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StartseiteHintergrundDänemarks Umgang mit jungen Islamisten 25.05.2016

Aarhus-Projekt Dänemarks Umgang mit jungen Islamisten

Dialog und harte Hand - so beschreibt der Bürgermeister der dänischen Stadt Aarhus das erfolgreiche Projekt, Syrien-Rückkehrern die Chance zu geben, zurück in ein normales Leben zu finden. Gemeinsam mit muslimischen Mentoren geht die Polizei mit den islamistischen Extremisten in den Dialog. Zahlreiche europäische Städte haben sich das Projekt in Aarhus mittlerweile zum Vorbild genommen.

Von Clemens Verenkotte

Menschen erinnern am 14. Februar 2016 mit einer Lichterkette an die Anschläge vor einem Jahr in Kopenhagen. (dpa / picture alliance / Claus Bech)
Erinnerung an die Anschläge vor einem Jahr in Kopenhagen. (dpa / picture alliance / Claus Bech)
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Es ist ein ruhige Seitenstraße, die Fredensgade in der Innenstadt von Aarhus. Zwei- bis vierstöckige, gepflegte Wohn- und Geschäftshäuser wechseln einander ab. Eine Eckkneipe, ein schmales Bistro-Hotel sowie Restaurants mit einladend deckenhohen Frontfenstern ziehen Touristen wie Einheimische der zweitgrößten Stadt Dänemarks gleichermaßen an. 

An diesem Dienstagmorgen rollt nicht viel Verkehr über das Kopfsteinpflaster der einspurig zu befahrenden Gasse. Eingebettet in die ebenmäßige, gediegene Bürgerlichkeit ausstrahlende Häuserfassade befindet sich die Polizeistation für Verbrechensprävention, dessen Innenräume eher an behagliche Wohnzimmer als an kühles Sicherheitsinterieur erinnern. Dabei wird von dieser kleinen Dienststelle das europaweit bislang erfolgreichste Projekt koordiniert, um Rückkehrern aus dem syrischen Kriegsgebiet eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Superintendent Allan Aarslev leitet das :

"Im November 2012 erfuhren wir zum ersten Mal, dass ein junger Mann aus unserer Stadt nach Syrien gegangen war. Und wir fragten uns: Warum hat sich ein Bürger mit Migrationshintergrund, der hier in Dänemark lebte, dazu entschlossen nach Syrien zu gehen? Was ist da passiert? Warum? Das konnten wir uns nicht erklären. Wir versuchten uns, den Fall näher anzuschauen, aber wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Erst nahezu ein Jahr später gelang uns das. Wir beobachteten seitdem diese Entwicklung. Wir konnten feststellen, dass viele dieser jungen Männer Mitglieder derselben religiösen Gruppierung in derselben Moschee hier in unserer Stadt waren. Und das war einer der Gründe, warum sie nach Syrien gegangen waren, weil sie religiöse Fundamentalisten waren."

Doppelstrategie gegen terroristische Bedrohung

"Seht Euch die arabischen Herrscher an. Seht, wie sie sich verschworen haben und sich immer noch verschwören – gegen unser Volk in Gaza. Gaza ist das Land des Ruhms, Gaza ist das Land des Jihad, das Land der Ehre, das der stärksten Kriegsmaschinerie gegenübersteht."

Abu Bilal Ismail, so lautet der Name des Imams der Grimhoj-Moschee im Aarhuser Stadtteil Gellerup, derjenigen Moschee, die die meisten jungen muslimischen Dänen besuchten, bevor sie sich auf den Weg nach Syrien machten. Abu Bilal Ismail, hier während einer Freitagspredigt in der Berliner Al Nur Moschee im Juli 2014, ist nach Einschätzung der dänischen Sicherheitskreise einer der gefährlichsten Hassprediger, die mit ihrer gewaltsamen, extremistischen Ideologie und Propaganda jugendliche Muslime radikalisieren. Dänemark begann schon frühzeitig, sich mit einer Art Doppelstrategie vor der terroristischen Bedrohung durch radikalisierte muslimische Staatsbürger zu schützen: Zum einen mit einer kontinuierlichen Verschärfung der Antiterror-Gesetzgebung, die bereits 2002 einsetzte und derzeit erneut novelliert wird, der zufolge dänischen Staatsbürger die Ausreise in Kriegs- und Konfliktgebiete verboten werden soll. Und zum zweiten mit dem Modellversuch in Aarhus, Rückkehrern den Weg zurück in die dänische Gesellschaft zu ermöglichen, denen strafrechtlich keine Verbrechen nachzuweisen sind. Sowie: Junge Muslime davon abzuhalten, nach Syrien in den Krieg zu ziehen. Was der ausschlaggebende Grund für den Beginn des Aarhus-Projektes war? Superintendent Allan Aarslev:

