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StartseiteInformationen am Morgen"Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist"08.12.2015

Sorge vor neuem Antisemitismus"Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist"

In den jüdischen Gemeinden in Deutschland wächst die Sorge vor einem neuen Antisemitismus. Viele Flüchtlinge kämen aus Ländern, in denen Judenfeindlichkeit zum Alltag gehöre, warnen sie. Befürchtet wird, dass vor allem Jugendliche den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mitbringen und Übergriffe zunehmen könnten.

Von Sabine Adler

 Ein junger Mann mit einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Ein junger Mann mit einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
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Leon Golzmann arbeitet in einem Hotel am Berliner Ku-Damm. Er überwacht hier und in anderswo, ob Restaurants, die koscheres Essen anbieten auch wirklich alle Regeln dafür einhalten. Zum Interview erscheint er wegen eines dringenden Auftrags nicht selbst, dafür kommt der Vater. Ischir Golzmann. Mit Frau und Kindern durfte er 1973 die Sowjetunion verlassen, sie gingen nach 1973 nach Israel, später nach Deutschland. Seit 37 Jahren leben sie in Berlin. Ischir Golzmann trägt eine Kippa. Die beigefarbene Kappe fällt kaum auf seinem grauen Haar kaum auf, trotzdem hat er sie erst im Hotel aufgesetzt. Auf der Straße trägt er sie nicht. Von Angst mag der 70jährige nicht sprechen, von Sorgen schon.

"Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Wir versammeln uns als Juden in der jüdischen Gemeinde und werden gut bewacht. Und auf der Straße sind wir so gut angepasst, dass man die meisten Juden nicht mehr erkennt. Wenn man wie ich ohne Kippa geht, denkt man das ich Türke bin oder so etwas. Aber mein Sohn, der Leon, ist ein prinzipieller Jude. Der geht in so einem Aufzug, dass man ihn schon von Weitem als Jude erkennt. Aber der hat keine Angst."

Ischir Golzmann war Orchestermusiker: Klarinette, Saxofon, Blockflöte. Anfangs seien sie in jedes Klesma-Konzert gegangen, aus lauter Heimweh.
Wie Ischir Golzmann trägt auch Leonard Kaminski die Kippa nicht auf der Straße. Aber einen Anstecker am Revers mit der deutschen und israelischen Flagge, denn der 28jährige Politologe ist beim American Jewish Comitee. Täglich bekommt er für den Sticker böse Blicke. Auf dem Fußballplatz ist es gefährlich. Der Politologe hat in dem einzigen jüdischen Sportverein, dem TuS Makkabi, eine Mannschaft gegründet, bestehend aus Juden, Muslimen, Christen, Atheisten.

Unverhohlene Drohungen

Leonard Kaminski und sein Teamkollege Fabian Weißbarth vom TuS Makkabi (Privat / Leonard Kaminski )Leonard Kaminski und sein Teamkollege Fabian Weißbarth vom TuS Makkabi (Privat / Leonard Kaminski )
"Wir haben acht bis neun Spiele gehabt, vielleicht auch mehr. Davon wurden zwei abgebrochen, weil wir antisemitisch beschimpft wurden, weil es zu Schlägereien kam. Das waren beide Male gegen Mannschaften, wo der Großteil einen nahöstlichen Migrationshintergrund hat. Dementsprechend wurde uns gesagt, wir werden abgestochen. "Ihr Scheiß-Juden, nach dem Spiel werdet ihr es schon sehen." Zwei meiner Teamkollegen haben auch wirklich was auf die Nase bekommen. Das heißt, wir haben mehr mit dem Sportgericht in Berlin zu tun, als wir Fußball spielen."

 Yonatan Shay ist 28 Jahre alt, wie Leonard Kaminski, in dessen Organisation der Israeli gerade sein Deutschland-Praktikum macht. 2012 war er zum ersten Mal in Deutschland, den Unterschied zu heute findet er enorm.

"Für mich war das eine sehr angenehme Erfahrung, eine Pause von dem Nahoststress. Ich habe es einfach genossen, jeden Moment davon. Abe heute ist es ganz anders hier in Berlin."

In den zehn Monaten, die Yonatan Shay in Berlin ist, wurde er bereits vier Mal angegriffen, das letzte Mal in der U-Bahn.

