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"Wir sind jetzt schon in einem Teufelskreis"

Journalistin über das Geiseldrama in Algerien

Nacéra Rech im Gespräch mit Jasper Barenberg

Bei dem Versuch, die Geiseln in der Sahara zu befreien, sind offenbar viele Menschen ums Leben gekommen. (picture alliance / dpa)
Bei dem Versuch, die Geiseln in der Sahara zu befreien, sind offenbar viele Menschen ums Leben gekommen. (picture alliance / dpa)

Die algerische Regierung hätte Frankreich die Überflugrechte für den Militäreinsatz in Mali nicht einräumen sollen, sagt die aus Algerien stammende Journalistin Nacéra Rech. Sie befürchte, dass der Mali-Konflikt auf ihr Land übergeht und die Region sich in ein kleines Afghanistan verwandelt.

Jasper Barenberg: Noch immer ist einigermaßen unklar, was genau im Osten von Algerien geschehen ist, dort in der Wüste. Klar ist, dass ein Kommando islamistischer Kämpfer vor zwei Tagen ein Gasfeld angegriffen und dabei auch Dutzende Ausländer in ihre Gewalt gebracht haben, als Reaktion auf die Militäroperation Frankreichs im Nachbarstaat Mali. Verhandlungen hat die Regierung in Algier von Anfang an strikt abgelehnt und stattdessen jetzt seine Streitkräfte in Marsch gesetzt. Doch bei dem Versuch, die Geiseln zu befreien, sind offenbar auch viele Menschen ums Leben gekommen. Verlässliche Informationen sind noch immer Mangelware.
Über das Geiseldrama in Algerien wollen wir jetzt in den nächsten Minuten mit der Journalistin Nacéra Rech sprechen. Viele Jahre lang hat sie sich auch für Frauen- und Menschenrechte in dem Land eingesetzt. Einen schönen guten Morgen, Frau Rech.

Nacéra Rech: Schönen guten Morgen nach Köln!

Barenberg: Frau Rech, ich weiß und Sie haben mir in einem Vorgespräch erzählt, dass ein Verwandter von Ihnen in Algerien selber persönlich von diesem Geiseldrama betroffen war, dass er jetzt inzwischen wieder frei ist. Was für Informationen haben Sie, erhalten Sie von Ihren Freunden, von Ihren Bekannten in Algerien darüber?

Rech: Also was ich erfahren habe: Heute um vier Uhr ist sein Bruder zum Flughafen gefahren, um ihn abzuholen, und seitdem habe ich natürlich keine Nachrichten, seit vier Uhr in der Früh. Er hat erzählt, dass er und einige andere, unter anderem der IT-Manager von BP, Explosivgürtel angehabt hätten. Das heißt, wenn das Militär angreift, dann sind die ersten, die hops gehen, eben die Geiseln. Das hat er erzählt und sie hätten zu Trinken bekommen, aber kaum etwas zu Essen, und sie waren alle getrennt, die Ausländer auf der einen Seite, die Algerier auf der anderen Seite, und mehr habe ich natürlich auch nicht in Erfahrung gebracht. Jetzt warte ich selber, dass ich ihn irgendwann mal ans Telefon kriege.

Barenberg: Wie geht man im Bekanntenkreis, im Verwandtschaftskreis mit diesem Ereignis um? Wie reagieren die Menschen darauf?

Rech: Sehr unterschiedlich. Die Betroffenen sind natürlich dafür, dass man ein bisschen sanfter damit hätte umgehen sollen, damit es keine Toten gibt. Die Unbetroffenen finden, dass es richtig ist, dass das Militär eingegriffen hat, ohne lange zu überlegen oder zu verzögern. Ich meine, die Lage ist natürlich auch so: Wer die Gegend kennt weiß, dass es sehr groß ist, viele Berge, es ist auch unübersichtlich, die Grenze ist sehr groß, die Wüste ist sehr groß, das sind so Sachen.

Barenberg: Es gibt ja tatsächlich Kritik an der Vorgehensweise der algerischen Streitkräfte. Da ist von russischen Methoden die Rede. Verhandlungen wurden konsequent abgelehnt und die Streitkräfte sind ja offenbar mit einiger Härte vorgegangen vor Ort. Wie beurteilen Sie das? Wie schätzen Sie das ein? Hat sich die Regierung in Algier da richtig verhalten, dort so kompromisslos zu agieren?