"Als wir uns die schrecklichen Terroranschläge in London vom 07. Juli 2005 und die von Madrid im Jahr 2004 anschauten, fand ein neues Wort Eingang in die dänische Sprache: Inländischer Terrorismus. Und wir fragten uns danach: Könnte hier das Gleiche passieren? Wir analysierten die Situation in unserer Stadt und stellten uns die Frage: Können wir verhindern, dass etwas Ähnliches hier in unserer Stadt passiert?"

Gespräch mit radikalisierten Muslimen suchen

Als Superintendent Aarslev und sein Team dem Stadtrat von Aarhus das Vorhaben unterbreiteten, mit gesprächsbereiten Syrien-Rückkehren sowie mit jungen radikalisierten dänischen Muslimen zu reden, mit dem Ziel, sie über einen längeren Zeitraum zur Aufgabe ihrer jihadistischen Ideologie und zur Rückkehr in ein "normales" Leben zu bewegen, stießen die Pläne auf erhebliche Skepsis. Zehn Prozent der 340.000 Einwohner von Aarhus haben einen Migrationshintergrund, stammen überwiegend aus dem Nahen Osten und Afrika. In den 80er und 90er Jahren zog der Großteil der arabischen Emigranten nach Aarhus, überwiegend Palästinenser. Später kamen afrikanische Einwanderer, vor allem aus Somalia. 

Die globalen Auswirkungen der Mohammed-Karikaturen des dänischen Karikaturisten Kurt Vertergaard, die 2005 in der größten Zeitung von Aardes Landes, der "Jyllands-Posten", veröffentlicht worden waren und in zahlreichen muslimischen Ländern zu Massenprotesten und Angriffen auf dänische Botschaften geführt hatten, diese Auswirkungen waren in Dänemark  längst noch nicht vergessen. Es bedurfte Überzeugungsarbeit, bis der Bürgermeister und die Stadträte grünes Licht gaben, der Polizei zu erlauben, gemeinsam mit kundigen, muslimischen Mentoren einen langwidrigen Dialog mit islamistischen Extremisten zu führen und denjenigen, die Gefahr laufen, nach Syrien in den Jihad zu ziehen. 

Kinder verbrennen dänische Fahnen. (Imago/UPI Photo)2008 protestieren weltweit Muslime gegen Dänemark wegen Mohammed-Karikaturen. (Imago/UPI Photo)

"Ohne deren Unterstützung wäre es uns nicht möglich, dieses Programm durchzuführen. Aber, es gibt Skepsis gegenüber dem Programm, auch im dänischen Parlament und in anderen Teilen der dänischen Gesellschaft. Allerdings, uns ist es immer wichtig zu betonen, dass sich dieses Programm vor allem auf die Verbrechensprävention konzentriert. Und darum machen wir es so, wie wir es machen. Wir tun dies nicht aus politischen Gründen."

Betreuung über Wochen und Jahre

Im Aufenthaltsraum einer Bibliothek in der Innenstadt von Aarhus. Der Treffpunkt dürfe nicht genannt werden, ebenso wenig der Name des Interviewpartners, der pünktlich um 16 Uhr erscheint. Zudem keine persönlichen Angaben über die islamistischen Jugendlichen, die an dem De-Radikalisierungsprogramm der Aarhuser Polizei teilnehmen. Mehrmals hatten die Sicherheitsbehörden auf die strikte Einhaltung dieser Spielregeln hingewiesen, ohne deren Erfüllung ein Treffen mit einem so genannten "Mentor" nicht stattfinden würde. 

Unter den überwiegend jungen Leuten im großen Aufenthaltsraum der Bibliothek fällt der "Mentor" nicht auf. Er gehört zu der kleinen Gruppe von insgesamt 12 Experten, die in Zusammenarbeit mit der Polizeistelle von Superintendent Aarsvel mit jungen, radikalisierten Muslimen aus Aarhus sprechen, regelmäßig, jeweils zwei Stunden lang, zwei bis dreimal die Woche, oftmals über Wochen und Monaten hinweg, in manchen Fällen über ein Jahr hinweg. 

