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Seit 01:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBücher für junge LeserKlassische Kinderbücher in neuem Gewand15.08.2015

Buch-IllustrationKlassische Kinderbücher in neuem Gewand

Viele Kinderbücher überraschen vor allem durch ihre sehr kreativen und künstlerisch ambitionierten Illustrationen. Neben dem Bezug zu Alltagsbildern, haben viele traditionelle Märchensymbole beim Leser keinen immanenten Wert mehr. Und auch die Zielgruppe sind heute nicht mehr nur Kinder.

Von Sylvia Schwab

Ein Kind zwischen vielen Kinderbüchern (imago/Thomas Eisenhuth)
Ein Kind zwischen vielen Kinderbüchern (imago/Thomas Eisenhuth)
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Als der große amerikanische Bilderbuchkünstler Maurice Sendak in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefragt wurde, ob er nicht Lust habe, eine neue Ausgabe der Grimmschen Märchen zu illustrieren, antwortete er entgeistert:

"Jeder macht Grimm. Warum noch mal Grimm machen, wenn man nichts Besonderes zu sagen hat?"

Doch dann machte Sendak sich umso eifriger ans Werk. Und - wie seine Grimm-Ausgabe aus dem Jahr 1974 beweist – er hatte den Bibliotheken voller Grimm-Illustrationen doch noch Besonderes hinzuzufügen! Nicht nur einen ans Altmeisterliche grenzenden Zeichen-Strich, der die Ästhetik alter Stahl- und Kupferstiche zitiert. Sondern auch die psychologische Modellierung und Individualisierung der Grimmschen Figuren.

"Es war einmal eine kleine, süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das sowohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen."

Klassiker sind in! Und Märchen besonders! Bekannte Illustratoren wie Nikolaus Heidelbach und Jonas Lauströer, Lisbeth Zwerger und Shaun Tan haben in den vergangenen zehn Jahren einzelne Märchen oder ganze Sammelbände neu illustriert. Grimms und Andersens Märchen, Märchen aus aller Welt und romantische Kunstmärchen. Berührungsängste gibt es nicht:

Jonas Laustöer:
"Ich versuch da einfach, das zu machen, was ich gerne mag. Und mich gar nicht davon leiten zu lassen, was zig Milliarden Menschen vor mir schon gemacht haben. Dann würde man den ganzen Tag nur auf dem Sofa sitzen können, weil alles schon gemacht ist. "

Symbole in Märchen berühren heute nicht mehr

Jonas Lauströer, Jahrgang 1979, illustriert wissenschaftliche Bücher und literarische Texte: Den Reineke Fuchs, die Märchen "Von dem Fischer und seiner Frau" und "Der Hase und der Igel", außerdem Wilhelm Buschs "Hans Huckebein".

Jonas Laustöer:
"Ich glaube, wenn man Märchen jeweils in die heutige Zeit projiziert, dass es viele Symbole und Attribute gibt in Märchen, die uns heute nicht mehr so richtig berühren. Eine Hochzeit ist heute nicht mehr so wichtig und der goldene Ring auch nicht. Darum mag ich es gerne, wenn man die Märchen auf den normalen Alltag beziehen kann. "

Alltag – treffender lässt sich der Gestus von Jonas Lauströers Illustrationen nicht beschreiben. Seine Bilder zum "Fischer und seiner Frau" erinnern in ihrem kräftigen Zeichenstrich, den eher düsteren Farben und ihrer realistischen Szenerie an aktuelle Zeitungsfotos. Und der am Strand liegende Müll, Autokolonnen, Eisenbahnzüge und eine Hochbahntrasse holen die archaische Geschichte direkt in unsere Gegenwart.

"Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
Myne Fru, de Ilsebill,
Will nich so, as ik wol will."

