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StartseiteInterview"Auf kleine Betriebe kommt eine existenzgefährdende Welle zu"27.10.2020

Wirtschaft in Corona-Zeiten "Auf kleine Betriebe kommt eine existenzgefährdende Welle zu"

Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar appelliert dafür, in der Coronakrise mehr Risiken einzugehen, um die Wirtschaft zu stärken. Das würde auch bedeuten, höhere Infektionszahlen in Kauf zu nehmen, sagte er im Dlf. Er geht davon aus, dass kleinere Betriebe weiterhin wirtschaftliche Hilfen brauchen werden.

Thomas Straubhaar im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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13.05.2020, Sachsen-Anhalt, Wernigerode: Eine Mitarbeiterin mit Mund-Nase-Schutz und einem Reinigungstuch in der Hand beugt sich über einen Restauranttisch. (picture alliance /dpa /ZB /Matthias Bein)
Werden neue Maßnahmen beschlossen , die die Gastronomie betreffen? (picture alliance /dpa /ZB /Matthias Bein)
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Angesichts der rasant steigenden Corona-Infektionszahlen hat Kanzlerin Angela Merkel den für Freitag (30.10.20) geplanten Corona-Gipfel mit den Ministerpräsidenten der Länder vorgezogen. Bund und Länder kommen bereits am Mittwoch (28.10.20) zusammen, um über weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu sprechen. Es wird bereits darüber spekuliert, dass eine Art "Lockdown light" beschlossen wird. Es könnte neue Beschränkungen für die Gastronomie und auch für Veranstaltungen geben. Doch wie erlebt die deutsche Wirtschaft die derzeitige Situation und was kommt da möglicherweise auf Hunderttausende von Betrieben zu?

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Wie sich die Infektionszahlen weiterentwickeln und ob es zu einem Lockdown kommt, sei weniger abhängig von Maßnahmen als vom Verhalten der einzelnen, sagte Karl Lauterbach (SPD) im Dlf. Je mehr Corona-Erkrankte es gebe, desto gefährlicher sei das gleiche Verhalten, das vor wenigen Wochen noch ungefährlich war.

Thomas Straubhaar ist Ökonom an der Universität Hamburg und er verfolgt die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie seit Beginn. Im Dlf sagte er, dass in der Wirtschaft "immense Unsicherheit" bestehe, weil die jetzige Phase wieder davon gekennzeichnet sei, dass man nicht wisse, wann es wieder zu Einschränkungen komme. "Es zeigt eben, dass wir in diesem Zyklus von Lockdown zu Lockerung jetzt wieder eine Lockdown-Phase – wie auch immer sie aussehen wird – geraten werden", sagte er. Und damit seien Planungssicherheit nicht gegeben, aber auch was die Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern angehe. "Das ist kein gutes Umfeld für die Wirtschaft."

Indirekte Auswirkungen für Wirtschaft "wiegen schwer"

Mit Blick auf den geplanten Gipfel sagte er, die Politiker sollten zwei Botschaften an die Wirtschaft senden. "Das erste ist, dass das größte Risiko ist, dass die Politik für die Wirtschaft auslösen kann, wenn sie kein Risiko bereit ist, in Kauf zu nehmen." Die Politik müsse abwägen zwischen den direkten Folgen, die Corona verursache und den indirekten Folgeeffekten. "Da muss sie ein klares Signal geben, dass ihr auch diese indirekten Effekte ganz wichtig sind." Es könne nicht jedes Risiko ausgeschlossen werden. Die indirekten Auswirkungen für die Wirtschaft und auch für das Gesundheitswesen würden viel schwerer wiegen. "Wir brauchen eine gesunde Wirtschaft, damit wir ein gesundes Gesundheitssystem finanzieren können", so der Ökonom.

Außerdem müsse die Bevölkerung lernen, mit dem Risiko zu leben, dass die Infektionszahlen steigen und damit auch die Intensivbetten stärker belegt würden. "Das ist die logische Konsequenz dieses Tanzes zwischen Lockdown, Lockerung und Lockdown, Lockerung."

Gezielte Maßnahmen beschließen

Dieser "Tanz" führe dazu, dass die Zahlen zwischenzeitlich ansteigen werden. Das sei die Konsequenz einer Strategie, die auf einen Impfstoff setzt, der erst in "weiter Ferne verfügbar sein wird". "Wir sollten die Mittel wählen, wo wir mit relativ wenig Einschränkungen relativ großen Ertrag einfahren." Dazu müssten auch höhere Infektionszahlen in Kauf genommen werden.

