Montag, 08. August 2022

Vor 100 Jahren geboren
Der Grafiker Celestino Piatti - Vater der lesenden Eulen

Der Schweizer Grafikdesigner Celestino Piatti prägte Jahrzehnte lang das Erscheinungsbild der dtv-Taschenbuchreihen. Dabei gelangen ihm einprägsame und humorvolle, grafische Sinnbilder an der Schwelle zur freien Kunst. Am 5. Januar 2022 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Carmela Thiele | 05.01.2022

Der Schweizer Grafiker, Maler unl Buchgestalter Celestino Piatti 1997 in seinem Atelier in Basel
Der Schweizer Grafiker, Maler und Buchgestalter Celestino Piatti 1997 in seinem Atelier in Basel (picture-alliance/ dpa)
In einem großen Karton sammelte Celestino Piatti spontan hingeworfene Bleistiftskizzen zu seinem Lieblingsmotiv, der Eule. Seine der Fantasie entsprungenen Mischwesen hießen „Mauseule“ oder „Eulenfisch“. Der Kopf der „Bucheule“ verschwand hinter einem aufgeschlagenen Buch. In gezeichneten, aquarellierten oder gemalten Versionen verwendete der Grafikdesigner die lesende Eule für Plakate, die für Buchveranstaltungen oder Verlage warben. Celestino Piatti 1983 in einem Gespräch mit dem Westdeutschen Rundfunk::
„Der Vogel ist meistens die Eule. Und die Eule mache ich so viel, weil mich die Augen faszinieren, weil ich der Eule so unterschiedliche Augen machen kann und Ausdrücke, wie ja auch Menschen sich am meisten durch die Augen unterscheiden. Sie können ablesen an den Augen, ob einer gut ist oder böse, ob er arm oder reich ist. All das habe ich bei der Eule sehr stark symbolisieren können.“

6.300 Buchdeckel

Mit seinen von Picasso beeinflussten, oftmals frech den Betrachter anschauenden Hybridwesen prägte Celestino Piatti über Jahrzehnte das Gesicht des Deutschen Taschenbuchverlags (dtv). Ab 1960 war der Schweizer für das Erscheinungsbild der Buch-Reihen, für jedes Cover und jedes Plakat des in München neu gegründeten Verlags verantwortlich. Mehr als 6.300 Buchdeckel soll der Grafiker bis zu seinem Ausscheiden 1991 für dtv gestaltet haben. Ihm war wichtig, mit seinem Motiv bei jedem Buch den richtigen Ton zu treffen, so Piatti 1986 im Bayerischen Rundfunk:
„Bei einem Roman oder bei Erzählungen, da fühle ich mich sehr unsicher, wenn ich das Buch nicht gelesen habe, und es stört mich dann beim freien Gestalten des Umschlags. Ich mache einfach das, was ich meine, was dem Buch zugutekommt, dass es aber gleichzeitig auch einen attraktiven Umschlag gibt, der ja für das Taschenbuch fast wie ein Plakat ist.“

Der weiße Einband – ein Geniestreich

Eines seiner ersten für dtv gestalteten Cover war Marguerite Yourcenars Roman „Ich zähmte die Wölfin“, fiktive Memoiren des römischen Kaisers Hadrian. Piatti zeichnete mit der für ihn typischen schwarzen Kontur schematisch eine zwei Kinder säugende Wölfin als Symbol für Rom. Das Tier nimmt die Breite des Covers ein, es schwebt - vor einem weißen Hintergrund:
„Ein grandioser Glücksfall war eigentlich dazumal, dass ich gleich auf die weißen Umschläge gekommen bin. Das hat mir dann über viele, viele Jahre, also bis heute eigentlich, die Möglichkeit gegeben, dass ich im Grunde jede Technik auf diesen Umschlägen anwenden konnte. Und die Typografie hat alles verbunden miteinander, weil sie einheitlich von Band zu Band war.“


Werbung für Zoos und Babynahrung, politische Plakate

Der am 5. Januar 1922 als Sohn eines Maurers und einer Bauerstochter in Wangen bei Zürich geborene Celestino Piatti, wuchs mit „sehr reellen“ Berufsvorstellungen auf, wie er einmal bekannte. Im Alter von 15 Jahren besuchte er den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule in Zürich und absolvierte anschließend eine Grafiker lehre. 1948 gründete er mit seiner ersten Frau Marianne ein eigenes Atelier in Riehen bei Basel. Mehr als zehn Jahre lang entwarf Piatti diverse Plakate für Messeveranstaltungen, für Babynahrung oder für den Zoo, gestaltete Broschüren oder sogar Rabattmarken. Er arbeitete auch für die Caritas, zeichnete Karikaturen für das Satiremagazin "Nebelspalter" und protestierte mit einem Plakat gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Prag.

Und immer wieder Eulen

Nur halbjährlich ließ sich der Chef-Grafiker im dtv-Verlag in München blicken. Bis zwei Jahre vor seinem Tod 2007 arbeitete Celestino Piatti im kreativen Chaos seines im Grünen liegenden Ateliers, das Teil des Hauses war, welches er mit seiner Familie bewohnte. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Ursula schuf er Kinderbücher, die zu Klassikern wurden: „Barbara und der Siebenschläfer“, „Zirkus Nock“ und „Der kleine Krebs“. Sein Lieblingsmotiv aber blieb die Eule. Seinem Symboltier hatte er bereits 1963 sein erstes und wieder lieferbares Bilderbuch gewidmet,: das "Eulenglück". Darin erklärt ein Eulenpaar den anderen, sich fortwährend streitenden Tieren, warum sie so zufrieden und glücklich sind. Das Buch wurde ein Welterfolg.