Philipp Otto Runges plattdeutsches Märchen, das die Brüder Grimm in ihre Erstausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" von 1812 aufnahmen, wird klar und leicht modernisiert nacherzählt von Renate Raecke. Aus dem "Pisspott", in dem das Paar lebt, wird ein alter Pott, ein altes Schiff. Und die unstillbare Gier der Frau setzt Jonas Lauströer in beeindruckende und geradezu bedrohliche Bilder um.

Maria Linsmann:
"Wenn man das mit den klassischen Illustrationen oder den Bildern aus den 1950er- und 1960er-Jahren vergleicht, war das damals sehr viel schematischer. Und heute versuchen die Illustratoren ihren eigenen Zugang dazu zu finden.

Dr. Maria Linsmann ist Leiterin des Bilderbuchmuseums Burg Wissem in Troisdorf. Sie kennt die Bilderbuchszene bestens, organisiert Ausstellungen und den Troisdorfer Bilderbuchpreis, dessen Preisträgerliste einem Who-is-Who der internationalen Bilderbuchillustration gleichkommt. Maria Linsmann begreift moderne Märchenillustration als Neuerzählung oder Umdeutung tradierter Stoffe.

Illustrationen wenden sich an größeres Publikum

"Wenn ich an die Heidelbach-Illustrationen denke, da ist Rotkäppchen eine individuelle, stämmige kleine Person, die so energisch in den Wald hineintritt, dass eine meiner Studentinnen mal sagte:'Der möchte ich im Wald nicht begegnen!' "

Kinderbuchautor Nikolaus Heidelbach (imago stock&people)Kinderbuchautor Nikolaus Heidelbach (imago stock&people)Neue Märchen-Interpretationen sind psychologisch tiefgründiger, origineller oder auch humorvoller als die von früher. Und: Sie wenden sich an ein größeres Publikum:

Jonas Laustöer:
"Da muss ich meinen Kollegen Amir Andikfar mal zitieren, der sagt: "Meine Bilderbücher sind für Kinder mit Bart."

Maßstäbe gesetzt für die deutsche Märchenillustration hat nach Maria Linsmanns Meinung der in Köln lebende Kinderbuchautor und –illustrator Nikolaus Heidelbach. 1995 erschien seine Grimm-Ausgabe, 2004 seine Andersen-Anthologie und 2010 sein dicker Pracht-Band mit Märchen aus aller Welt. Wobei Heidelbachs Illustrations-Konzept eine Art Gegenentwurf ist zu den Bildern von Jonas Lauströer. Seine "Märchen aus aller Welt" schwelgen geradezu in fremdartigen Motiven: Von altmeisterlich detaillierten Hintergründen, über fantastische Monster, witzig Anekdotenhaftes bis zu großen fantastischen Szenen – alles ist möglich.

Aus "Der Drache des Nordens"
"In grauer Vorzeit, so erzählen die alten Leute, kam ein furchtbares Ungeheuer aus dem Norden. Es fraß Menschen und Tiere und verwüstete ganze Landstriche. So grimmig und gefräßig war dieses Untier, dass die Menschen fürchteten, würde nicht bald Hilfe kommen, wäre über kurz oder lang jedes Lebewesen auf der Erde von dem Ungeheuer verschlungen, gefressen und vernichtet."

Nikolaus Heidelbach liebt das Skurrile und Geheimnsivolle, seine Märchenillustrationen erinnern an die surrealen Erfindungen von Michael Sowa oder auch René Magritte: Präzise-realistisch im Detail, aber fantastisch im erzählerischen Zusammenhang spiegeln sie die unheimliche oder zauberische Atmosphäre der Märchen wider. Was darum so gut passt, weil diese Texte aus aller Welt zu uns herüberkommen, aus fernen Zeiten und fremden Kulturen.

Wo Jonas Lauströer die alten Texte in unsere Gegenwart holt und ihre Modernität entdeckt, halten Nikolaus Heidelbachs Bilder die Märchen auf Distanz und belassen sie in ihrem jeweiligen Kulturraum.

Linsemann: Shaun Tan erarbeitet Plastiken

Einen dritten Weg geht der Künstler Shaun Tan mit seinen Bildern zu 50 Grimmschen Märchen, die Philipp Pullman nacherzählt und im Aladin Verlag kommentiert und herausgegeben hat.

