Freitag, 27. Mai 2022

Vor 75 Jahren starb Al Capone
Die Gangster-Ikone

Der Mafioso Al Capone alias "Scarface" war ein Gangster-Popstar des 20 Jahrhunderts. Mit Alkoholschmuggel machte er Millionen, hunderte Menschen hat er auf dem Gewissen. Doch war es Steuerhinterziehung, die ihn hinter Gitter brachte. Vor 75 Jahren starb er eines natürlichen Todes.

Von Jürgen Bräunlein | 25.01.2022

Mugshot  des auch Scarface genannten, italoamerikanischen Gangster-Bosses  Al Capone
Alphonse Gabriel „Al“ Capone auf einem Polizeifoto von 1931 (picture alliance / Everett Collection)
Chicago im Winter 1929 kurz nach dem Börsenkrach. Tausende Bedürftige, deren Hände so leer sind wie ihre Mägen, schlurfen in der South State Street auf ein großes Banner zu: Es verspricht "Gratis Suppe, Kaffee und Donuts für Arbeitslose".
Täglich Frühstück, Mittag- und Abendessen für alle. Die Suppenküche versetzt ganz Chicago in Erstaunen, denn eröffnet hat sie kein stadtbekannter Wohltäter, sondern "Staatsfeind Nummer eins", der berüchtigte Gangsterboss Al Capone. Die Journalistin Mary Borden berichtet in "Harper‘s Magazine" von der Menschenschlange, die auch am Polizeipräsidium vorbeiführt:
"Zweifellos gab es eine Verbindung zwischen den beiden Gruppen von Männern, die zitternd vor der Suppenküche standen und jenen, die in Decken eingewickelt auf den nackten Brettern des Polizeiwagens oder in den Ecken der Taxistände mit eingeschlagenen Köpfen lagen. Denn Al Capone ist ein zweihändiger Riese, der mit einer Hand brutal tötet und mit der anderen füttert."

 Kaltblütigkeit mit guten Manieren

Alfonso Capone, geboren am 17. Januar 1899 in Brooklyn, ist der Sohn eingewanderter Süditaliener, der Vater Friseur. Mit 14 wird er Mitglied der "Five Points Gang", einer Bande, die im Viertel Schutzgelder erpresst.

In Chicago findet Capone 1920 eine Stadt wie geschaffen für seine gewachsene kriminelle Energie. Glücksspiel und Prostitution blühen, das gerade erlassene Alkoholverbot verspricht noch mehr illegale Einnahmen, denn auch Teile der bürgerlichen Gesellschaft wollen es umgehen. Gangsterboss John Torrio führt Capone in das Netzwerk organisierter Kriminalität ein. Bald kontrolliert er eigenständig Bordelle, Rennstrecken, Spiellokale und Brennereien, lernt, Politiker und Anwälte zu bestechen und Kaltblütigkeit hinter guten Manieren zu verstecken. In der Öffentlichkeit zeigt er sich als charmanter Mann in bunten Maßanzügen mit hellem Fedora-Hut, der gerne Geldscheinrollen herauszieht. Wo andere Gangster vor Kameras fliehen, wirft er sich in Pose. Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen, sie geben ihm den Spitznamen "Big Al". Doch auch bei der Bevölkerung ist er populär, da er sich gegenüber Bedürftigen immer wieder spendabel zeigt. Der "Daily Independent" fürchtet:
"Es wäre erschreckend, Capone als Bürgermeister von Chicago kandidieren zu sehen. Wir befürchten, dass er eine enorme Stimmenzahl erhalten würde. Es ist sogar denkbar, dass er gewählt wird."
Doch Al Capone fährt nur mit kugelsicherer Limousine durchs Viertel. Dutzende von Menschen hat er ermordet, die Tötung von Hunderten angeordnet.

Der Buchhaltung zum Opfer gefallen

Das blutrünstige Massaker am Valentinstag 1929, bei dem sieben Mafiosi erschossen werden, bringt schließlich die Wende. Capone wird wegen Waffenbesitzes festgenommen, bald wieder entlassen. Doch der damalige amerikanische Präsident Herbert Hoover weist das Finanzministerium an, dem Menschenschlächter endlich das Handwerk zu legen. Nicht mit Sondereinsatz und Kugelhagel, sondern der Überprüfung der Buchhaltung. Rund 100 Millionen Dollar hat Capone in vier Jahren eingenommen, verbucht wurde eine Million. Für die Anklage reicht das. Am 24. Oktober 1931 wird das Strafmaß verkündet:
"Verurteilung wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Geldwäsche zu 50.000 Dollar Strafe plus 8.000 Dollar Gerichtskosten und elf Jahre Freiheitsstrafe."

Häftling Nummer 85 in Alcatraz

Capones Abstieg beginnt. Nachdem er die ersten Jahre im Bundesgefängnis von Atlanta absitzt, wo er sich noch Privilegien erkaufen kann, bekommt er als Häftling Nummer 85 im Hochsicherheitstrakt in Alcatraz alle Härten zu spüren. Als er 1939 wegen guter Führung entlassen wird, ist er bereits körperlich schwer angeschlagen wegen einer Syphilis, die er sich vor Jahren zuzog. Nach einem Schlaganfall stirbt Al Capone am 25. Januar 1947 auf seinem Anwesen in Florida im Alter von 48 Jahren.
Bis heute ist Al Capone das Symbol für das Organisierte Verbrechen. Geschürt wurde sein Mythos durch zahllose Gangsterfilme. Popstars und Rapper widmeten ihm Lieder, sogar in "Tim-und-Struppi"-Comics taucht er auf. