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StartseiteInterview"Das ist wie damals in Berlin" 13.01.2017

Zypern-Gespräche"Das ist wie damals in Berlin"

"Es ist ein geteiltes Land, das merkt man überall" - so beschreibt der Politologe Niyazi Kizilyürek von der Universität Zyperns in Nikosia die Lage in seiner Heimat. Es sei im Alltag ähnlich wie vor dem Mauerfall in Berlin, sagte er im DLF. Die erste Verhandlungsrunde über die Wiedervereinigung Zyperns ist zwar gerade ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen. Kizilyürek ist dennoch optimistisch, dass die Teilung überwindbar ist.

Niyazi Kizilyürek im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Der griechisch-zypriotische Präsident der Republik Zypern, Nikos Anastasiades, und der Volksgruppenführer der türkischen Zyprioten, Mustafa Akinci (*) (AFP / Bryan R. Smith)
Der griechisch-zypriotische Präsident der Republik Zypern, Nikos Anastasiades, und der Volksgruppenführer der türkischen Zyprioten, Mustafa Akinci (*) (AFP / Bryan R. Smith)
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Zum ersten Mal überhaupt seien beide Seiten wirklich vorangekommen und hätten in mehreren Punkten Einigkeit erzielt, betonte der Politologe. Besonders die türkischen Zyprioten hätten großes Interesse an einer Wiedervereinigung, da sie international sehr isoliert seien und wüssten, dass sie "nur mit einer Wiedervereinigung vorankommen" könnten.

Die junge Generation griechischer Zyprioten verliere dagegen nach und nach das Interesse an einer Wiedervereinigung des Landes: Nach Einschätzung Niyazi Kizilyüreks herrsche bei vielen ein Gefühl der Distanz und Entfremdung gegenüber dem türkischen Nordteil der Insel. 

Zwar gebe es zwischen griechischen und türkischen Zyprioten keine alltäglichen Konfliktpunkte; dennoch sei das alltägliche Leben auf der Insel stark von der Spaltung bestimmt. "Das ist wie damals in Berlin", sagte Kizilyürek. Ob die Wiedervereinigung überwunden und eine Einigung erzielt werden kann, liegt seiner Ansicht nach jetzt vor allem am Willen Ankaras und Athens. 


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Eigentlich hatten sich Großbritannien, Griechenland und die Türkei dazu verpflichtet, für die Unabhängigkeit und die Einheit von Zypern einzustehen als sogenannte Garantiemächte der Mittelmeerinsel. Doch spätestens seit 1974 kommen sie dieser Aufgabe faktisch nicht nach. Athen unterstützte einen Putsch der griechischen Zyprer, woraufhin Ankara den Norden der Insel besetzte. Seitdem, also seit über 40 Jahren ist das Land geteilt. Derzeit laufen in Genf Gespräche über eine Wiedervereinigung, unter Vermittlung des neuen UNO-Generalsekretärs Guterres. Für viele ist es die letzte Gelegenheit, weil sich die Zyprer zu entfremden beginnen, heißt es, und in Zukunft vielleicht gar kein Interesse mehr an einer Vereinigung haben könnten.  Am Telefon ist jetzt Niyazi Kizilyürek, Professor für türkische Studien an der Universität Zyperns in Nikosia, und dort begrüße ich ihn auch. Schönen guten Morgen!

Niyazi Kizilyürek: Guten Morgen!

Heckmann: Herr Kizilyürek, wie ist denn die Lebenssituation der Zyprer? Wie kann man sich das vorstellen? Wie stark ist ihr Leben bestimmt durch die Teilung, auch Ihr persönliches Leben vielleicht?