Marie Linsmann:
"Es sind ja Plastiken, die er erarbeitet, mit denen er sich auch bewusst an archaische Arbeiten der Inuit-Indianer und südamerikanische frühe Plastiken anlehnt."

Shaun Tan hat für dieses Buch Objekte aus Metall, Keramik, Holz oder Stein geschaffen und fotografiert. Seine Dornröschen-Rose erinnert an Christi Dornenkrone. Rumpelstilzchen gleicht einer magischen aztekischen Figur und Hans-mein-Igel beherrscht, auf einem angedeuteten Globus stehend, die ganze Welt. Shaun Tans Figuren wirken einerseits ganz für sich selbst. Zugleich aber stehen sie wie prähistorische Fetische für den Kern der Märchen. Für Figuren, Konstellationen und Bedeutungen.

Der australische Schriftsteller und Illustrator Shaun Tan. (picture-alliance / dpa/Andreas Gebert )Der australische Schriftsteller und Illustrator Shaun Tan. (picture-alliance / dpa/Andreas Gebert )Zitat:
"Es war einmal eine Frau, die hatte drei Töchter. Die älteste nannte sie Einauge, weil sie nur ein Auge mitten auf der Stirn hatte. Die zweite hieß Zweiauge und hatte zwei Augen wie alle Menschen, und die jüngste wurde Dreiauge genannt, denn sie hatte neben den zwei Augen noch ein drittes mitten auf der Stirn, so wie ihre älteste Schwester."

Und alle drei Schwestern wirken wie kleine von archaische Ritualobjekte.
Shaun Tan geht, was die künstlerische Eigenständigkeit seiner Märchen-Illustrationen betrifft, am weitesten. Seine Objekte existieren auch ganz unabhängig vom Text, sie haben sich sozusagen emanzipiert.

Moderne Märchenillustrationen treten so selbstbewusst und unterschiedlich auf wie die Inszenierungen klassischer Theaterstoffe und Opern bei verschieden Regisseuren. Das kommt besonders in Einzeleditionen zum Tragen, in Bilderbüchern, die viel mehr Platz für die künstlerische Inszenierung bieten als Anthologien.

Wobei – bei deutschen Illustratoren – die Märchen der Brüder Grimm noch immer am beliebtesten sind. Jonas Lauströer hat dafür eine einleuchtende Erklärung:

Jonas Laustöer:
"Weil man wirklich auf der Bildebene sehr, sehr viele Freiheiten hat. Ich kann ein paar Attribute verwenden, die es in dieser Geschichte gibt, egal, ob es beim Gestiefelten Kater ist, wenn ich ne Katze mit roten Stiefeln mache, kann ich die in eine surreale Welt setzten, aber jeder assoziiert sofort dieses Bild mit dem Gestiefelten Kater. Das würde bei einer Geschichte mit einem unbekannten Autor nicht in der Form funktionieren. "

Das heißt, je origineller ein Illustrator arbeitet, je individueller und eigen-sinniger er seine Bilder gestaltet, desto wichtiger ist es, dass er auf eine bekannte Märchen-Vorlage zurückgreift. Nur so kann diese noch identifiziert und sein ganz eigener Zugang auch gewertet werden.

Trotzdem lassen sich Illustratoren immer öfter auch von Texten inspirieren, die im Bilderbuch bisher keine Rolle spielten.

Gina Weinkauff:
"Und das geht ja nicht nur um Gedichte oder Märchen, zum Beispiel hat Rotraud Susanne Berner eine Kurzgeschichte von Wolfdietrich Schnurre als Bilderbuch umgesetzt oder Wolf Erlbruch hat einen bisher unbekannten Text in englischer Sprache von James Joyce neu illustriert. Es ist einfach generell eine Tendenz, dass Bilderbuchkünstler sich an allen möglichen literarischen Texten sich versuchen. Und sich davon in ihrer Entwicklung als bildende Künstler und Illustratoren beeinflussen lassen."