Er bejahte, dass die Bundesregierung sich diesbezüglich flexibel zeige. "Wir sehen ja, dass wir nicht mehr von einem kompletten Kontaktverbot, von einem kompletten Einfrieren der Wirtschaft reden, sondern wir reden davon, dass wir gezielt (…) eingreifen", sagte Straubhaar.

Er geht aber davon aus, dass besonders Kleinbetriebe, mittelständische Betriebe und Freiberufler in den kommenden Monaten wirtschaftliche Hilfen brauchen werden. "Nicht in Form von Krediten, sondern von Geschenken. Auf diese kleinen Betriebe kommt noch mal eine existenzgefährdende Welle zu."


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Armbrüster: Herr Straubhaar, an der Börse hat es gestern einen Schock gegeben, einen deutlichen Absturz vom Vorzeigekonzern SAP. War das gestern ein Warnsignal für die deutsche Industrie, für deutsche Konzerne?

Straubhaar: Da würde ich mit Jein arbeiten. Ja in dem Sinne, dass es zeigt, wie nervös Anlegerinnen und Anleger an den Börsen agieren. Nein würde ich sagen, weil natürlich es nicht sinnvoll sein kann, wenn die Politik beginnt, eine Politik der Börsenkurse betreiben zu wollen.

Tobias Armbrüster: Aber was passiert denn da gerade in deutschen Unternehmen, die irgendwie mit dieser Pandemie zurechtkommen müssen, deren Ende ja immer noch nicht absehbar ist? Wie groß ist der Schaden, der da bislang angerichtet wurde?

Thomas Straubhaar: Es zeigt natürlich die immense Unsicherheit, die in der Wirtschaft besteht, weil diese Phase jetzt gekennzeichnet ist durch die Frage, wann es wieder zu Einschränkungen kommen wird, wie diese Einschränkungen sich auf die Wirtschaft direkt auswirken werden. Und es zeigt, dass wir in diesen Zyklus von Lockdown zu Lockerung jetzt wieder in eine Lockdown-Phase, wie auch immer sie aussehen wird, geraten werden, und damit ist natürlich Planungssicherheit unsicher, damit ist die Frage, wie es mit den Beschäftigten weitergeht, unsicher. Damit ist es unsicher, wie es mit den Umsätzen weitergeht, und das ist kein gutes Umfeld für die Wirtschaft.

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Durch die Corona-Pandemie sei die Welt schlagartig und ohne Absicht in weiten Teilen zu einer Postwachstumsökonomie geworden – und nun wünschten sich alle wieder Wachstum, sagte der Wirtschaftsethiker Birger Priddat im Dlf. Ob die Krise zu einer ökologischeren Wirtschaft führe, sei aktuell unklar.

Armbrüster: Was würden Sie denn der Bundesregierung raten? Was würden Sie Angela Merkel raten? Was sollte sie morgen tun, wenn sie die Ministerpräsidenten trifft?

Straubhaar: Ich denke, es sind zwei Botschaften, die ausgesendet werden sollten. Das erste ist, dass das größte Risiko, das die Politik für die Wirtschaft auslösen kann, ist, wenn sie kein Risiko bereit ist, in Kauf zu nehmen. Das heißt, sie wird abwägen müssen zwischen den direkten Folgen, die Corona verursacht, und den indirekten Folge-Effekten. Da muss sie ein klares Signal geben, dass ihr auch diese indirekten Effekte ganz wichtig sind, und nicht alles Risiko ausgeschlossen werden kann der direkten Corona-Effekte, weil sonst die indirekten Folge-Effekte für die Wirtschaft, auch für das Gesundheitswesen viel, viel schwerer wiegen würden. Wir brauchen eine gesunde Wirtschaft, damit wir auch ein gesundes Gesundheitssystem finanzieren können.

Der zweite Punkt ist: So wie wir in den kommenden Monaten, bis wir einen Impfstoff haben werden, mit dem Virus werden leben müssen, werden wir als Bevölkerung auch mit dem Risiko leben lernen müssen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Bevölkerung in anderer Form immunisieren

Armbrüster: Das heißt, Sie würden sagen, man muss sich daran gewöhnen, dass es einfach mehr Neuinfektionen gibt, dass die Zahlen möglicherweise auch noch einmal deutlich steigen und dass die Intensivstationen noch einmal deutlich stärker belegt werden?

