Samstag, 21. Mai 2022

Zum 100. Geburtstag
Charles Mingus - ein Titan des amerikanischen Jazz

Charles Mingus zählt zu den Größen des amerikanischen Jazz im 20. Jahrhundert. Als Bassist, Komponist und Bandleader schuf er - oft in nur einem Studiotag - große Alben und war für sein vulkanisches Temperament berüchtigt. Vor 100 Jahren wurde Mingus in Arizona geboren.

Von Karl Lippegaus | 22.04.2022

Charles Mingus am Kontrabass bei einem Konzert 1976 in Antibes
Charles Mingus am Kontrabass, 1976 in Antibes (picture-alliance / akg-images / Marion Kalter)
"Ich bin Charles Mingus. Halb Schwarzer, halb Gelber; aber nicht gelb und nicht dunkel genug, um als Schwarzer durchzugehen; und nicht hell genug, um Weißer genannt zu werden. Ich sage von mir: Charles Mingus ist Musiker, ein Bastard, der schön spielt, hässlich, lieblich, maskulin, feminin ...”

Er konnte aus einem über 2000 Dollar teuren Kontrabass in purer Wut Kleinholz machen. Oder mit bloßen Händen die Stahlsaiten aus dem Klavier reißen. Er prahlte mit seiner Potenz, seinem unstillbaren Appetit; er verdiente viel Geld und starb völlig bankrott. Immer fühlte er sich von Rassisten und Betrügern umgeben. Charles Mingus, der sehr hellhäutig war, misstraute den Weißen und wurde zum Kämpfer gegen den Rassismus, mit den Mitteln des Jazz.
"Wenn dir alles leicht gemacht wird im Leben, hast du keine große Lust, etwas Sinnvolles zu tun; eine Person, die immer kämpfen musste, hat einfach mehr zu sagen.“

Mit 18 Jahren schrieb er schon Meisterwerke wie „Half-Mast Inhibition"

Charles Mingus, geboren am 22. April 1922 in Arizona, wuchs in Los Angeles auf. Auf Wunsch seines Vaters lernte er Cello spielen, in der Hoffnung auf eine Stelle in einem Orchester; doch die Türen zur Klassik waren für Schwarze verschlossen. Tauschte er das Cello gegen einen Kontrabass ein, konnte er es im Jazz versuchen. Mingus sagte später, die Musik warte auf ihn, sie läge vor ihm wie die Tasten eines Klaviers.
Sein Können als Bassist entwickelte sich rapide: der singende Ton, die Schnelligkeit, Melodik, der Rhythmus, sein Gefühl für Timing waren phänomenal. Mit 18 Jahren schrieb er schon Meisterwerke wie „Half-Mast Inhibition“, an denen er lebenslang feilte. Viele seiner größten Alben nahm er mit seiner Band an nur einem einzigen Tag auf. Mingus, der sich für jede Kunstrichtung interessierte, schwebte immer eine tönende Autobiografie vor. Er liebte das Rezitieren und schrieb ein Buch über seine ersten dreißig Lebensjahre. Es heißt: „Beneath the Underdog“, seine chronique scandaleuse.

Der geborene Bandleader

Das Buch erzählt mein Leben. Ich habe eine Psychoanalyse hinter mir. Es ist wichtig, dass man das alles mal erfährt. Eines der Stücke für die neue Platte ist autobiografisch; es geht um mein Leben als Farbiger in Los Angeles.“
Er war der geborene Bandleader, er allein schrieb alle Stücke, sang sie der Band vor, und kunstvoll verwob er alten und neuen Jazz. Er reaktivierte das kollektive Spiel aus der Frühzeit des Jazz. Sein zähes Streben nach Anerkennung ging einher mit dem Beharren auf Originalität und Nonkonformismus. Mingus weigerte sich, der Musikindustrie zuliebe Kompromisse zu machen und gründete ein eigenes Plattenlabel.

Berüchtigt für sein penetrantes Auftreten

Am Klavier machte er sich Luft, stundenlang hämmerte er darauf ein, den endlosen Windungen seiner Phantasie folgend. Ein probates Mittel, um die Dämonen im eigenen Innern zu bekämpfen.

Mingus war berüchtigt für sein penetrantes Auftreten, die lauten Monologe, irritierendes Verhalten, unterschwellige Wut; die abrupten Stimmungswechsel. Ehrgeizig war er auch - und fand, dass exzentrisches Verhalten einen Karriere-Schub bedeutete.

In Hamburg, während einer Tournee, schmierte jemand ein Hakenkreuz auf die Garderobentür des Saxofonisten Eric Dolphy. Mingus trat ein paar Hoteltüren ein, ruinierte Mikrofone und begann, mit einem Messer herumzufuchteln. Die Polizei musste anrücken, um ihn zu beruhigen.
Charles Mingus in seinen letzten Jahren, in New York. Er hatte viele Schlösser auf der Wohnungstür angebracht und fühlte sich ständig bedroht. Die Fenster hatten Gitter oder waren mit Brettern zugenagelt. Überall in der Wohnung lagen seine Noten herum. Im Apartment standen mehrere Kontrabässe, daneben das Sternenbanner.

Charles Mingus starb am 5. Januar 1979. Seine Asche wurde im Ganges in Indien verstreut als Hommage an seinen Hindu-Glauben.