"Die fürchterlichen Fünf" für Kinder ab sechs Jahren gestalteten Friederike Krahl, Annette Wurbs, Peter Müller, Pierre Schöfer und Oliver Dassing (v.r.n.l.) frei nach einem Kinderbuch von Wolf Erlbruch. Die Kammerbühne war aus dem einstigen Staatlichen Puppentheater Neubrandenburg hervorgegangen. Foto: Stefan Sauer (picture-alliance / dpa/Stefan Sauer)Eine Szene aus "Die fürchterlichen Fünf", nach einem Kinderbuch von Wolf Erlenbruch (picture-alliance / dpa/Stefan Sauer)

Dr. Gina Weinkauff, Professorin für an der Universität Heidelberg, hat sich ausgiebig mit Lyrikillustration beschäftigt und dabei eine interessante Feststellung gemacht: Neben den traditionellen Gedichtanthologien für Kinder gibt es immer häufiger Bilderbücher, die einen literarischen Text in Szene setzen, der ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht war.

Gina Weinkauff:
"Und das führt natürlich zu Werken, die für Kinder fast alle interessant sind und zugänglich gemacht werden können, die aber darüber hinaus auch für ein erwachsenes Publikum in einer ganz neuen Weise interessant sein können."

Drei neue Lyrik-Illustrationen bestätigen Gina Weinkauffs These. Wolf Erlbruchs "Ratten" nach Gottfried Benns Gedicht "Schöne Jugend", Peter Schössows "Der arme Peter" nach Heinrich Heine oder Jens Thieles "Die Füße im Feuer" nach Conrad Ferdinand Meyers gleichnamiger Ballade.

Alle drei Texte gehören dem klassischen Kanon an. Wenn eines doch ein wenig "kindlich" wirken könnte – durch die Reime und den Aufbau mit den dreimal drei Strophen – dann Heines "Armer Peter".

Heinrich Heine: Der Arme Peter:

Der Hans und die Grete tanzen herum,
Und jauchzen vor lauter Freude.
Der Peter steht so still und stumm,
Und ist so blass wie Kreide.
Der Hans und die Grete sind Bräut'gam und Braut,
Und blitzen im Hochzeitgeschmeide.
Der arme Peter die Nägel kaut
Und geht im Werkeltagskleide.
Der Peter spricht leise vor sich her,
Und schaut betrübet auf beide:
»Ach! wenn ich nicht gar zu vernünftig wär,
Ich täte mir was zuleide.

Aus einer Liebesgedicht wird eine vielschichtige Geschichte

Illustratoren lieben Balladen, denn die erzählen Geschichten und sind weitaus einfacher in Szene zu setzen als ein lyrisches Gedicht. Auch Heines "Armer Peter" ist eine Art Ballade mit moritatenhaften Zügen. Und Peter Schössow, der schalkhafte Melancholiker erzählt sie in seinen Bildern nicht einfach nach, sondern baut eine zusätzliche Ebene ein. Er lässt die Moritat vom Armen Peter auf einer Bühne aufführen, sie ist also nicht nur ein Gedicht, sondern zugleich auch ein Theaterstück. Also verdoppelte Fiktion – was vor allem Erwachsene amüsiert. Und wie nebenbei lernen die kleinen Leser das Innenleben eines Theaters kennen und eine ganze Bande von kindlichen Zuschauern, die das Geschehen auf der Bühne verfolgt: Mal gebannt, dann wieder überrascht oder amüsiert.

Zitat:
Der arme Peter wankt vorbei,
Gar langsam, leichenblass und scheu.
Es bleiben fast, wenn sie ihn sehn,
Die Leute auf der Straße stehn.
Die Mädchen flüstern sich ins Ohr:
»Der stieg wohl aus dem Grab hervor.«
Ach nein, ihr lieben Jungfräulein,
Der legt sich erst ins Grab hinein.
Er hat verloren seinen Schatz,
Drum ist das Grab der beste Platz,
Wo er am besten liegen mag,
Und schlafen bis zum Jüngsten Tag.

