Montag, 15. April 2024

Sozialstaat
Warum Wohlfahrtsverbände wachsen

Die großen Wohlfahrtsverbände tragen in Deutschland maßgeblich zum Pflege- und Betreuungssystem bei. Organisationen wie Caritas, Diakonie oder die AWO übernehmen immer mehr Aufgaben - und müssen um ihre Finanzierung kämpfen.

Eine Pflegekraft schiebt einen Rollstuhl durch einen Gang
Es gibt immer mehr Menschen, die Pflege brauchen und Hilfe bei ambulanten Diensten oder Heimen von Caritas, Diakonie oder der AWO suchen. (IMAGO / photothek / IMAGO / Ute Grabowsky / photothek.de)
Verbände der Freien Wohlfahrtspflege wie Caritas, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden sind den meisten Menschen ein Begriff. Weniger bekannt dagegen dürfte sein, dass sie mit derzeit rund zwei Millionen Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in Deutschland zählen und damit sogar die deutsche Autoindustrie übertreffen.
Der Bedarf an Sozialdienst- und Beratungsleistungen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, unter anderem als Folge des demografischen Wandels. Die Verbände übernehmen als sogenannte freie Träger für die Kommunen, beziehungsweise in ihrem Auftrag, immer mehr Aufgaben in Pflege, Behindertenarbeit, Kinderbetreuung oder Beratung. Was bedeutet dieser stark gestiegene Bedarf in den Zeiten des Fachkräftemangels?

Inhalt

Wer finanziert die Wohlfahrtsverbände?

Weil Wohlfahrtsverbände soziale Arbeit übernehmen, die die Kommunen mit ihren eigenen Einrichtungen nicht stemmen können, und damit wichtige Träger des deutschen Sozialsystems sind, werden sie zu rund 80 bis 90 Prozent aus den Sozialversicherungen beziehungsweise aus staatlichen Zuschüssen und Spenden finanziert. Der Rest kommt aus Eigenmitteln und den Beiträgen von Kunden, Klienten oder Patienten.

Der Dritte Sektor: nicht gewinnorientiert

Das gilt auch für Diakonie und Caritas. Sie sind zwar Wohlfahrtsverbände der evangelischen beziehungsweise katholischen Kirche, bieten ihre Dienstleistungen jedoch nicht-konfessionsgebunden an. Laut einem EuGH-Urteil von 2018 darf die Zugehörigkeit zu einer der beiden Kirchen keine Voraussetzung mehr sein, um für Caritas oder Diakonie zu arbeiten – wenn es sich um sogenannte verkündungsferne Jobs wie etwa in karitativen Einrichtungen handelt.
Alle Wohlfahrtsverbände ordnen sich selbst dem sogenannten Dritten Sektor zu – dem großen Feld aus Non-Profit-Organisationen, Gemeinschaften, Vereinen und Verbänden, ehrenamtlichem Engagement und Philantropie jenseits von Staat und Markt. Die Verbände sind gemeinnützig und in ihrer Arbeit nicht gewinnorientiert.
Theoretisch. Praktisch trifft das zwar ebenfalls in den meisten Fällen zu, aber nicht immer: So gab es vor ein paar Jahren einen Skandal bei der AWO in den Kreisverbänden Frankfurt am Main und Wiesbaden, der bis in politische Kreise reichte. Im Mittelpunkt standen teure Dienstwagen, übermäßig hohe Gehälter und Honorare, Übernachtungen in Luxus-Hotels sowie undurchsichtige Verflechtungen in die Politik.

Verlust der Gemeinnützigkeit

Die Folge des Skandals: Die Kreisverbände verloren vorübergehend ihren Status der Gemeinnützigkeit und wurden vom Finanzamt wie normale Wirtschaftsunternehmen behandelt. Die AWO bezifferte den aus der Affäre entstandene Schaden mit rund zehn Millionen Euro.
Solche Affären, sagt Holger Backhaus-Maul, Soziologe an der Universität Halle, schaden nicht nur einzelnen Verbänden, sondern der gesamten Freien Wohlfahrtspflege: „Die Freie Wohlfahrtspflege basiert auf einem Vertrauen, was Spenden, was Inanspruchnahme von Leistungen anbelangt. Und wenn dieses Vertrauen erschüttert wird, dann betrifft das nicht nur einen Verband, einen Kreisverband, der ein Problem damit hat, sondern das betrifft die ganze freie Wohlfahrtspflege. Und das ist rufschädigend und stellt die Vertrauensfrage. Und damit bricht eine der letzten Domänen der Legitimation der Freien Wohlfahrtspflege.“

Wie hat sich die Zahl der Beschäftigten der Wohlfahrtsverbände entwickelt?

Bundesweit betreiben die sechs Spitzenverbände der Wohlfahrt insgesamt 120.000 Einrichtungen: ambulante Pflegedienste und Kindertagesstätten, Krankenhäuser und Pflegeheime. Hinzukommen Beratungsstellen für Erziehungsfragen und für Menschen mit psychischen Problemen. In diesen Einrichtungen arbeiten rund zwei Millionen Menschen hauptberuflich. Das sind zweieinhalbmal so viele wie 1990. Dazu kommen noch rund drei Millionen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.

