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StartseiteInterview"Es gibt Chancen, es gibt Risiken"03.11.2015

BDI-Chef Grillo zur Flüchtlingssituation"Es gibt Chancen, es gibt Risiken"

Er habe kein Verständnis für Streit und Wahlkampf, sagte Ulrich Grillo, Vorsitzender des Bundesverbands der Deutschen Industrie, im DLF mit Blick auf die Flüchtlingskrise. Angesichts der demografischen Entwicklung und drohendem Facharbeitermangel stellten die Flüchtlinge eine Chance für Deutschland dar. Wichtig sei dabei, dass sie rasch die deutsche Sprache lernten.

Ulrich Grillo im Gespräch mit Thielko Grieß

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). (Imago / Jürgen Heinrich)
Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). (Imago / Jürgen Heinrich)
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Unter den Flüchtlingen seien auch Ungelernte, die teilweise nicht die deutsche Sprache beherrschten, sagte der BDI-Präsident. Die Politik müsse den Flüchtlingen Förder-Möglichkeiten geben: "Es muss unglaublich viele Lehrer und Möglichkeiten geben, dass zumindest die deutsche Sprache gelernt wird."

Zwar seien die Kapazitäten zur Aufnahme von Flüchtlingen irgendwann ausgeschöpft, doch sei allein wegen der Verfassung eine Obergrenze für Flüchtlinge nicht denkbar, so der Unternehmer: "Wir haben ein Grundrecht auf Asyl. Das ist Paragraf 16a im Grundgesetz. Das ist schon eine menschliche Verpflichtung." 

Die Industrie mache bei der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe durch die Flüchtlingskrise "ganz vorne" mit, sagte Grillo. Es gebe unzählige Beispiele, wie die Unternehmen bereits agierten. "Das ist keine große gemeinsame Initiative. Jedes einzelne Unternehmen, jeder Unternehmer, jeder Manager, genauso wie die Bürger unseres Landes packen an", sagte er. Nach der Auffassung des BDI-Präsidenten werde uns dieses Thema lange begleiten und viel Arbeit bedeuten.

In Berlin beraten heute rund 1.200 Manager beim "Tag der Industrie" über die Folgen der Migration für den Arbeitsmarkt. Zu Gast sind auch Bundeskanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel.


Das Interview in voller Länge:

Thielko Grieß: Die Politik kennt zurzeit kaum ein anderes Thema als die Flüchtlingskrise und in diesen Tagen feiert die deutsche Industrie beim Tag der deutschen Industrie in Berlin sich selbst mit 1.200 Managern und Gästen. Das ist eine Zeit, in der viele Krisen zusammenkommen: Der Krieg in Syrien, die Sanktionen gegen Russland, nach wie vor in Kraft, die Flüchtlingskrise in Deutschland, Volkswagen steckt in einer Krise, alles Themen, die auch die Industriemanager bewegen. Deshalb haben wir ein Interview aufgezeichnet mit Ulrich Grillo, dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Meine erste Frage an Ulrich Grillo: Wer beeindruckt Sie mehr, die Kanzlerin mit ihrem prinzipientreuen Stoizismus oder Horst Seehofer mit seiner beständigen Art, auf Grenzen aller Art hinzuweisen?

Ulrich Grillo: Es geht hier nicht um einzelne Politiker, um einzelne Personen. Wir haben eine Große Koalition. Diese Große Koalition hat eine große Verantwortung. Und insofern müssen alle zusammen sich zusammensetzen und die Probleme lösen und anpacken. Ich habe kein Verständnis für Koalitionsstreitigkeiten, für Wahlkampf-Taktierereien. Wir müssen das Thema angehen und wir haben wie gesagt eine Große Koalition und große Verantwortung.

Grieß: Sie sind nicht zufrieden mit dem Zustand, wie die Koalition im Augenblick diese Fragen anpackt?

Grillo: Nein! Es kann nicht sein, dass man sich gegenseitig behakt und gegenseitig Versäumnisse vorwirft, dass es Streitereien gibt in einer Großen Koalition. Es gibt so viele Themen, die die Politik anpacken muss bei diesem Thema. Da haben wir keine Zeit und keinen Raum, uns zu streiten.