Aus Heinrich Heines genial-einfachem Liebesgedicht wird durch Peter Schössows eigenwillige Interpretation eine vielschichtige Erzählung. Es kommt nämlich noch eine dritte Ebene hinzu: Ein Heine-Vers auf dem Vorsatzblatt deutet an, dass man den armen Peter auch als Alter-Ego des Peter Schössow ansehen kann. Und der zeichnet sich dann auch selbst als Zuschauer im Publikum.
(("Der arme Peter" im Doppelpack – das ist die pure Selbstironie eines Künstlers, der das romantische Doppelgänger-Motiv mit Augenzwinkern interpretiert. ))

Gina Weinkauff:
"Gedichte brauchen keine Illustration, das ist ganz klar. Natürlich brauchen sie die nicht. Aber die Illustrationen können Imaginationsräume eröffnen, eine Illustration kann ein Zeugnis sein einer ganz originären Begegnung mit dem Gedicht und kann auf diese Weise für andere Zugänge zu dem Gedicht schaffen, auf die sie sonst nicht gekommen wären. Ich bin überzeugt, dass jede Art von Bild-Adaption eines lyrischen Textes das Potenzial hat, Betrachtern eine neue Perspektive auf diesen Text zu eröffnen. Immer können Adaptionen eine Brückenfunktion haben, in allen Bereichen."

Auch der Illustrator und Künstler Wolf Erlbruch schafft mit seiner Illustration eines Gedichts von Gottfried Benn aus dem Jahr 1912 eine Brücke zu diesem schwierigen expressionistischen Gedicht – für Kinder und Erwachsene.

Zitiert aus:
Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löchrig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest mit jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten.

Nicht redundant ist Erlbruchs Motto

Brutal ist Gottfried Benns Gedicht aus der Totenhalle, in der er als Arzt Leichen sezierte. Brutal und zugleich poetisch, eiskalt und schön, zynisch und zärtlich. Wolf Erlbruchs kleines Bilderbuch im Verlag Jacoby & Stuart trägt den Titel "Ratten" und den Untertitel "Mit dem Gedicht "Schöne Jugend" von Gottfried Benn". Was bedeutet, dass die Ratten-Bilder selbstständig neben dem Text stehen. Eine Haltung ähnlich der von Shaun Tans Grimm-Illustrationen!

Erlbruch: Kinder sehen weitaus mehr als Erwachsene

Wolf Erlbruch :
"Wenn man es mit einer hohen Qualität zu tun hat und mit einer hohen Irritation, wie das in dem Fall auch für mich war, dann ist es natürlich völlig reizlos, eine Wasserleiche zu zeichnen, die im Schilf liegt und einige Ratten, die in ihrer Brusthöhle nisten. Das wäre völlig verfehlt. Es ist ein Gedicht ja über den Tod, den Tod der Ratten und des Mädchens, und dieser realistische Zug, den der Benn immer hat, ein fast zynischer Zug, der ist so klar und so wichtig, dass man irgendetwas machen muss, was nicht redundant ist."

"Nicht redundant" – das ist das Stichwort für Wolf Erlbruchs literarische Illustrationen. Die schwarz-bunten, leicht abstrahierten Tiere hasten und purzeln, springen und staksen über die Seiten, auf langen dürren Beinen wie Figuren von Giacometti. Das tote Mädchen taucht gar nicht auf, das tote Rattenschwesterchen ist mitfühlend auf einen hellen Untergrund gebettet. Leben und Tod sind sich ganz nah. Die Hintergründe bestehen aus hellen Zahlentabellen, die dem Gewusel der Ratten Struktur und Rahmen bieten. Und der Text in krakeliger Tusche-Schrift sitzt ganz unten auf den Seiten – mehr Beiwerk als Thema.