Rech: Ja und nein. Wenn sie nachgegeben hätten und für die Freilassung Gelder bezahlt hätten, dann hätten wir ja einen Teufelskreis, da kommen wir nie wieder raus. Das ist jetzt die logische Denkweise. Aber auf der anderen Seite: Welche Alternative hätten sie auch gehabt? Irgendwann hätten sie ja angreifen müssen, egal ob das jetzt heute oder in drei Tagen ist. Die wollten ja erst mal freies Geleit nach Libyen und dann wollten sie 100 Gefangene vom algerischen Staat haben, und sie wollten natürlich vor allem uns Algerier beweisen, sie können überall wann sie wollen zuschlagen.

Barenberg: Das war ja offenbar auch die Sorge seitens der algerischen Regierung. Deshalb hat sie vorher lange Zeit versucht, einen diplomatischen Weg zu finden, und hat sich lange Zeit gesträubt, geweigert, diese Überflugrechte Frankreich zu geben, ein sehr strittiges Thema in Algerien offenbar. Wie wird das diskutiert, dass Algerien am Ende doch zugesagt hat, diese Flugrechte zu gewähren, und dass es jetzt eben zu dem befürchteten Anschlag gekommen ist, mit dem ja gerechnet hat?

Rech: Das Volk sagt, das ist die Zeche. Die Regierung kann im Prinzip machen und lassen was sie will, abkriegen tut das immer nur das Volk. Das ist die Denkweise: die Zeche zahlen wir. Wie gesagt, die Leute sind hin- und hergerissen, sie wissen nicht, was sie denken sollen. Es gibt jetzt Befürworter, die sagen, das war richtig, dass sie die Flugrechte bekommen haben, man muss ja Schluss machen mit diesem Islamismus. Und die, die dagegen waren, sagen, man hätte denen kein Flugrecht geben sollen, also den Franzosen jetzt, dann hätten wir dieses Drama in Algerien nicht bekommen.

Barenberg: Es hat in den 1990er-Jahren vor allem ja schon erhebliche Auseinandersetzungen mit islamischen Terroristen in Algerien gegeben. Präsident Bouteflika hat versucht, in einer Politik der nationalen Versöhnung gewissermaßen das in den Griff zu bekommen. Wie beurteilen Sie die Haltung der Regierung in Algier gegenüber den Islamisten?

Rech: Persönlich jetzt finde ich das falsch, ich persönlich. Weil wissen Sie, wenn Sie über die Köpfe der Menschen hinweg irgendwelche Beschlüsse – wie sagt man? – nehmen, dann haben Sie immer Verlierer. Und diese Verlierer, die heute vielleicht gestern noch kleine Kinder waren, werden morgen oder übermorgen die Rache wollen. So sehe ich das. Ich meine, man muss auch sehen, wie diese Islamisten jetzt leben. Die haben Geschäfte, die haben Häuser, die haben alles, was sie brauchen, durch Drogengelder, Waffengelder und was weiß ich, wo die das Ganze her haben. Und die, die ihre Leute verloren haben, die sind immer noch Verlierer. Und ich habe immer Angst vor diesem Rachegefühl.

Barenberg: Fürchten Sie denn, dass es weitere Anschläge dieser Art geben wird, dass die Situation in Algerien sich weiter zuspitzen wird, jetzt nach dieser Geiselnahme und ihrem ja offenbar blutigen Ende?

Rech: Ich rechne schon damit, ja. Ich rechne schon damit. Hoffentlich nur nicht in den Großstädten, da wird es natürlich sehr viele Tote auf einen Schlag geben.

Barenberg: War es also ein Fehler der Regierung, sich nicht zu sträuben, sich nicht weiter zu wehren gegen die französische Intervention in Mali?

Rech: Ja, die hätten das verbieten sollen. Dann hätten wir den Salat nicht. Weil ich habe immer Angst, dass diese Mali-Geschichte überschwappt, und dann haben wir ein Klein-Afghanistan. Dann wird Niger mit hineingezogen, Mali und wir, der ganze Süden, die Tuareg leben vom Tourismus, wovon sollen sie jetzt leben. Wir sind jetzt schon in einem Teufelskreis.

Barenberg: Die Journalistin Nacéra Rech heute Morgen im Interview mit dem Deutschlandfunk. Ich bedanke mich für das Gespräch, Frau Rech.

Rech: Gerne geschehen! Schönen Tag noch!

Barenberg: Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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