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180. Todestag der Malerin
Elisabeth Vigée-Lebrun - Adel-Porträtistin auf der Flucht

Die französische Malerin Elisabeth Vigée-Lebrun zählt zu den wenigen im 18. Jahrhundert international anerkannten Frauen. Als Lieblings-Porträtistin der Königin Marie-Antoinette floh sie vor der Revolution nach Italien - und fand neue Inspirationen und lukrative Kundschaft.

Von Carmela Thiele | 30.03.2022
Porträt der Marie-Antoinette 1784 von Elisabeth Vigée Lebrun im Petit Trianon, Vorzimmer Fotografiert 2008.
Elisabeth Vigée-Lebrun - Porträt der Marie-Antoinette, 1784 - Vorzimmer Petit Trianon in Versailles (picture alliance / Marc Deville / akg-images)
Ihre Schönheit und ihr Talent waren legendär. Auf Anfrage der Uffizien malte sie 1790 in Rom ein Selbstbildnis. Elisabeth Vigée-Lebrun stellte sich mit barockem Spitzenkragen dar, cremefarben wie das Tuch, das ihre widerspenstigen Locken zusammenhält. Die rote Schärpe korrespondiert mit ihren roten Lippen und einem mit roter Farbe benetzten Pinsel. Ihr Antlitz ist dem Betrachter zugewandt. Effektvoll und doch bescheiden setzt sich die Malerin im schwarzen Seidenkleid in Szene, einen ihrer Pinsel an der Leinwand, auf der sie ihre wichtigste Auftraggeberin, die französische Königin Marie-Antoinette, skizziert hat. Bevor Vigée-Lebrun es dem Florentiner Museum aushändigte, stellte sie das Gemälde in ihrem Atelier aus.
"Niemals in meinem Leben bin ich so sehr ermutigt worden. Alle Künstler sind gekommen, Prinzessinnen aller Nationen, Männer aller Nationen. Am Ende meiner zehn Tage dauernden Matinee zählte man 60 bis 80 Personen aller Ränge. Man nannte mich Madame van Dyck, Madame Rubens." Schrieb Elisabeth Vigée-Lebrun an Freunde in Paris.

Flucht zur Bildungsreise umfunktioniert

Ihre Euphorie täuscht darüber hinweg, dass sie in Rom Emigrantin war, geflohen in den ersten Monaten der Französischen Revolution, nachdem der König gewaltsam aus Versailles nach Paris gebracht worden war. Die damals 34-jährige Malerin galt als Anhängerin des Ancien Régime. Anstatt den kürzesten Weg nach England zu wählen, nahm sie in Begleitung ihrer kleinen Tochter und einer Gouvernante Kurs auf Italien und deklarierte ihre Flucht später als Bildungsreise. Ihr Plan ging zunächst auf. Sie studierte die Werke Raffaels, entdeckte die Landschaft um Rom und traf die bedeutendste weibliche Malerin ihrer Zeit.

In einfachen Verhältnissen geboren

"Ich habe Angelika Kauffmann besucht, denn es verlangte mich außerordentlich danach, sie kennenzulernen. Ihre Unterhaltung ist angenehm, sie ist erstaunlich unterrichtet, aber es fehlt ihr an Begeisterung, was mich, in Anbetracht meines geringen Wissens, durchaus nicht für sie begeisterte."
Diese spitze Bemerkung in ihren Memoiren legt eine Schwäche der virtuosen Porträtistin bloß: Eine in die Tiefe gehende Bildung war ihr nicht vergönnt. Elisabeth Vigée-Lebrun wurde am 16. April 1755 als Tochter eines Pastellmalers und einer Friseurin in Paris geboren. Ihr Vater förderte früh ihr Zeichentalent, doch starb er als sie zwölf Jahre alt war. In Rom war sie offen für neue Einflüsse. Ein Jahr nach ihrer Ankunft in Italien malte Vigée-Lebrun in Neapel ihr erstes Rollenporträt, "Lady Hamilton als Sibylle", das über das Schema repräsentativer Standesbildnisse hinausgeht. Es zeigt eine junge Frau in antikischem Gewand in der Pose der inspirierten Seherin.

Odyssee durch das aristokratische Europa

In Neapel traf sich die kulturell ambitionierte Elite der europäischen Aristokratie, was Vigée-Lebrun mehr Aufträge sicherte, als sie ausführen konnte. In Frankreich war unterdessen das Emigrantengesetz drastisch verschärft worden. Ihre Hoffnung, nach drei Jahren Italien endlich nach Paris zurückkehren zu können, erfüllte sich nicht. Elisabeth Vigée-Lebrun zog weiter über Wien nach St. Petersburg, wo die Auftragslage gut war, sie weiterhin teilhaben konnte an dem verfeinerten Ambiente des Adels. Doch fehlte ein Klima der Inspiration - die Malerin verlor ihren Elan.

Sie hinterließ 600 Porträts und 200 Landschaften

Als Vigée-Lebrun nach zwölf Jahren Exil 1802 in Paris eintraf, fand sie eine fundamental veränderte Gesellschaft vor. Zwar konnte sie auf ihre Künstlerfreunde aus alten Tagen zählen, die Welt des Ancien Régime jedoch gehörte der Vergangenheit an. Nach einigen ergebnislosen Reisen nach London, lebte Elisabeth Vigée-Lebrun bis zu ihrem Tod am 30. März 1842 zurückgezogen in Louveciennes, nahe Paris. Sie hatte 600 Porträts und 200 Landschaften geschaffen. Darunter seien einige Bilder, so bemerkte die Malerin mit feiner Ironie, die ihr sehr gut gelungen seien.