"2010 wurde ich als Mentor eingestellt. Weil ich es den Ansatz der Prävention sehr interessant fand, statt zu warten und zu warten, bis alles eskaliert, bis alles falsch gelaufen ist, um dann mit dem Reparieren anzufangen." 

Dänemark ist besonders von Syrienkämpfern betroffen

Der junge, muslimische Akademiker konzentrierte sich bereits im Studium auf das Phänomen des islamistischen Extremismus, auf die verhängnisvollen Narrative der islamistischen Anwerber von religiös interessierten Jugendlichen, auf die  ideologische Schwarz-Weiß-Malerei von "denen da draußen" – also der westlichen Gesellschaft, die den Islam ablehnen und bekämpfen würde – und "uns", den frommen Muslimen, die niemals frei seien könnten, solange nicht der Islam und dessen Recht herrsche, die Scharia. 

"Mein erster Schützling war im Internet sehr aktiv, in den sozialen Medien. Der Typ schrieb Sachen darüber, militant zu sein. Man müsse die Gesellschaft zum Einsturz bringen, um die islamische Scharia einzuführen. Deshalb bekamen wir die Informationen und den Eindruck, der Typ ist erkannt. Von da fing es an."

Dänemark, so heißt es in den offiziellen Erklärungen der Sicherheitsbehörden, ist europaweit besonders von Syrienkämpfern betroffen. 

"Wir luden den Jugendlichen ein, teilten ihm mit, dass wir diese Informationen über ihn haben, dass wir die Geschichte von einer Seite gehört haben und gerne die Geschichte von seiner Seite hören wollten. Falls er also wolle, wären wir froh, ihn zu treffen. Und der Jugendliche sagte zum Glück "Ja". Also trafen wir uns, ich und ein Mensch vom Infohaus."

Hinweise besorgter Eltern werden ernst genommen

Infohaus – die informelle Bezeichnung für eine Polizeistabstelle in Aarhus, die eng mit der Stadtverwaltung zusammenarbeitet, mit dem Jugendamt und dem Sozialamt. Hier gehen Hinweise besorgter Eltern ein, die am Verhalten ihres Sohnes oder ihrer Tochter, auffällige Veränderungen feststellen, denen das Infohaus nachgeht. Jacob Bundsgaard, der 40jährige Bürgermeister von Aarhus, zählt mittlerweile zu den international gefragtesten Experten, wenn es darum geht, wie man wirksam gegen die Radikalisierung junger Muslime in westlichen Gesellschaften angehen kann. Am Rande einer Anti-Terrorismus-Konferenz in seiner Stadt plädiert Bundsgaard für einen umfassenden, kommunalen Ansatz bei der Eindämmung des inländischen Terrorismus und der ideologischen Radikalisierung, denn:

"Selbst wenn wir unbegrenzte Mittel für Überwachungs- und Polizeimaßnahmen hätten, man kann niemals Radikalisierung stoppen, wenn dies nicht auf der lokalen Ebene getan wird, in den Nachbarschaften, mit den wichtigen Leuten in den Kommunen. Die müssen die Verantwortung annehmen. Wir müssen uns um diese Leute bemühen, um sie als Partner zu gewinnen, bei dieser Arbeit gegen gewalttätigen Extremismus und Radikalisierung."

In den vergangenen vier Jahren liefen im Aarhuser Infohaus 165 spezifische Fälle von gefährdeten Jugendlichen auf. Unter diesen 165 Fällen befanden sich 19 Fälle, die als gravierend angesehen wurden. Diese Personen wurden umgehend von Mentoren kontaktiert. Das Angebot, mit jemandem offen, kritisch und umfassend über Themen zu sprechen, wie das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, oder die historischen, divergierenden Definitionen von Jihad, dem Heiligen Krieg, dieses Angebot werde von den gefährdeten Jugendlichen geradezu begierig angenommen:

"Der Typ wollte reden, und hatte das Gefühl, dass er mit mir reden konnte. Und das lag meines Erachtens an zwei Gründen: Wir waren ehrlich, worum es hier bei den Gesprächen geht, aber wir gaben ihm auch die Chance, das zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. Es war also nicht so, dass wir sagten: 'Passt mal auf, wir haben über Dich diese Informationen und jetzt brüllen wir Dich an: Das ist falsch, Du musst was anders machen!'"