Wolf Erlbruch :
"Bei Benn hab ich quasi eine Verbeugung gemacht innerlich, für dieses Gedicht. Diese Unbedingtheit im Umgang mit dem Tod, diese realistische Anschauung, die gleichzeitig auch behutsam ist, hat mich dazu gebracht, diese abstoßenden Ratten zu machen und gleichzeitig einen Kontrast zu schaffe. Das hat die Zartheit auch zurückgebracht."
Der Text darf nicht nur Erwachsenen, sondern auch Kindern zugemutet, oder besser: Zugetraut werden. Weil Kinder weitaus mehr sehen als Erwachsene. Erwachsene sind ja schon so stark sozialisiert, dass sie in bestimmten Schemata denken. Während Kinder während des Schauens plötzlich Empfindungen haben und die ganz klar und einfach rausbringen. Und sie sind viel offener für alles, was seltsam ist

Ebenso ungewöhnlich ist Jens Thieles Interpretation von Conrad Ferdinand Meyers "Die Füße im Feuer". Jens Thiele ist Bilderbuch-Spezialist im doppelten Sinn: Als Professor an der Universität Oldenburg hat er über Jahrzehnte die Entwicklung des internationalen Bilderbuchs kritisch begleitet. Zugleich ist er selbst Künstler und Bilderbuch-Macher. Seine Bücher sind hervorragende Beispiele für ein neues Verständnis von dem, was ein Bilderbuch heute sein kann. Jens Thiele gestaltet Meyers dramatische Ballade in Collage–Technik.

Zitat aus "Die Füße im Feuer"
Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.

"Die Füße im Feuer" sind nicht gereimt, umso wirkungsvoller ist die Wucht ihres dramatischen Geschehens, ihres staccatoartigen Rhythmus' und ihres hohen Tons. Die Ballade erzählt von einem Mann, der eine Frau zu Tode gefoltert hat, weil sie ihren Mann nicht verraten wollte. Der Täter kehrt zurück an den Tatort und wird urplötzlich heimgesucht von der Erinnerung. So wie sich im Text das Motiv der zuckenden Füße mehrmals wiederholt und dramatisch steigert, so variiert auch Jens Thiele in seinen Collagen.

"Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt..."

Auch Jens Thiele zieht -wie Peter Schössow in seinem "Armen Peter" - eine zweite Ebene ein: Die Erinnerung erscheint als Film, schwarz-weiß-grellrot, schmerzhaft expressiv in den Feuer- und Folter-Bildern. Die Film-Ebene ist nur angedeutet durch typische Film-Leuchten auf drei ausgeklappten Beinen. Sie sind Fremdkörper im historischen Ambiente, verbinden Vergangenheit und Gegenwart. Thiele interpretiert die Erinnerung als einen Film, der vor dem inneren Auge des Täters abläuft. Der komplett schwarze Hintergrund taucht die erschütternden Bilder in zusätzliche Düsternis. Und immer wieder taucht das Bild der toten Frau auf – hier eine künstlerische Hommage an Andy Warhol.
Maria Linsmann vom Bilderbuchmuseum Troisdorf stellt fest, dass...

"...man in der zeitgenössischen Illustration ... auch die Einflüsse der zeitgenössischen Kunst spüren kann. Was ja auch selbstverständlich ist, auch Illustratoren arbeiten nicht im luftleeren Raum", sagt Marie Linsmann.

Illustratoren und freie Künstler studieren heute gemeinsam an den Akademien. Künstler illustrieren und Illustratoren sind freie Künstler - die Grenzen sind längst aufgehoben.
"Grenzüberschreitung" – unter diesem Begriff fasst die Heidelberger Professorin für Kinderbuchforschung Dr. Gina Weinkauff all jene Innovationen zusammen, die die Formensprache der Klassikerillustration tief greifend verändert haben. Viele unterschiedliche Grenzen wurden und werden da überschritten. Zum einen Textgrenzen, wenn Texte aus der sogenannten E-Literatur ins Bilderbuch einziehen. Dazu kommt das Überschreiten der Grenzen der Fiktion – wie bei Peter Schössow oder Jens Thiele, wenn die erzählte Geschichte selbst als solche bewusst gemacht wird. Bert Brecht nannte dies im Theater den Verfremdungs-Effekt.