Grieß: Eine grundsätzliche Frage, die diskutiert wird, und eine Frage, die ich auch Ihnen gerne stellen möchte, Herr Grillo, ist die Frage nach der Obergrenze für Flüchtlinge. Ist die denkbar für Sie?

Grillo: Nein! Eine Obergrenze, die ist insofern nicht denkbar: Wir haben ein Grundrecht auf Asyl. Das ist Paragraf 16a im Grundgesetz. Das ist schon eine menschliche Verpflichtung. Natürlich sind die Kapazitäten irgendwann erreicht, voll. Das heißt, wir müssen das organisieren. Aber es gibt keine zahlenmäßige Obergrenze. Deutschland ist groß und Deutschland hat viele Möglichkeiten. Wenn wir es organisatorisch richtig hinkriegen, wenn wir die Kontrollen richtig einrichten, wenn wir eine Ordnung in diese Bewegung reinkriegen, ich glaube, dann können wir sehr viel mehr und sehr viel besser diese Menschenmassen, die es ja sind, integrieren.

"Wir müssen die Chancen ausnutzen und die Risiken möglichst reduzieren"

Grieß: Es ist schon einige Wochen her, Herr Grillo, da hat Dieter Zetsche, der Daimler-Chef, von einem möglichen neuen Wirtschaftswunder geträumt und geschwärmt, angesichts der neuen Arbeitskräfte und der neuen Kompetenzen, die mit ihnen über die Grenzen kämen. Teilen Sie dessen Euphorie?

Grillo: Ja. Die Bewegung hat viele Chancen, natürlich auch Risiken. Wir haben Chancen, wir gewinnen neue, teilweise qualifizierte Mitarbeiter dazu. Wir haben ein demografisches Problem in der Zukunft. Das heißt, wir haben einen Mangel an Arbeitskräften. Dieser Mangel kann reduziert werden. Aber es gibt natürlich immense Risiken. Das heißt, das Motto ist: Wir müssen die Chancen ausnutzen und die Risiken möglichst reduzieren.

Grieß: Unter den Flüchtlingen sind ja nicht nur ausgebildete Ärzte und Ingenieure und Hochgebildete, die als Fachkräfte gleich hier oder nach relativ schneller Anlernzeit lernen und arbeiten können, sondern auch ganz, ganz viele Ungelernte, für die es ja ohnehin heute schon zu wenige Jobs gibt. Ist das nicht ein Riesenproblem?

Grillo: Ja! Ich habe ja gesagt: Es gibt Chancen, es gibt Risiken. Das ist ein Problem, das müssen wir anpacken. Es sind Ungelernte, die teilweise noch nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen. Das heißt, das Erste was gemacht werden muss zur Integration: Die deutsche Sprache muss gelernt werden. Das heißt, die Politik muss die Möglichkeiten geben. Es muss unglaublich viele Lehrer und Möglichkeiten geben, dass zumindest die deutsche Sprache gelernt wird. Dann gibt es Ausbildungsthemen. Die Industrie ist gerne bereit und macht es ja auch, zeigt es ja auch, Ausbildungsplätze bereitzustellen. Da gibt es unzählige Beispiele. Das alles muss integriert werden, das alles muss gemacht werden und das ist sehr viel Arbeit.

Grieß: Stellt sich die Industrie darauf ein, an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe in den nächsten Jahren mitzumachen und mitzuwirken, ganz vorne?

Grillo: Die Industrie stellt sich nicht darauf ein; sie macht mit ganz vorne. Es gibt unzählige Beispiele, wie die Unternehmen jetzt schon agieren. Das ist keine große gemeinsame Initiative. Jedes einzelne Unternehmen, jeder Unternehmer, jeder Manager, genauso wie die Bürger unseres Landes packen an, machen das. Das beeindruckt mich erheblich. Und das wird in den nächsten Jahren so sein. Das Thema wird uns lange begleiten. Es wird uns allen viele Opfer abverlangen, der Gesellschaft, den Unternehmen, jedem einzelnen Bürger. Das muss man dem Bürger auch ganz klar sagen. Ich glaube, dann macht er mit. Man muss ihn mündig begleiten, man muss die Wahrheit sagen. Dann kriegen wir es hin. Insofern: Das ist ein langes Thema, da haben Sie völlig recht.