Straubhaar: Ganz genau! Ich denke, das ist die logische Konsequenz dieses Tanzes zwischen Lockerung und Lockdown und Lockerung und Lockdown. Das ist ein Tanz, der genau dazu führt, dass zwischenzeitlich auch die Zahlen ansteigen werden, und damit werden wir leben lernen müssen, weil es ist die Konsequenz einer Strategie, die auf einen Impfstoff setzt, der erst in weiter Ferne verfügbar sein wird. Da würde ich sagen, wir sollten die Mittel wählen, wo wir mit relativ wenig Einschränkungen relativ großen Ertrag einfahren, das heißt, wo wir die Risiken minimieren können, aber nicht auf null zurückkriegen werden.

Armbrüster: Müssen wir uns denn möglicherweise auch an diese Gleichung gewöhnen, dass wir höhere Infektionszahlen zulassen, damit die deutsche Wirtschaft weiter überleben kann?

Straubhaar: Ja! Ich weiß, dass das unbeliebt ist in Deutschland, aber ich denke, das muss man sich doch ehrlich eingestehen. Bis wir durch einen Impfstoff immunisiert werden, werden wir nicht darum herum kommen, die Bevölkerung in anderer Form zu immunisieren. Und was wir jetzt tun ist, auf der Zeitachse das möglichst lang zu strecken. Wenn wir das aber möglichst lang strecken, heißt das, dass immer wieder nach Phasen der Beruhigung Phasen kommen werden mit hohen Neuinfektionszahlen.

Armbrüster: Was ist denn Ihr Eindruck? Zeigt die Bundesregierung diese Art von Flexibilität?

Straubhaar: Ja. Da würde ich sagen, auch im internationalen Vergleich brauchen wir uns doch nicht verstecken. Wir sehen ja, dass wir schon in den letzten Monaten dazugelernt haben. Jede Woche lernen wir interdisziplinär in allen Fachrichtungen dazu und das sollten wir nutzen. Wir sehen ja, dass wir nicht mehr von einem kompletten Kontaktverbot, von einem kompletten Einfrieren der Wirtschaft reden, sondern wir reden davon, dass wir gezielt dort, wo besonders starke Ausbruchzahlen bei Neuinfektionen zu verzeichnen sind, gezielt und massiv eingreifen. Das heißt aber, dass wir überall sonst diese Maßnahmen nicht zu ergreifen haben, sondern zu akzeptieren haben, dass Neuinfektionszahlen auch ansteigen können und werden.

"Es ist nicht sinnvoll (...) alle gleich behandeln zu wollen"

Armbrüster: Das heißt, Sie sind nicht für bundesweite Maßnahmen, zum Beispiel nicht für eine bundesweite Anordnung Sperrstunde in Restaurants oder Veranstaltungen verbieten?

Straubhaar: Nein! Genau das würde weit übers Ziel hinausschießen für viele Regionen, um in einigen Regionen etwas zu erreichen. Wir sollten zu einer Strategie kommen, dass wir diejenigen, die wir besonders schützen sollten, schützen müssen und dass wir dort, wo das nicht der Fall ist, etwas lockern können. Das kann parallel nebeneinander geschehen. Es ist nicht sinnvoll, hier mit dem Holzhammer alle gleich behandeln zu wollen, weil auch die Risiken sektoriell regional unterschiedlich letztlich bleiben und sind.

Armbrüster: Herr Straubhaar, wir wissen tatsächlich nicht – das ist das große Problem an dieser ganzen Pandemie -, wie es in den kommenden Tagen und Wochen weitergeht. Es fehlt uns ein völliger Überblick darüber, was im kommenden Jahr passiert. Aber können wir denn ungefähr einschätzen, was wirtschaftlich auf uns zukommt? Konkret: Mit was für einer Welle, wenn es so etwas überhaupt gibt, oder wenn das Wort vielleicht übertrieben ist – sagen Sie das ruhig -, mit was für einer Welle von Firmeninsolvenzen, von Firmenpleiten wir ausgehen müssen?

Straubhaar: Ich denke, dass wir nicht darum herum kommen werden, noch einmal ganz gewaltig auch durch staatliche Hilfen vor allem Kleinbetriebe, mittelständischen Betriebe, Selbstständige, Freiberufliche, Kleinstbetriebe im Gastgewerbe, in haushaltsnahen Dienstleistungen vom Friseur bis zur Kosmetikerin zu unterstützen und zu helfen – großzügig, auch nicht in Form von Krediten, die rückzahlbar sind, sondern von Geschenken, weil da kommt für diese kleinen Betriebe noch mal eine Existenz gefährdende Welle auf sie zu. Und das wird nicht kurzfristig sich korrigieren, sondern bis wir einen Impfstoff finden werden, wird das immer und immer wieder aufpoppen und die werden immer und immer wieder dieselben Probleme haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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