Mittwoch, 25. Mai 2022

Zum 130. Geburtstag von Henry Miller
Bücher wie eine donnernde Brandung

Als Meister der Obszönitäten und Enfant terrible der literarischen Welt war Henry Miller einer der skandalumwittertsten, legendärsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Miller hat sich selbst in dieser Rolle gefallen und zugleich unter dem jahrelangen, weltweiten Verbot seiner Bücher gelitten.

Von Christian Linder | 26.12.2021

Der US-Schriftsteller Henry Miller 1971
Der Schriftsteller Henry Miller 1971 (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)
"Ich bin ein Outsider, aber nicht ein Beatnik, … ja, ich bin immer ein Rebell, rebel, wie man sagt, ich lebe in einer Welt, die ist verrückt."- Dass Henry Miller Deutsch verstehen und sprechen konnte, lag daran, dass seine Eltern aus Deutschland nach Amerika eingewandert waren und man bei ihm zu Hause in New York, wo er am 26. Dezember 1891 geboren wurde, manchmal noch deutsch redete – wenn er sich natürlich immer auch als uramerikanischen Schriftsteller empfand.
"Die beiden glücklichsten Zeiten meines Lebens sind die Jahre meiner Kindheit auf den Straßen in Brooklyn, bis ich etwa neun war. Und dann die Zeit in Paris."

Millers "Wendekreise" - unter den größten Skandalbüchern des 20. Jahrhunderts

Es war das alte Paris der 1930er-Jahre, in dem Henry Miller ein zweites Mal geboren wurde, als Schriftsteller. 1934 erschien dort in einem kleinen Verlag sein Roman "Wendekreis des Krebses", der autobiografische Bericht eines Vagabundenlebens, geprägt von der ständigen Frage, wie man an Geld kommen könnte, und von der Gier nach einem sexuellen Erlebnis mit einer Frau. Es waren vor allem die drastischen Schilderungen sexueller Ausschweifungen, die "Wendekreis des Krebses" und den bald folgenden Band "Wendekreis des Steinbocks" mit zu den größten Skandalbüchern des 20. Jahrhunderts machten – und zu den unbekanntesten, denn als pornografische Literatur skandalisiert und von Gerichten in vielen Ländern verboten, konnten die Bücher lange gar nicht gelesen werden – auch wenn Miller immer wieder darauf hinwies:
"In meinen Büchern geht es nicht um Sexualität, sondern um Selbst-Befreiung … Die volle und freudige Bejahung des Verworfenseins in uns ist der einzig sichere Weg, das Leben zu verwandeln."

Keinen anderen Stoff als sein eigenes Leben

Dass Miller auch den richtigen Weg gewählt hatte, bestätigte ihm sein Schriftsteller-Kollege und Freund Lawrence Durrell rückblickend in einem Brief: "Ich höre noch die donnernde Brandung Deiner Prosa in meiner Erinnerung als die größte Erfahrung meines inneren Menschen."

Schönes Bild, das Millers Hintergrund ausleuchtet. Einerseits besaß er keinen anderen Stoff als sein eigenes Leben, konnte seine Erlebnisse im Schreiben aber nie durcharbeiten und formen und hat dies auch zu erklären versucht:
"Meine Gedanken gehen in verschiedene Richtungen auf einmal, und ich weiß nicht, welcher ich folgen soll. Deshalb sind meine Bücher so chaotisch. Ich explodiere, das ist es."

"Aus der Scheißmaschinerie ausbrechen"

So kommen all seine Bücher daher wie ein überbordender, reißender Strom, aus dessen donnernder Brandung der Autor uns gestenreich seine Konfessionen zuruft, nicht nur seinen Protest gegen den American Way of Life, sondern gegen die moderne Zivilisation überhaupt:
"Man muss aus der Scheißmaschinerie ausbrechen und das tun, was man wirklich will … Es ist dein Leben, dein Elend, dein eigenes Unglück … Wenn man das tut, was man gerne tut, hat man immer noch ein Gefühl von Freiheit, selbst wenn es die Freiheit ist, zu hungern und zu leiden."

Amerika - für Miller "Der klimatisierte Alptraum"

Solche Bekenntnisse ließen Miller seit Mitte der 1960er-Jahre zu einem Idol der weltweiten Protestbewegung werden – nachdem die Zensur seiner Bücher vielerorts erst kurz zuvor aufgehoben worden war. Da lebte er, aus Europa vom ausgebrochenen Weltkrieg verscheucht, längst wieder in Amerika. Zwar hatte er die dortigen Lebens- und Zivilisationsformen in dem 1945 erschienenen Buch "Airconditioned Nightmare", "Der klimatisierte Alptraum", noch einmal heftig angriffen, am Ende allerdings doch seinen Frieden geschlossen. Er lebte zurückgezogen in Kalifornien und schrieb sein Werk fort mit der Trilogie "Sexus – Nexus – Plexus" oder Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Die letzten Fotos – Henry Miller starb 1980 im Alter von 88 Jahren – zeigen einen sich im Glanz des offiziell bestätigten Weltruhms sonnenden älteren Herrn, der sich gern an die alten Zeiten erinnerte, in denen er in Paris das Fundament seines Werks erschaffen hatte. Natürlich, immer wieder die Frage: Wieviel in diesen Büchern war, zum Beispiel hinsichtlich der geschilderten sexuellen Erlebnisse, bloß erfunden?
"Ja, schwer, Dichtung und Wahrheit. Ich glaube, das sind dieselben – es gibt nicht Dichtung und Wahrheit."