das ganze Krisenmanagement automatisch immer stärker hinterfragen?

Montgomery: Das ist ein sehr, sehr wichtiger Satz, den Sie da eben als Frage formuliert haben. Das ist genau unser Problem. Wissenschaft wird heute auch sehr schnell transportiert, und damit wird auch der wissenschaftliche Irrtum wie der wissenschaftliche Fortschritt sehr schnell transportiert. Sie dürfen nicht vergessen, ganz vieles von dem, was wir heute als Wissenschaft erleben, ist der Irrtum von morgen. Das ist so, das ist typisch so, und auch der Diskurs unter Wissenschaftlern, die sich ja manchmal heftig streiten, was dann in der Bevölkerung durchaus auch als bösartiger Streit empfunden wird, das ist völlig normal.

Das kriegen die Menschen heute sehr schnell mit, und da müssen wir ein kleines bisschen mehr werben, auch durch Aufklärung, dass wir den Menschen sagen, wie eine solche Meinungsbildung durch Konsensus funktioniert und wie sie sich auch ändert. Aber ich glaube, Sendungen wie diese und Gedanken darüber helfen weiter, dass die Leute merken, die Wissenschaftler haben das ja nicht aus irgendeinem bösen Motiv heraus so gemacht, sondern weil der Kenntnisstand heute weiter ist als zum Beispiel vor sechs Monaten.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Wir selbst sind es, die die Erkrankung verhindern" 

Armbrüster: Gut, und jetzt geht der Schulbetrieb wieder los, in sehr vielen Bundesländern – oder deutschlandweit ist das geplant – im Dauerpräsenzbetrieb. Wie beurteilen Sie das? Kann es da möglicherweise auch noch mal einen Kursschwenk geben, dass man sagt, eigentlich waren diese Schulschließungen vor ein paar Monaten völlig unnötig, weil sich da eigentlich überhaupt nicht besonders viel tun am Infektionsgeschehen in Schulen?

Montgomery: Wir haben in den letzten Monaten viel gelernt über das Infektionsverhalten von Kindern, übrigens Kontroverses. Es gibt nach wie vor keinen Konsens, dass Kinder – ich sag mal (leider nicht verständlich) – ungefährlich sind, dennoch scheint es aber so zu sein, dass Kinder sehr viel schneller und sehr viel harmloser mit dieser Infektion fertig werden. Die können also zusammenkommen, sich treffen und können dann auch beschult werden, das halte ich aus sozialen Gründen für ausgesprochen wichtig und fortschrittlich, aber wir müssen aufpassen, dass die Kinder dann nicht wieder gefährdete Personengruppen, also vor allem Ältere und Kranke, anstecken.

Das heißt, das Sozialverhalten muss sich nicht nur in der Schule ändern, dort muss man versuchen, so wenig Infektionen wie möglich zuzulassen, verhindern können wird man sie nicht. Wir müssen aber hinterher dann dafür sorgen, dass diese Kinder nicht ihre Großeltern oder andere Menschen anstecken, und dazu müssen wir uns Regeln ausdenken – nicht nur Regeln in der Schule. Alles konzentriert sich immer nur auf die Schule, nein, wir selbst sind es, die diese Erkrankung verhindern, indem wir uns vernünftig verhalten.

Armbrüster: Das heißt, ganz kurz nur noch mal nachgefragt, nach der Schule auf jeden Fall 1,50 Meter Sicherheitsabstand einhalten?

Montgomery: Natürlich, soweit Kinder das können. 1,50 Meter Sicherheitsabstand, Hände waschen, es sind ja drei Regeln – wir reden immer von AHA. Das Erste, A ist Abstand, das Zweite, H sind Hygienemaßnahmen, also Hände waschen, und das Dritte ist Alltagsmaske. Wenn Sie diese drei Dinge wirklich gut beachten, dann senken Sie damit im Interesse der gesamten Bevölkerung das Risiko, an dieser Erkrankung zu erkranken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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