Betreuungsplätze verdoppelt

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich bei den Wohlfahrtsverbänden auch die Zahl der Betreuungsplätze für Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen auf über 600.000 verdoppelt.
Dieses große Wachstum wurde in den zurückliegenden Jahren leicht ausgebremst, durch den Fachkräftemangel im pflegerisch-sozialen Bereich und durch die Coronapandemie. Zugleich sind aber die Aufgaben der Verbände in den zurückliegenden Jahrzehnten stark gewachsen. Ein Dilemma, das viele Einrichtungen an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit bringt.

Warum übernehmen Wohlfahrtsverbände immer mehr Aufgaben?

Dass das Aufgabenvolumen der Wohlfahrtsverbände in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen hängt mit mehreren Faktoren zusammen. „Es gibt einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung unter drei. Das hat es vorher einfach nicht gegeben. Und das führt natürlich zu einer Ausweitung der Leistungen. Oder die Altenhilfe - die ist ja ein Phänomen, was es erst seit ungefähr 20 Jahren überhaupt gibt, mit enorm steigenden Wachstumsraten“, fasst Gerhard Timm, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege zusammen.
Verantwortlich dafür ist der demografische Wandel. „Es gibt einfach immer mehr Ältere und immer weniger Betreuung in Familien“, sagt Timm. Und das führe zu einer Ausdehnung und Ausweitung der Leistungen.
Beispiel Altenpflege: Wissenschaftler des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen rechnen damit, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen auf 4,9 Millionen bis zum Jahr 2030 und 5,6 Millionen bis zum Jahr 2040 steigen wird. Gegenüber 2019 wäre das ein Anstieg um 20 beziehungsweise 35 Prozent. Dementsprechend würden bis 2040 weitere 322.000 stationäre Pflegeplätze benötigt. Derzeit leben rund 820.000 Menschen solchen Einrichtungen.

Fehlende Kitaplätze

Beispiel Kinderbetreuung: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung (2022) fehlen im Jahr 2023 384.000 Kitaplätze. Doch es mangelt nicht nur an ausfinanzierten Plätzen, sondern häufig auch an einer kindgerechten Personalausstattung, also auch hier: an Fachkräften.  
Durch hohe Geflüchtetenzahlen in den zurückliegenden Jahren ist auch der Bedarf an Beratung und Integrationshilfe gestiegen. Außerdem haben auch Aufgaben zugenommen, bei denen es um die gesellschaftliche Interessenvertretung durch Wohlfahrtsverbände geht - etwa bei Gesetzgebungsverfahren, bei denen Verbände als Sachverständige angehört werden.

Welches sind die größten Herausforderungen für die Wohlfahrtsverbände?

Die oben genannten Zahlen und die Gemengelage machen deutlich: Ohne Wohlfahrtsverbände geht es nicht. Doch auch sie stehen vor Problemen. Der Fachkräftemangel ist vermutlich das größte. Alle Wohlfahrtsverbände haben Schwierigkeiten, genug hauptamtliche Mitarbeiter zu finden, speziell im Bereich Pflege und Kinderbetreuung. Helfen kann dabei nur die Politik – mit finanziellen Anreizen für den Pflegeberuf und zugleich auch mit einer finanziellen Gleichstellung der Mitarbeitenden bei freien Trägern.
Das führt zum zweiten Problem: der großen Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen. In Berlin haben die großen Wohlfahrtsverbände Ende Juni 2023 Senat und Abgeordnetenhaus vor einem Sparkurs zu Lasten sozialer Einrichtungen gewarnt. In einem offenen Brief der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege heißt es, die geplanten Einsparungen im Landeshaushalt seien eine ernste Gefahr für die soziale Infrastruktur und den Zusammenhalt in der Stadt. Die Sparvorgaben der Senatsfinanzverwaltung ignorierten „elementare sozialpolitische Notwendigkeiten“. Der soziale Frieden sei in Gefahr.
Unter den Sparmaßnahmen könnten laut der Verbände Obdachlosen- sowie Jugendhilfeeinrichtungen und Beratungsstellen in Berlin leiden. Auch sei es aus ihrer Sicht nicht hinnehmbar, dass beispielsweise staatliche Kita-Beschäftigte eine Hauptstadtzulage bekämen. Freie Träger seien dagegen für eine Refinanzierung von Lohnsteigerungen „auf die Gnade der Verwaltung angewiesen“.

Verbände hinken wichtigen Trends hinterher

Darüber hinaus, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul, sähen sich die Wohlfahrtsverbände auch mit der Herausforderung konfrontiert, wichtige Entwicklungen und Trends nicht zu verschlafen: „Ich will nur die Stichworte sagen: Digitalisierung, Krieg in Europa, der dramatische soziale Wandel zwischen Stadt und Land - et cetera pp. Und diese Umweltveränderungen stellen die Freie Wohlfahrtspflege unter erheblichen Anpassungsdruck. Und da ist sie manchmal, so könnte man meinen, relativ träge. Sie ist erfolgsverwöhnt.“ Doch das sei eine trügerische Selbstgewissheit. „Da würden wir sagen, sozialwissenschaftlich: Die Welt ist dynamisch, sie ist turbulent, und wenn man sich da nicht anpasst, dann gehen die Trends an einem vorbei.“

Nikolaus Nützel, Mareike Knoke, epd