Intellektueller Sparring-Partner für gefährdete Jugendliche

Die Entfremdung von der Gesellschaft, das Gefühl des Ausgeschlossen-Seins, pubertärer Rigorismus, einseitiger, exzessiver Konsum extremistischer Internet-Seiten, dies seien oftmals die ersten Schritte zur Radikalisierung, so berichtet der seit 2010 als Mentor tätige, muslimische Akademiker. Was er anbiete, sei eine Erweiterung des geistigen, religiösen und politischen Hintergrunds seiner "Mandaten". Er sei eine Art intellektueller Sparring-Partner für diese gefährdeten jugendlichen Muslime:

"Diese Leute sind keine Idioten. Sie sind nicht ignorant, oder nicht dumm. Das sind helle, kluge junge Typen, die Aufmerksamkeit und Hilfe brauchen, um wieder auf die Spur zu kommen. Die können reflektieren. Sie sind in der Lage sich neue Gedankenansätze zu eigen zu machen. Sie sagen sich dann: ‚Okay, vielleicht war mein Ausgangspunkt nicht so einfach, wie ich dachte; vielleicht ist die Welt nicht so schwarz und weiß, wie ich dachte. Vielleicht war das Narrativ, mit dem ich gefüttert wurde. Vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit."

Dass die Welt schwarz und weiß ist, dass der Westen die Muslime unterdrückt und mit korrupten muslimischen Ländern paktiert, dass die Pflicht eines jeden jungen Muslim darin besteht, den vom Regime in Syrien bedrohten ‚Brüdern und Schwestern‘ beizustehen, all dies "lernten" die meisten der 33 jungen Männer und Frauen, die ab 2013 aus Aarhus in Richtung Syrien aufgebrochen waren, im Jugendzentrum der Grimhøj-Moschee in Aarhus. Superintendent Allan Aarslev: 

"Als wir Ende 2013 feststellten, dass eine Anzahl von jungen Männern und jungen Frauen nach Syrien gegangen waren, entdeckten wir, dass viele dieser Personen eine ganz bestimmte Moschee besucht hatten."

Missverständnis der Medien

Von einer IS-Brutstätte sprachen dänische Sicherheitskreise im Sommer 2014, als der salafistische Imam der Moschee, Abu Bilal Ismail, zur Unterstützung des so genannten "Islamischen Staates" aufgerufen hatte; alles, so versuchte später der Vorsitzender der Moschee, Ossama al Saady, gegenüber dänischen Journalistenschülern zu beteuern, alles ein Missverständnis der Medien:

"Alle Leute, oder die meisten, haben diese Vorstellung, die von den Medien verbreitet wurde, und die natürlich von einigen Politikern unterstützt wird, die haben – sagen wir mal so – ein Problem mit dem Islam. Einige Leute sagen, dass jeder, der in eine Moschee geht, schon ein Extremist ist. Die Lösung für dieses Problem liegt in Ihren Händen, den Menschen in diesen Ländern und den Europäern im Allgemeinen."

Nein, so einfach konnte es sich der Moschee-Vorstand nicht machen. Noch im selben Sommer 2014 wurde die Aarhuser Polizei in der Grimhoj-Moschee vorstellig:

"Wir kontaktierten diese Moschee und sagten ihnen, dass wir – als Sicherheitsbehörde – der Auffassung sind, dass das ein Riesenproblem ist, dass junge Männer, die Ihre Moschee besuchen sich entscheiden nach Syrien zu gehen. Und wir sagten ferner, dass wir uns mit dem Vorstand der Moschee treffen wollten, und ob sie dieses Problem anerkennen und mithelfen würden, es zu lösen. Und das ist, was seitdem geschieht: Wir haben uns regelmäßig mit dem Moschee-Vorstand getroffen und diskutiert, was getan werden kann, um den Verkehr von der Moschee nach Syrien zu stoppen. Und durch die Gespräche mit der Moschee waren wir auch in der Lage, uns mit einer Gruppe von Männern zu treffen, die sich "Muslim Jugendzentrum" nennt. Eine Gruppe von vielleicht 30 Personen. Und unter diesen Personen waren die Syrien-Reisenden, diejenigen, die gegangen waren und diejenigen, die zurückgekommen waren. Sie waren von dieser Gruppe jünger Männer rekrutiert worden."