Kizilyürek: Das ist ein geteiltes Land. Das merkt man überall. Man muss dazu sagen, Nikosia, die Hauptstadt, ist wie damals Berlin. Es ist eine geteilte Stadt und ein geteiltes Land. Es gibt keinen alltäglichen Konflikt und das merkt man nicht so, aber natürlich das Leben der Zyprioten ist durchaus bestimmt durch die Teilung in verschiedenem Sinne, im politischen wie im ökonomischen Sinne. Zum Beispiel die türkischen Zyprioten im Norden sind ganz isoliert. Die haben keinen Kontakt zur internationalen Gemeinschaft. Die sind sehr abhängig von der Türkei. Sie können nicht allein über ihr Leben bestimmen. Die griechischen Zyprioten leben natürlich in einer Sicherheitsfrage - natürlich, wenn drüben im Norden 30.000 türkische Soldaten stationiert sind. Auf den ersten Blick bemerkt man das nicht so, dass diese Teilung das Leben der Leute hier entscheidet, aber es ist durchaus wichtig, denke ich.

Heckmann: Wie schwer oder wie leicht ist es denn für die Zyprer, diese Grenze, die das Land teilt, zu überwinden?

Kizilyürek: Bis vor zwölf Jahren war das nicht möglich. Diese Demarkationslinie, das war eigentlich eine starke große Mauer, die man nicht überschreiten konnte. Seit 2003 gibt es jetzt Checkpoints, von wo man rübergehen kann. Man muss dort natürlich die Identität zeigen oder so was. Damals war es ein Passport, heute genügen die Identitätskarten, dass man da rübergeht. Das sind bestimmte Punkte eigentlich, zwei, drei Punkte in Nikosia, wo man rübergehen kann. Es ist durchaus solide geteilt, würde ich sagen, und schwer kontrolliert.

"Ich lebe jetzt auf beiden Seiten praktisch"

Heckmann: Wie ist es denn bei Ihnen persönlich? Gehen Sie von einem Teil der Insel zum anderen? Haben Sie Kontakt zu Ihren Landsleuten im Norden der Insel?

Kizilyürek: Ja, habe ich natürlich, seitdem wir diese Checkpoints haben. Ich mache viel auch im Norden. Ich gebe auch meine Konferenzen drüben. Ich schreibe tagtäglich in Zeitungen, ich habe ein Fernsehprogramm. Das heißt, ich lebe jetzt auf beiden Seiten praktisch. Ich unterrichte an der Uni Zypern, aber ich mache auch viel mit türkischen Zyprioten.

Heckmann: Das hört sich ein bisschen danach an, dass man mit der Situation eigentlich auch ganz gut leben könnte, und ich habe jetzt in diesen Tagen auch mehrfach gehört, junge Zyprer zum Beispiel, die haben sich an die Teilung schon lange gewöhnt und man kennt die Leute auf der anderen Seite eigentlich schon gar nicht mehr, hat gar kein großes Interesse. Gestern habe ich noch einen O-Ton gehört. Da sagte ein junger Mann, ich bin gegen eine Änderung, ich kenne das gar nicht anders. Ist da was dran? Haben sich die jungen Zyprer an die Teilung gewöhnt und haben gar kein großes Interesse mehr an einer Änderung?

Kizilyürek: Ich würde eher sagen, dass das eher für die griechisch-zypriotischen jungen Leute gilt, nicht so für die türkischen Zyprioten. Da gibt es einen Unterschied, weil wie ich schon sagte, die türkischen Zyprioten sind ja ganz schön isoliert und viele türkische Zyprioten versuchen, ihre Zukunft in Europa zu haben, und deswegen ist Zypern ja auch für Europa über die Republik Zypern. Die haben Pässe, die können nach Europa gehen. Die türkischen Zyprioten wissen eigentlich, dass sie nur mit einer Vereinigung vorankommen können, und deswegen stehen sie dazu. Aber es stimmt, wenn man zu den griechischen Zyprioten kommt, dass die junge Generation mehr und mehr natürlich ihr Interesse verliert, weil die haben keine Ahnung, was Nordzypern bedeutet. Es gibt kein Heimatgefühl unter den griechischen Zyprioten über Nordzypern und das führt natürlich zu einer Distanz, zu einer Entfremdung und das Interesse ist weniger unter den griechischen Zyprioten, wenn es um die Wiedervereinigung geht.