Grieß: Und da reden Sie auf Ihre Mitglieder und Mitgliedsverbände auch ein, dass diese Linie mitgetragen wird, dass auch Firmenchefs sich vor ihre Belegschaft stellen und diese Wahrheiten, die Sie im Kopf haben, Herr Grillo, auch aussprechen?

Grillo: Ja, da rede ich natürlich auch drüber. Aber das muss ich überhaupt nicht, weil noch mal: Ich kenne unzählige Beispiele, wo Firmenchefs von sich aus das machen. Ich will nur mal ein Beispiel zitieren: Ein Freund, er ist ein Aluminium-Unternehmer, Heinz-Peter Schlüter, hat zu seinem 66. Geburtstag 66 neue Ausbildungsplätze geschaffen für Flüchtlingsjugendliche. Das sind Beispiele, davon gibt es sehr viele und da muss ich überhaupt nichts sagen. Das ist die Eigeninitiative von allen Managern.

"Europa muss ganz schnell zusammenrücken und einheitlich vorgehen"

Grieß: Weiten wir den Blick ein wenig, Herr Grillo. Wenn man sich Europa anschaut, Südeuropa, wie die Staaten zurzeit nebeneinander herorganisieren, sich kaum in Kenntnis setzen voneinander, von den gegenseitigen Plänen, Zäune bauen mal hier, mal dort, Grenzkontrollen einführen, wieder abschaffen, oder die Grenzen verengen an manchen Stellen, ist Ihnen bange um Europa, um ein Europa ja auch der freien Märkte, das Sie brauchen?

Grillo: Jetzt zeigt sich, ob Europa funktioniert oder nicht.

Grieß: Und das tut es zurzeit ja sehr schlecht.

Grillo: Das ist sicherlich der größte Härtetest, man kann auch sagen Lackmus-Test. Im Moment funktioniert es nicht, Sie haben recht, und da muss Europa ganz schnell zusammenrücken und einheitlich vorgehen, und ich habe die Hoffnung, ich bin Optimist, ich habe die Hoffnung, dass das noch gelingt. Aber da muss noch einiges passieren.

Grieß: Wieso ist dieser Lack so schnell abgeschliffen worden durch diese Flüchtlingskrise?

Grillo: Nein, der Lack ist nicht abgeschliffen worden. Aber das ist immer so: Der Grad der Zusammengehörigkeit, der beweist sich ja erst in Krisensituationen. Wenn die Sonne scheint, wenn alles wunderbar ist, dann kann man auch schön sagen, es ist alles prima. Und erst wenn es ernst ist, wenn die Probleme auftauchen, dann zeigt sich, ob es zusammen geht. Das ist wie im richtigen Leben, würde ich sagen. Und das ist im Moment in Europa auch so.

Grieß: Erschrickt Sie das, wie wenig Gemeinsamkeit es gibt zum Beispiel in Südeuropa?

Grillo: Es besorgt mich. Und da ich ein Freund Europas bin und ein Freund der Europäisierung - das werde ich heute am Tag der deutschen Industrie auch sagen -, besorgt mich das und dafür müssen wir alle kämpfen, dass das in die richtige Richtung wieder geht.

Grieß: Noch mal zurück in die bundesdeutsche Politik, Herr Grillo. Die Bundespolitik, die Große Koalition ist sehr beschäftigt mit der Flüchtlingskrise, mit der Suche nach Lösungen, das seit Wochen und seit Monaten. Ist der politische Betrieb so überfrachtet mit diesem Krisenmodus, so wie Thomas de Maizière es genannt hat, dass anderes zu kurz kommt?

Grillo: Das ist eine Sorge, die ich habe. Ja! Ich werde heute auf dem Tag der deutschen Industrie auch eine Halbzeitbilanz vorlegen und mahnen, dass wir in der zweiten Halbzeit, dass die Große Koalition in der zweiten Halbzeit auch wirtschaftsstärkende Maßnahmen angeht, denn wir brauchen gerade in dieser Zeit eine starke Wirtschaft, eine starke Industrie, um auch diese Probleme lösen zu können, und da ist mir in der ersten Halbzeit der Großen Koalition viel zu wenig passiert.

"Wir müssen das Thema Energiewende hinkriegen"

Grieß: So ähnlich haben Sie sich - ich habe es noch mal nachgeschaut - Anfang des Jahres auch in einem langen Interview hier im Deutschlandfunk geäußert. Jetzt sind viele Monate seitdem vergangen, viele Monate auch der Flüchtlingskrise. Heißt das, Ihr Ruf wird nicht erhört?

Grillo: Ja, die Flüchtlingskrise und viele andere Krisen, die sich ablösen, die übertünchen natürlich die Probleme. Das ist richtig. Nichts desto trotz ist es unsere Aufgabe zu mahnen, auch die wesentlichen Aufgaben anzugehen, und die zweite Halbzeit müssen wieder die Bälle ins richtige Tor geschossen werden. Wir müssen mehr Investitionen haben. Wir müssen das Thema Energiewende hinkriegen. Die Energiekosten steigen weiterhin. Die deutschen Unternehmen zahlen die höchsten Energiekosten. Also es gibt so viele Themen, die losgelöst von diesen Krisen, die auch gelöst werden müssen, angegangen werden müssen, und da müssen wir wieder drauf hinweisen.

Grieß: Beim Stichwort Energiewende würde ich kurz noch mal einhaken wollen, Herr Grillo. Die Industrie hat oft die steigenden Preise beklagt. Aber bislang sind nicht allzu viele Aluhütten und Stahlhütten abgewandert. Ich glaube, auch Ihr Freund Herr Schlüter, den Sie vorhin nannten, aus Essen auch noch nicht mit seiner Hütte. Wo ist das Problem?

Grillo: Na ja. Die Industriestrompreise sind mit die höchsten der Welt. Es gibt ganz energieintensive Unternehmen, die davon entlastet werden. Trotzdem zahlen sie hohe Energiestrompreise.

Grieß: Und das sind Tausende!

Grillo: Ja, das sind Tausende. Aber durch diese Unsicherheiten, die es gibt, durch diese Wettbewerbsverzerrungen kommt es nicht zu Neuinvestitionen am Standort hier, sondern neue Investitionen gerade von energieintensiven Unternehmen, die werden im Ausland, in Nordamerika, wo auch immer, wo die Energiepreise günstiger sind, getätigt. Das heißt, es ist ein schleichender Substanzverzehr, den wir nicht heute merken, den wir nicht morgen merken, den wir aber nach einer gewissen Zeit, nach Jahren merken, und damit schwächen wir den Industriestandort.

Grieß: Sigmar Gabriel hat dafür nicht genügend Zeit, weil er ja nun auch noch Kanzler werden will?

Grillo: Na ja. Ich sage mal, ich kenne Herrn Gabriel recht gut und er kennt die Probleme und da helfen wir auch gerne, auch die Energieprobleme anzugehen, und wenn er die Energiewende richtig hinkriegt, dann schadet das sicherlich nicht seinen Erfolgsaussichten.

Grieß: Das richtig hinzukriegen, hatte er sich ja auf die Fahnen geschrieben, und jetzt höre ich von Ihnen die Halbzeitbilanz, die einigermaßen mager ausfällt.

Grillo: Ja! Die ist mager, weil es ist noch sehr viel zu tun. Die Energiepreise steigen, die Netzkosten steigen ins Unermessliche. Jetzt kommt es dazu, dass die Bayern die Leitungen unter den Boden verlegen wollen. Das sind zwölf Milliarden Euro Mehrausgaben.

Grieß: Frieden mit der CSU ist immer teuer.

Grillo: Na ja, aber es geht ja nicht um Frieden. Es geht um die richtigen Maßnahmen und es geht nicht darum, dass wir uns lokal, regional optimieren. Die Energiewende muss bundesweit, die muss eigentlich europaweit durchgeführt werden. Die regionalen Optimierungen, die mal hier zwölf Milliarden, die da ein paar Milliarden kosten, die dazu führen, dass wir heute die erneuerbare Energie mit 28 Milliarden Euro laut DIW subventionieren, das geht nicht, das können wir uns auf die Dauer nicht leisten.

Grieß: Herr Grillo, Christian Lindner, der FDP-Chef, kommt heute zu Ihnen zum Tag der deutschen Industrie. Vermissen Sie die FDP im Parlament?

Grillo: Ich schätze Herrn Lindner, ich schätze auch die FDP und die FDP hat seit dem Krieg viele gute Jahre, hat das Parlament immer bereichert und würde es auch zukünftig wieder bereichern.

Grieß: ... sagt Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hier im Deutschlandfunk.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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