Dialog und harte Hand

Ousama Al Saady, der Vorsitzender der Grimhoj-Moschee in Aarhus:

"Wie jedermann sehen kann, will der Westen die Demokratie mit allen Mittel durchsetzen, mit Morden, Terror, Aufständen, mit allem. Und das wiederum führt die Jugend zu den Gruppen, die sie als Hilfe vor Ungerechtigkeit und Unterwerfung in der muslimischen Welt ansehen. Die Jugendlichen, die zurückgekehrt sind, haben keine Ahnung von alldem, außer, dass sie gegangen sind, um die Syrer zu unterstützen, gegen ein Regime, dass sein Volk unterdrückt und tötet. Und das ist, was alle europäischen Medien ausstrahlen und verdammen. Deshalb reisten die jungen Männer unter den Augen der westlichen Länder und ihrer Geheimdienste – und das wussten sie alles.  Und bei unserem ersten Treffen mit der Polizei, sagten uns deren Vertreter, dass es verboten sei, jemanden vom Reisen nach Syrien abzuhalten, weil das gegen das Gesetz sei." 

Oussama El Saadi (44), Sprecher der Grimhoj-Moschee in Aarhus, aufgenommen am 19.01.2015 in Aarhus, Dänemark. (dpa/picture alliance/Julia Wäschenbach)Oussama El Saadi, Sprecher der Grimhoj-Moschee (dpa/picture alliance/Julia Wäschenbach)

Und – was nicht stimmt: Das dänische Recht mit seinen umfassenden Bürgerrechten kennt keinen Paragraphen, der die Ausreise in Länder unter Strafe stellt, die als Kriegsgebiet gelten – wie eben Syrien und Irak. Dialog und harte Hand: Dieses Leitmotiv des dänischen Umgangs mit IS-Rückkehrern und gefährdeten radikalisierten Jugendlichen sprach Superintendent Allan Aarslev direkt mit den IS-Rekrutierern in der Moschee an:

"Als wir uns mit dieser Gruppe von jungen Männern trafen, die sich Muslimisches Jugendzentrum nannte, gleich bei unserem Treffen, sagten wir ihnen: Wir sind natürlich die Polizei. Ein Vertreter der Stadt war auch mit dabei. Wir sagten ihnen: Unsere erste Priorität ist, genau zu prüfen, ob sie irgendwelche Verbrechen begangen haben, weil sie beim IS waren, und dann würden wir sind natürlich anklagen lassen. Wir betonten, dass wir ihnen nicht geraten hätten, überhaupt  erst nach Syrien gegangen zu sein. Aber wenn sie gegangen sind, und noch Leute kennen, die dort geblieben sind, dann sollten sie ihnen sagen: Kommt zurück, werdet wieder ein Teil der dänischen Gesellschaft, bevor ihr noch größeren Schwierigkeiten steckt."

Anzahl der Reisen nach Syrien gesunken

Seit Beginn ihrer direkten Kontakte mit der Moschee im Januar 2014 sank die Anzahl der Syrien-Reisenden, die die Grimhoj-Moschee besucht hatten, nahezu auf null. Zwischen Januar 2014 und Frühjahr 2016 seien nur vier Personen in Richtung Syrien ausgereist: Eine junge Frau, die erst kurz zuvor als Flüchtling in Dänemark angekommen war, ein Ehepaar sowie ein junger Mann. 

An dem Aarhus-Projekt will niemand rütteln, denn es ist zum internationalen Markenzeichen geworden. Zahlreiche europäische Städte haben sich Aarhus zum Vorbild genommen und versuchen ebenfalls im Zusammenwirken von Polizei, Sicherheitsbehörden, Jugend- und Sozialämtern und kommunalen Gruppierungen junge Muslime davon abzuhalten den Weg des gewalttätigen Radikalismus einzuschlagen. Die Jugendlichen könne man nicht allein der ideologischen Beschallung radikaler Islamisten überlassen. So lautet das Fazit dieses Mentors.

"Die haben einen Hunger nach Informationen. Das ist der Antrieb. Was wir finden müssen ist eine Balance. Dieser Hunger wird nicht in einem radikalisierten Milieu gestillt."

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