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Die ganzheitliche Sicht auf den Menschen war in der Antike nicht nur den Philosophen vorbehalten. Auch die Medizin ging davon aus, dass man Krankheiten nicht nur auf ihre Symptome reduzieren dürfe, sondern den ganzen Menschen in Blick haben sollte. Berühmt in diesem Zusammenhang: Die Vier-Säfte-Lehre.

Von Andrea Westhoff

Anatomiemodelle aus der Anatomischen Sammlung der Ludwig-Maximilians-Universität in München (imago / Reinhard Kurzendörfer)
Für antike Mediziner war die Seele in einem Organ im menschlichen Körper verhaftet. (imago / Reinhard Kurzendörfer)
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"Den Leib soll man nicht schlechter behandeln als die Seele",

empfahl Hippokrates, der wohl berühmteste Arzt der Antike, schon im 5. Jahrhundert vor Christus.

"Diese antike Vorstellung von Leben ist eine viel ganzheitlichere",

sagt auch Professor Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité anlässlich einer Ausstellung im Sommer 2016 über die Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen der griechisch-römischen Welt.

"Das Ganzheitliche hat in der modernen Medizin oft einen Beigeschmack, und es täte der modernen naturwissenschaftlich gesonnenen Medizin sehr gut, über das große Ganze mehr nachzudenken mithilfe der Antike."

Kennzeichnend für die antike Medizin ist, dass die Vorstellung vom Zusammenwirken von Körper und Seele wenig "Mystisch-esoterisches" hatte. Sie war immer sehr konkret:

"Die Seele hat einen Ort, die hat ein Organ, die hat bestimmte Substanzen, bestimmte Vermögen, und sie kann erkranken."

Manche vermuteten sie im Kopf oder im Bauch, im Herzen oder im Blut, andere verglichen die Seele auch mit einem Oktopus, dessen Arme überall im Körper spürbar und wirksam sind.

"Der Seele kommt als regulierendes, strukturierendes belebendes Element in dieser antiken Vorstellung eine ganz zentrale Funktion zu, und zwar in einem sehr nachvollziehbar biologischen Verständnis."

Sie galt als die Lebenskraft, die aber nicht nur das Fühlen steuert, sondern auch Denken, die Sinneswahrnehmungen und sogar die Bewegungen des Körpers.

"Die Menschen werden krank, weil sie aus Torheit alles tun, um nicht gesund zu bleiben."

Moderne antike Ansichten

Was wie ein Zitat aus einem Report des Gesundheitsministeriums über "Zivilisationskrankheiten" klingt, ist tatsächlich schon 2.500 Jahre alt und stammt ebenfalls von Hippokrates. Auch in diesem Punkt sind die Vorstellungen der griechisch-römischen Welt sehr modern, sagt Professor Philipp van der Eijk, der an der Humboldt-Universität die antike Medizingeschichte erforscht:

"Gesundheit und Krankheit sind keine Schicksalssachen, das sind Sachen, die Ursachen haben, die man erkennen kann, und Gesundheit ist auch etwas, für das man eine gewisse Mitverantwortlichkeit hat, sowohl für den eigenen Körper, für die Gesundheit seiner Kinder, für die Gesundheit der Mitglieder einer Gemeinschaft >> das ist der Grundsatz, der da zum ersten Mal artikuliert wurde."

Die Kunst der guten Lebensführung

Daher hieß das "Zaubermittel" für Gesundheit in der Antike Diätetik - "die Kunst der guten Lebensführung". Damit waren nicht nur Ernährungsvorschriften gemeint, sie umfasste neben Essen und Trinken auch Bewegung und Badekultur, Arbeit und Muße, Sexualität – alles "in Maßen" und für jeden Menschen individuell angepasst, ergänzt Professor Thomas Schnalke:

"Ganz zentral ist bei dem Nachdenken über Gesundheit und Krankheit der Begriff des Ausgleichs, der Balance. Insofern ist die Gesundheit nie etwas Absolutes, sondern es ist immer der ins Gleichgewicht gebrachte Körper."