Heckmann: Jetzt sind die Verhandlungen zunächst mal ergebnislos vertagt worden in Genf am Abend. Wie optimistisch sind Sie denn, dass diese Verhandlungen am Ende doch noch zum Erfolg führen könnten?

Kizilyürek: Erst einmal muss ich das unterschreiben und betonen, dass zum ersten Mal beide Volksgruppenführer wirklich vorangekommen sind. Sie haben lange Gespräche geführt und in mehreren Punkten sind sie jetzt einig, was für einen Bundesstaat Zypern wir uns wünschen. Das heißt, Herr Akinci und Herr Anastasiadis, die sind wirklich sehr gut vorangekommen. Die Hauptfrage ist jetzt das Sicherheits- und Garantieabkommen von 1960, wo natürlich drei Garantiemächte, Großbritannien, Türkei und Griechenland, eine ganz besondere Rolle spielen, und es wird sehr viel davon abhängen, wie jetzt Akinci und Ankara dazu stehen werden. Das heißt, es ist nicht mehr so viel, wie die Zyprioten jetzt hier denken, aber das ist jetzt etwas, was Ankara und die türkische Regierung eigentlich machen müssen.

"Es gibt konkrete Interessen für die Türkei, dass die Zypern-Frage gelöst wird"

Heckmann: Da geht es ja auch um die Stationierung der türkischen Soldaten. Ganz kurz zum Abschluss noch, Herr Kizilyürek. Glauben Sie, dass Präsident Erdogan, der türkische Präsident, wirklich bereit wäre zu sagen, okay, wir ziehen unsere Soldaten da ab?

Kizilyürek: Präsident Erdogan ist ja erst mal sehr beschäftigt mit der Verfassungsänderung in der Türkei. Der möchte gerne ein Präsidentschaftssystem haben. Ich weiß nicht, ob jetzt er dafür bereit ist. Aber auf der anderen Seite gibt es ganz konkrete Interessen für die Türkei, dass die Zypern-Frage gelöst wird. Die Türkei ist jetzt ja auch in der Außenpolitik sehr viel isoliert. Es gibt viele Probleme und durch eine Zypern-Lösung kann die Türkei wieder sehr viel gewinnen. Zum Beispiel kann die Energiepolitik eine Rolle spielen, können die Beziehungen mit der EU wieder verbessert werden. Es gibt auch auf der anderen Seite ganz konkrete Interessen für die Türkei, die Zypern-Frage zu lösen, und auf der anderen Seite natürlich gibt es politische Berechnungen, einen Populismus, und beides ist natürlich nicht immer in Harmonie.

Heckmann: Und glauben Sie ganz kurz noch, dass es eine Lösung geben könnte, eine gesichtswahrende, eine Wiedervereinigung, obwohl türkische Truppen im Norden stationiert sind?

Kizilyürek: Ich glaube nicht, dass die griechischen Zyprioten so eine Lösung akzeptieren würden. Aber wenn das als eine vorübergehende Situation ist, dann ja, aber kein griechischer Zypriote wird akzeptieren, dass ewig auf der Insel türkische Truppen stationiert bleiben.

Heckmann: Das bleibt also spannend. Wir werden die Verhandlungen in Genf weiter verfolgen. Wir haben gesprochen einstweilen mit Niyazi Kizilyürek, Professor für türkische Studien an der Universität Zyperns in Nikosia. Herr Kizilyürek, herzlichen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit heute Morgen und schöne Grüße.

Kizilyürek: Schönen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(*) In einer früheren Fassung des Artikels war in der Bildunterschrift irrtümlich von zwei "Präsidenten der beiden zyprischen Republiken" die Rede. Dies haben wir geändert.

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