125. Geburtstag des RundfunkpioniersHans Flesch - der Zauberer auf dem Sender

Der Rundfunk wurde in den 1920er-Jahren schnell zum Massenmedium. Einer der Pioniere der Radiokunst – und Entwickler noch heute fortlebender, politischer Formate - war Hans Flesch. Bis die Nationalsozialisten seine Karriere beendeten.

Von Brigitte Baetz | 18.12.2021

Historisches Großfoto mit Hans Flesch, Bereich "Anfänge"
Historisches Großfoto mit Hans Flesch, Bereich "Anfänge" (Deutschlandradio / Bettina Straub )
„Meine Damen und Herren, der Plattenrückblick soll Ihnen die Erinnerung an bemerkenswerte Geschehnisse vermitteln: künstlerische, politische und andere Ereignisse, soweit sie im Rundfunk ihren Spiegel fanden.“
Nur eine einzige Sprachaufnahme ist von Hans Flesch überliefert – auf einer Schallplatte von 1930. Radiosendungen wurden damals noch selten für die Nachwelt aufgezeichnet, auch hier zeigte sich der damalige Intendant der Berliner Funk-Stunde als Vorreiter. Hans Flesch, geboren am 18. Dezember 1896, war einer jener Männer, die in der Weimarer Republik den deutschen Rundfunk erfanden. Er nahm das Radio in zweierlei Hinsicht ernst: als eigenständige Kunstform und als Abbild und Archiv der Zeit.

Promovierter Mediziner und gelernter Schauspieler

Hans Fleschs Rundfunkkarriere beginnt 1924 in Frankfurt am Main. Dort wird der promovierte Mediziner und gelernte Schauspieler zum Künstlerischen Leiter der Süwrag ernannt – der Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG. Vor wenigen Monaten erst ist die Berliner „Funk-Stunde“ an den Start gegangen, das erste reguläre deutsche Radioprogramm. Die Anfänge des deutschen Radios sind weitgehend privat organisiert - und sie sind experimentierfreudig. Der erst 27-jährige Flesch wagt ein Verwirrspiel im laufenden Sendebetrieb.
„Hier ist Frankfurt am Main, auf Welle 467.“

Vorgesehen ist eigentlich ein Konzert. Doch zu hören sind aufgeregte Funkhausmitarbeiter. Sie versuchen, eine Besucherin davon abzuhalten, ein Märchen über den Sender zu erzählen.
„Es ist doch eingeschaltet. Ruhe!"
"Nur zwei Minuten, bitte.“
„Zwei Minuten, eine Märchentante? Ausschalten, ausschalten, Mikrofon ausschalten!“

Mit Adorno befreundet

„Zauberei auf dem Sender“ - Der „Versuch einer Rundfunkgroteske“ von Hans Flesch gilt als erstes deutsches Hörspiel überhaupt.
Hans Flesch, verschwägert mit Paul Hindemith, befreundet mit Theodor Adorno, ist Gesprächspartner der künstlerischen Avantgarde jener Jahre. Er glaubt, dass die spezifische Technik des Rundfunks eigene Kunstwerke hervorbringen werde. Und: dass das Radio auch das aktuelle politische Geschehen abbilden müsse. Mit diesem Anspruch geht er 1929 nach Berlin und wird Intendant der Funk-Stunde.
Hans Flesch bringt die großen Namen der Zeit, die heute noch bekannt sind, vors Mikrofon des Hauptstadt-Radios: Dichter und Kritiker wie Alfred Polgar, Herbert Jhering, Alfred Kerr. Am 6. März 1930 spricht Gottfried Benn mit Johannes R. Becher über „Dichtung an sich“:
„Eine der glücklichsten Gaben an die Menschheit ist zweifellos ihr schlechtes Gedächtnis, es übersieht höchstens ein bis zwei Generationen, daher ihr Optimismus.“

"Wegweisende Zeitfunk-Formate

Die Aktuelle Abteilung entwickelt unter Hans Flesch Sendeformen, die wir heute noch kennen: das „Interview der Woche“ zum Beispiel, die tägliche „Presseumschau“, die Diskussionsreihe „Gedanken zur Zeit“ und die „Zeitberichte“, Reportagen, die für die Nachwelt auf Schallplatten gepresst wurden. Die Zeitschrift „Funk“ resümiert: „Er hat dem freien Wort Geltung verschafft.“

Goebbels Griff nach dem Hörfunk

Doch dieses freie Wort ist bald nicht mehr erwünscht. Schon vor der sogenannten Machtergreifung wird Flesch 1932 von der Regierung Papen als Intendant der Funkstunde zum Rücktritt gezwungen. Der Rundfunk soll verstaatlicht und zentralisiert werden. Die Nazis vollenden dieses Vorhaben. Am 9. August 1933 schreibt Propagandaminister Goebbels in sein Tagebuch:
„Die Rundfunkbarone auf meine Veranlassung nach Oranienburg. Jetzt wimmern sie in Briefen und Telegrammen und bekommen Nervenzusammenbrüche. Das passt auch ganz zu diesen feigen Großverdienern.“

Im Krieg verliert sich Fleschs Spur

In einem Schauprozess soll Flesch und anderen Rundfunkmännern Verschwendung und persönliche Bereicherung nachgewiesen werden. Das gelingt nicht, aber die Karrieren sind vorbei. Als sogenannter Halbjude verunglimpft, hält sich Hans Flesch mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. In der Endphase des Krieges praktiziert er als Arzt an der Ostfront. Und dort verliert sich seine Spur. Die Amerikaner, die ihn im Sommer 1945 in Berlin mit dem Aufbau eines Radios im amerikanischen Sektor betrauen wollen, suchen nach ihm - vergebens.