Samstag, 28. Mai 2022

Vor 100 Jahren uraufgeführt
Wie Fritz Lang mit "Dr. Mabuse" die Weimarer Republik diagnostizierte

Übermächtige Filmbösewichte wie Dr. Caligari oder Nosferatu waren nach den Grauen des Ersten Weltkriegs Sinnbild einer aus der gewohnten Ordnung geratenen Gesellschaft. Ebenso wie der Superverbrecher Dr. Mabuse. Heute vor 100 Jahren kam Fritz Langs zweiteiliger Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ in die Kinos.

Von Hartmut Goege | 27.04.2022

Szene aus Fritz Langs Stummfilm: 'Dr. Mabuse, der Spieler" von 1922
Szene aus Fritz Langs Film "Dr. Mabuse, der Spieler" von 1922 (picture alliance / United Archives)
Wochenlang hatte die Produktion den Kinostart werbewirksam mit Plakaten und Zeitungsberichten über die Dreharbeiten vorbereitet. Die Romanvorlage des damals populären Abenteuerautors Norbert Jacques lief als Vorabdruck in großen Tageszeitungen; und Programmhefte bereiteten das Publikum auf Inferno und menschliche Abgründe vor:
„Eine von Krieg und Revolution zusammengestrampelte Menschheit rächt sich für die Jahre qualvollen Ernstes. Mit ‚Dr. Mabuse‘ macht sich auf dem Trümmerhaufen zerbrochener Werte das Verbrechen breit.“

Von Kritik und Publikum umjubelt

Als Fritz Langs zweiteiliger Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ am 27. April 1922 im ausverkauften Berliner UFA-Palast Premiere feierte, war das Publikum begeistert; ebenso von dem einen Monat später laufenden zweiten Teil. Kritiker, wie etwa Hans Wollenberg in der ältesten deutschen Film-Illustrierten "Lichtbild-Bühne",  schwärmten:
„Es ist der Film der aus den Fugen geratenen Zeit, die Heroen- und Verbrechertum durcheinanderwirbelt. Die Vitalität und die Impulse dieser Zeit sind in dem Filmwerk, das atemlos Handlung an Handlung reiht, eingefangen. Anstelle des ‚Untertan‘ von einst, setzt es den ‚Spieler‘, den Typus von heute.“

Filmfiguren inspiriert von der Berliner Nachkriegsgesellschaft

Fast sämtliche Besprechungen nahmen Bezug auf die Wirren der Nachkriegszeit und die unsicheren Zukunftsaussichten. Andere, wie in der renommierten "Vossischen Zeitung", lobten Langs virtuose Ästhetik:
„Fabelhafte Lichteffekte geben dem Bild ein fast unwirklich-schemenhaftes Gepräge. Massenszenen, wie die der Panik im Börsengebäude und die geheimnisvolle Düsterheit in den Spielhöllen zeigen eine meisterhafte Regietechnik."
In dem von Fritz Lang und seiner späteren Ehefrau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou, adaptierten Roman ist Dr. Mabuse ein Superverbrecher, der nicht nur seinen Reichtum und seine Macht vergrößern will, sondern auch die Weltherrschaft anstrebt. Für seine Filmfiguren nahm Lang Anleihen in der chaotischen Berliner Nachkriegsgesellschaft:
„Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für Deutschland eine Zeit der tiefsten Verzweiflung, der Hysterie, des Zynismus, des ungezügelten Lasters. Entsetzliche Armut war neben ganz großem und neuem Reichtum. Berlin prägte damals ein Wort: ‚Raffke‘, vom Zusammenraffen des Geldes. ‚Raffke‘, so nannte man den Neureichen.“

Von Beruf Psychoanalytiker, manipuliert Mabuse die Aktienmärkte

Lang inszenierte Mabuses perfide Pläne als die Tat eines Wahnsinnigen, der mit einer Vielzahl von Verbrechen daran arbeitet, die junge Weimarer Demokratie zum Einsturz zu bringen. Als kriminelles Genie bleibt er meistens im Hintergrund. Von Beruf Psychoanalytiker, beeinflusst er mit hypnotischen Fähigkeiten in illegalen Kasinos seine Mitspieler, lässt Falschgeld drucken oder manipuliert mit gestreuten Gerüchten die Börse. Am Ende des ersten Teils steht Mabuse auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Erst im zweiten Teil „Inferno“ schafft es sein Kontrahent, Staatsanwalt von Wenk, den in ständig neuer Maske auftretenden Mabuse in die Enge zu treiben. In einem Showdown wird Mabuse mit seiner Bande in einem Haus von der Polizei und sogar Militär belagert. Lang hatte dabei reale Geschehnisse vor Augen.
"In dieser Zeit, vielleicht ein Jahr bevor ich ‚Mabuse‘ machte, gab es in Frankreich, meiner Ansicht nach, zum ersten Mal in der Geschichte des Verbrechens, dass sich Verbrecher, ich glaube es waren Bankräuber, in einem Haus in einer Vorstadt verschanzten. Und die Polizei konnte sie aus diesem Haus nicht vertreiben. Militär musste eingesetzt werden. Und diese Szene habe ich übernommen in ‚Mabuse‘.“
Eine Szene, die von der Zensur jedoch moniert und stark gekürzt wurde. Die Behörde befürchtete eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.
„Die Kämpfe sind geeignet, zur Nachahmung anzureizen, weil der Eindruck erweckt wird, wenige bewaffnete Leute in einem verrammelten Hause wären in der Lage, Polizei und Militär in Schach zu halten.“

Die Blaupause für einen übermächtigen Film-Schurken

Am Ende, nach einer Flucht durch die Kanalschächte der Stadt, findet die Polizei den wahnsinnig gewordenen Mabuse auf einem Haufen Falschgeld thronend in seiner Fälscherwerkstatt.
„Dr. Mabuse“ war einer der größten Kassenschlager in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre. Für Fritz Lang bedeuteten beide Filme nicht nur seinen internationalen Durchbruch; mit dem Mythos „Mabuse“ schuf Lang auch den Prototypen des übermächtigen Film-Bösewichts, der im Genre der Mystery-Thriller und in Bond-Filmen bis heute zahlreiche Nachfolger hat.