"Ich bin aufgestanden von meinem Sitzplatz und sie haben mitgekriegt, dass ich Jude bin wegen meiner Kippa. Sie haben gerufen: "Da ist ein Jude!" Und ich habe gesagt: "Ja, ich bin ein Jude. Wir sind in Deutschland, kein Problem. Ich muss mich nicht verstecken." Sie waren wütend und jagten mir nach. Bis zur Treppe. Da haben wir gestoppt. Ich habe gefragt, auf Deutsch: "Was ist los? Das ist Deutschland. Die Leute bedrängen nicht Juden auf der Straße. Aber sie haben gelacht. Sie haben kein Wort verstanden von dem, was ich gesagt habe. Wahrscheinlich Flüchtlinge."

Provoziert durch Davidstern und Kippa

Neukölln und Kreuzberg sind für den jungen Israeli Bezirke, die er lieber meidet. Judith Kessler sah dafür bislang keinen Anlass. Doch das änderte sich im Sommer dieses Jahres. Ein warmer Tag, sie trug im Ausschnitt wie immer die Kette mit dem Davidstern, was einer Gruppe Jugendlicher missfiel.

"Das waren fünf junge Leute, die haben kurz vor mir gestoppt und dann fing einer an mit Judenschwein. Die andren haben gelacht. Und einer hat mich angespuckt. Das war so widerlich, dass ich eine Stunde unter der Dusche stand. Okay, also das ist ein Erlebnis, was ich habe. Ich bin 56."

In der DDR, in der sie aufwuchs und in der damaligen Volksrepublik Polen, woher ihre Mutter stammt, sei sie vor dem Mauerfall sehr viel häufiger gedemütigt worden. Ihr Schlüsselerlebnis:

"Ich bin mal in der Klasse im Klo eingeschlossen worden, wo dann irgendjemand mit brauner Kreide Chemieformeln an die Tür geschmiert hat. Aber das war ja so eingefressen, dass man das hinnimmt, das man das schluckt."

Lehrer wie Direktoren kehrten sämtliche Vorfälle unter den Teppich.

"An Übergriffen, an Sprüchen, an Maßregelungen habe ich früher in diesen sozialistischen, tollen internationalistischen freien Ländern mehr erlebt, als in der Bundesrepublik Deutschland."

Was die Männer bei dem Überfall im Sommer sprachen, hat sie nicht verstanden.

"Ich weiß nicht, was das war. Arabisch oder Türkisch. Das war der Anlass, zum ersten Mal in meinem Leben den Davidstern abzumachen."

Seit ihrer Kindheit, trotz des regelmäßigen Ärgers in der Schule hatte sie das nie getan. 14 Tagen später trug sie ihn wieder. Und beschloss, offensiver mit ihrem Judentum umzugehen. Als sie und ihr Mann die Patenschaft für eine syrische Flüchtlingsfamilie übernahmen, schaffte die Berliner Soziologin gleich beim Kennenlernen Klarheit.

"Ich habe gesagt, ich bin jüdisch, ich bin Jüdin. Die erstarrten ein bisschen und dann umarmte mich die Frau."

Mehr religiöse Toleranz

Judith Kessler hat in ihrem deutschen Bekanntenkreis Freunde verloren, weil sie deren ablehnende Haltung den vielen Bedürftigen gegenüber nicht teilt. Ausgerechnet unter Muslimen findet sie neue Bekannte.

"Ich habe dadurch ganz viele arabischsprachige Helfer kennengelernt, aus dem Libanon, aus Syrien. Leute, die auch ehrenamtlich tätig sind. Das ist für mich auch etwas ganz Neues. Wie die deutsche Bevölkerung fast keine Juden kennt, kannte ich im persönlichen Kontakt keine arabischen Leute oder Türken."

Yonatan Shay und Leonard Kaminski finden, dass Deutschland für Flüchtlinge offen bleiben muss, aber religiöse Toleranz offensiver einfordern sollte. Ischir Golzmann aus Russland beteiligt sich wie Judith Kessler auch persönlich an Hilfsaktionen, aktuell werden Kleidung und Schlafsäcke gesammelt für Pakete zu Weihnachten.

"Das machen wir jetzt eben. Wir waren selbst jahrhundertelang Flüchtlinge."

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