Donnerstag, 06. Oktober 2022

Vor 250 Jahren geboren
Novalis - der Universalromantiker

Als Entdecker der blauen Blume der Romantik ist er weltberühmt geworden: Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte. Heute vor 250 Jahren wurde er auf dem Gut Oberwiederstedt in Sachsen-Anhalt geboren.

Von Christian Linder | 02.05.2022

Das einzige Bildnis von Friedrich Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis (1772-1801), eines unbekannten Künstlers.
Das einzige Bildnis von Friedrich Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis (1772-1801), eines unbekannten Künstlers. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Novalis. Wer verbarg sich hinter diesem geheimnisvoll klingenden Pseudonym? Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet der Name so viel wie: der Neuland Rodende, und wo das zu bestellende Neuland lag, daran ließ der Autor keinen Zweifel:
"Wir träumen von Reisen durchs Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? … Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns und nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft."

Jurist und Bergbau-Beamter

"Ins Unbekannte ging folglich die Fahrt, und was er zu finden hoffte, hat der Autor auch klar benannt: "Unser Leben ist kein Traum – aber es soll und wird vielleicht einer werden."

Natürlich war auch für Novalis das Leben zunächst kein Traum. Geboren am 2. Mai 1772 als Georg Philipp Friedrich von Hardenberg auf dem Gut Oberwiederstedt in Sachsen- Anhalt, studierte er zunächst Jura, später auch Naturwissenschaften, und wurde Beamter im Salinen- und Bergbau. Nebenbei hatte er aber auch philosophische Studien betrieben und begonnen, schreibend seine Träume zu sichten und zu bergen.
Einer seiner bis heute wirkmächtigsten Träume findet sich in seinem Roman »Heinrich von Ofterdingen«. Ein Höhlen-Erlebnis:
"Was ihn mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit."

Das "Blütenstaub"-Fragment - ein programmatischer Text

Die blaue Blume gilt bis heute als stärkstes Symbolbild der Romantik und ihr Entdecker Novalis als der bedeutendste Vertreter jener Gruppe von Autoren, die sich seit 1796 in Jena um Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck versammelten und bald mit ihrem Programm einer "progressiven Universalpoesie" als die Frühromantiker berühmt wurden.

Ihr Zentralorgan war die Zeitschrift "Athenäum", in der 1798 Novalis‘ erster Text erschien, "Blütenstaub", eine Sammlung von Gedanken-Splittern - "Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge"

Diese Dinge in eine Gesamtordnung und sie mit der Unendlichkeit des Weltalls in einen Zusammenhang zu bringen – das hat Novalis versucht. Für ihn hing alles mit allem zusammen.
"Die Natur ist eine Äolsharfe – sie ist ein musikalisches Instrument, dessen Töne wieder Tasten höherer Saiten in uns sind."
So entwarf er sein subjektives Universum, offen für alles, für Bilder, Träume, Theorie, Reales und Surreales. Er vermutete einen geheimen Rhythmus, der den ununterbrochenen Fluss und die Verwandlung aller Erscheinungen bestimmte, und diesem geheimen Rhythmus war er auf der Spur und wollte ihn im Schreiben abbilden. Das war noch einmal der Blick auf die in der Höhle entdeckte blaue Blume:
"Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte …"

Die Romantisierung der Welt zum Ziel

Von den einen als "magischer Idealismus" bewundert, von anderen als düsterer Okkultismus kritisiert, sind die meisten Arbeiten Fragment geblieben. Die Erfahrung, ein Projekt vollenden zu können, blieb Novalis aber auch im gewöhnlichen Leben versagt. So verliebte er sich in die junge, erst zwölfjährige Sophie von Kühn und verlobte sich 1795 heimlich mit ihr; als das Mädchen kurz darauf starb, konnte Novalis ihr mit "Hymnen an die Nacht" nur noch ein Epitaph schreiben und seine eigenen Todeswünsche bekunden.

Trotz solcher niederziehenden Erlebnisse raffte er sich immer wieder auf und meinte manchmal, in seinem Versuch, die Welt zu romantisieren, auch vorangekommen zu sein:
"Ich bin dem Mittage so nahe, dass die Schatten die Größe der Gegenstände haben – und also die Bildungen meiner Phantasie so ziemlich der wirklichen Welt entsprechen."

Bald darauf, 1801, starb Novalis im Alter von 28 Jahren an Schwindsucht. Freunde berichteten später, nach all den aufregenden inneren Fahrten, die Novalis in seinem nur knapp vier Jahre dauernden Schreibleben unternommen hatte, sei sein Ende sanft gewesen.