Gina Weinkauff:
"Das ist ja eine ganz tolle Möglichkeit, die das Bilderbuch bietet, weil es auf zwei Ebenen erzählt, auf der Ebene des Verbaltextes und auf der Ebene der Bilder."

Die dann so voneinander abweichen oder sogar in Konflikt geraten, dass der Betrachter überrascht, irritiert, auf jeden Fall aber aufmerksam wird auf beides: auf Text und Bild. Dazu kommt als dritte Grenzüberschreitung:...
.
Gina Weinkauff:
"Die Grenzen der künstlerischen Stile, die Grenzen der Darstellungsmittel, also wenn sie daran denken, dass sehr viele Künstler heute mit dem Computer arbeiten, das ist ja auch eine Grenzüberschreitung."

Was vor allem Peter Schössows Bilder und seine leicht schematisierten Figuren betrifft. Und noch eine weitere Grenzüberschreitung scheint Gina Weinkauff enorm wichtig:

Gina Weinkauf:
"Das ist die Überschreitung von Sprachgrenzen. Viele moderne, anspruchsvolle Bilderbücher werden sprachübergreifend produziert. Die Künstler kommen aus anderen Ländern oder die Stoffe sind übersetzt, und das ist eigentlich etwas, was Bilderbüchern, die nicht auf ein Massenpublikum hin konzipiert sind, ganz neue Chancen bietet."

Moderne Klassikerillustrationen überschreiten bewusst und gezielt unsere gewohnten Wahrnehmungsgrenzen. Sie irritieren in vielfacher Hinsicht und regen unsere Fantasie an. Sie decken den symbolischen oder psychologischen Kern des Textes auf und fordern unsere Aufmerksamkeit heraus. So spritzig und jung kamen Klassiker noch nie daher, so experimentierfreudig und manchmal auch provozierend! Was für eine Überraschung: In ihren faszinierend neuen Kleidern können uns gerade die alten Texte wieder neu verzaubern!

Literaturliste
Jonas Lauströer/Renate Raecke: Von dem Fischer und seiner Frau. Verlag Minedition, Bargteheide 2013, 16,99 Euro
Nikolaus Heidelbach: Märchen aus aller Welt, Verlag Beltz und Gelberg, Weinheim 2013. 19,95 Euro
Philip Pullman/Shaun Tan: Grimms Märchen, Aladin Verlag 2013, 29,90 Euro
Peter Schössow: Der arme Peter. Von Heinrich Heine. Hanser Verlag, München 2013, 14,90 Euro
Wolf Erlbruch: Ratten. Mit dem Gedicht "Schöne Jugend" von Gottfried Benn, Verlag Jacoby & Stuart 2009. 8,50 Euro
Jens Thiele/Conrad Ferdinand Meyer: Die Füße im Feuer. Verlag Jacoby & Stuart 2013, 19,95 Euro.

Weitere Leseempfehlungen:
Junge, Norman/ Ernst Jandl. Ottos Mops: Tulipan 2013
Lisbeth Zwerger/Christian Morgenstern: Kindergedichte und Galgenlieder, NordSüd 2014
Daniela Drescher/Christian Morgenstern: Der Nachtschelm und das Siebenschwein, Urachhaus 2014
Vitali Konstantinov/H.C.Andersen: Des Kaisers neue Kleider. Jacoby & Stuart 2013
Theodor Storm/Tatjana Hauptmann: Der kleine Häwelmann, Diogenes 2011
Lisbeth Zwerger/Hauff: Zwerg Nase, Minedition 2014
J.W.Goethe/Renate Raecke/Jonas Lauströer: Reineke Fuchs, minedition 2012
Daniela Drescher/Brüder Grimm: Märchen, Urachhaus 2012

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