Vor 225 Jahren geborenAnnette von Droste-Hülshoff - Vorbotin der Moderne

Zu Lebzeiten blieb das "Freifräulein" kaum bekannt – doch ihre Gedichte und die Novelle "Die Judenbuche" machten Annette von Droste-Hülshoff später zu einer der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. Vor 225 Jahren wurde sie geboren.

Von Christian Linder | 10.01.2022

Büste der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff im Park der Burg Hülshoff, Havixbeck, Münsterland, Nordrhein-Westfalen, 18.11.2020
Annette von Droste-Hülshoff gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts (IMAGO / Peter Schickert)
Pst! … Pst! – still – wie Vögel im Nest.
Da sprach ein junges adliges „Fräulein“, Annette von Droste-Hülshoff, geboren am 10. Januar 1797 auf der zehn Kilometer westlich von Münster gelegenen Burg Hülshoff. Dass sie als "Siebenmonatskind" ihre Geburt überlebt hatte, verdankte sie nur der Fürsorge ihrer Amme, und mancherlei Krankheits-Signale erinnerten sie später fast täglich an ihre schwächliche Konstitution. Aber in ihrem Kopf fühlte sie sich frei.
Der Traum einer 19-Jährigen:
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust,
Hinzuschwingen fessellos und frei!
Was sie stattdessen erlebte:
Meine Sehnsucht nennt man Wahn und Traum.
Und mein Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Mehr zum Thema:


Frühe Liebesbeziehungen ließen sich nicht realisieren, so dass sie unverheiratet und für ihre Umgebung immer das "Freifräulein" blieb. Dann der Tod des geliebten Vaters 1826. Der ältere Bruder übernahm die Burg, und die Droste zog in das gut vier Kilometer entfernte Rüschhaus, einem zum Landgut ausgebauten ehemaligen Bauernhof.
Ihr Wohnzimmer, zugleich das Arbeitszimmer, "Schneckenhäuschen" genannt und Ort mancher "durchwachten Nacht":
Vom Taue wach geküsst,
Das Dunkel fühl‘ ich kühl wie feinen Regen.

Der Traum "ein Jäger auf freier Flur" zu sein

Es waren vor allem die, während der täglichen, weit ausgedehnten Spaziergänge aufgenommenen Bilder und Geräusche der Natur, für die sie nachts in ihren Gedichten einen Ausdruck suchte. Hatte sie tagsüber davon geträumt, "ein Jäger auf freier Flur" zu sein, erfuhr sie sich in ihrer Schreibklause aber ganz anders:
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar/ Und lassen es flattern im Winde!
Bis das artige Kind sich auf einmal radikalisierte: "so steht mein Entschluss fester als je, nie auf den Effekt zu arbeiten und unsre blasierte Zeit mit dem Rücken anzusehn."

Lyrik Lost in Münsterland?

Was war passiert? Wie oft hatte sie – nachzulesen in dem posthum erschienenen Gedichtband "Das geistliche Jahr" – zu Gott gesprochen und keine Antwort erhalten.  So verwandelte sich unter ihrem nunmehr auf jedes Sentiment verzichtenden Schreibblick die als Heimat geliebte westfälisch-münsterländische Landschaft oft auch in eine Ortschaft der Seinsverlorenheit: 
Tiefab im Tobel liegt ein Haus,
Zerfallen nach des Försters Tode,
… eine Spinne hat ihr Zelt
Im Fensterloch aufgeschlagen.
Da hängt ein Blatt von zartem Flor,
Der schillernden Libelle Flügel.
Und ihres Panzers goldner Spiegel
Ragt kopflos am Gesims hervor.

Ein Werk beeinflusst von extremer Kurzsichtigkeit?

Als wollte die Droste innerhalb solch realistischer Bilder von Vergänglichkeit, Tod und Verwesung sogar die Sprache ihres schwächlichen Körpers realistisch abbilden – sie war auch extrem kurzsichtig –, blendete sie manchmal Nähe und Ferne über- und ineinander, sodass sich Details in Unschärfe auflösten oder die Bilder an den Rändern ausfransten.
Durch solche Art Magie wurde der vertraute Blick auf die Welt und die Dinge irritiert und das Fremdgebliebene der Schöpfung, ihr ursprüngliches Geheimnis zu benennen versucht. Auch die Fremdheit der eigenen Person, – da genügte ein Blick in den Spiegel:
Es ist gewiss, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein,
… Voll fremden Leides, fremder Lust ...


Den Tod als dunkle Unterstimme des Lebens führte sie auch in ihrer 1842 erschienenen Kriminalnovelle "Die Judenbuche" vor, die sie erstmals einem größeren Publikum bekannt machte, während ihr 1838 herausgekommener erster Gedichtband so gut wie unbemerkt geblieben war.
Der Autorin war es egal: "Ich will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden."

Nach ihrem Tod 1848 im Alter von 51 Jahren in Meersburg am Bodensee, wo sie die letzten Jahre bei ihrer Schwester lebte, dauerte es nicht einmal hundert Jahre, bis Annette von Droste-Hülshoff eine der – bis heute – meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts geworden war und begriffen wurde, dass sie mit ihrem magischen Realismus die Moderne angekündigt hatte.