Ein genaues, anatomisches Wissen über den Körper und seine Funktionen hatte die antike Medizin noch nicht, denn Sektionen waren verboten,

"Also man musste entweder aufgrund von Tiersektionen extrapolieren, was sich da im Körper so alles befand an Strukturen, Organen und Knochen und so weiter, oder der andere Weg war, dass man einfach durch Analogieschlüsse versuchte sich vorzustellen, was sich im Körper abspielt."

Am berühmtesten ist hier wohl die "Vier-Säfte-Lehre":

"Also die Vier-Säfte-Lehre oder Humoralpathologie zählt zu den ältesten medizinischen Konzeptionen und zu den erfolgreichsten. Weil sie das Denken der Medizin von der Antike bis weit ins 19. Jahrhundert bestimmt",

erklärt Professor Volker Hess, Direktor des Instituts für Medizingeschichte der Berliner Charité:

"Der Grundgedanke ist der, dass sich die Gesundheit, die körperliche Konstitution aus der Zusammensetzung der vier Kardinalsäfte bestimmt, und diese vier Kardinalsäfte sind eben die gelbe Galle, die schwarze Galle, der Schleim, und das Blut."

Auch hier erkennt man wieder die ganz enge Verbindung von Körper und Seele: Melancholie beispielsweise, heute würde man sagen Schwermütigkeit oder Depression, bedeutete im Wortsinn "schwarze Galle", die der Kranke im Übermaß hatte.

Krankheit zwischen Philosophie und Medizin

Die ganzheitliche Sicht auf den Menschen in der Antike brachte es mit sich, dass sich häufig die Philosophen mit medizinischen Fragen beschäftigten. Aber daneben gab es auch praktische Ärzte, die ganz konkrete Erkrankungen behandelten: mit diätetischen Maßnahmen, mit, meist pflanzlichen, Arzneien – und mit Operationen, wie Professor Schnalke im Medizinhistorischen Museum zeigt:

"Einen Abszess spalten, zur Ader lassen, das konnte die antike Medizin durchaus; die Ausstellung zeigt ein Ensemble von Instrumenten, das sind zum Teil ganz normale Skalpelle oder diagnostische Instrumente wie ein Spekulum, oder ein kleiner Bohrer, um am knöchernen Schädel ein Loch zu setzen, in der Vorstellung, dass man dadurch Schmerzen entlasten kann oder dass man eine falsch gestimmte Seele tatsächlich wieder entlasten kann, in dem man einen Ausscheidungsort produziert – das gehörte auch dazu."

Antike Formen von Psychotherapie

Und weil die gesunde Seele so wichtig für einen gesunden Körper war, schenkten die Ärzte auch der Behandlung psychischer Erkrankungen besondere Aufmerksamkeit, sagt Professor Philipp van der Eijk von der Humboldt-Universität:

"Manchmal wurden diese Krankheiten doch irgendwie mit somatischen Ursachen verbunden, und dann bestand die Therapie darin, dass man diese körperliche Ursache versuchte zu behandeln, aber es gab auch antike Formen von Psychotherapie: Galen schreibt darüber, wie man Patienten, die an gewissen geistigen Störungen oder emotionalen Störungen oder Verhaltensstörungen leiden, durch eine Kombination von – sagen wir mal – psychotherapeutischen Gesprächen wieder auf den richtigen Weg bringen kann."

Ausstellung zwischen kranken Organen

Die Ausstellung des Medizinhistorischen Museums der Charité war ein Plädoyer dafür, dass sich die Beschäftigung mit der antiken Medizin bis heute lohnt, sagt der Direktor, Professor Thomas Schnalke. Deshalb wurde sie auch im berühmten Präparatesaal von Rudolph Virchow präsentiert, zwischen all den Gläsern mit kranken Organen und Körperteilen:

"Es ist durchaus ein bisschen die provozierende These, dass wir doch mehr sind als nur Moleküle, Gene, Organe und Strukturen, die wir sehen können, und dann kann man doch eigentlich durchaus mal den Versuch unternehmen, Leben etwas komplexer zu verstehen und wirklich auch psychische Aspekte, soziale, emotionale Aspekte in diese Lebensbetrachtung auch in der naturwissenschaftlich hochmodernen Medizin einpflegen."

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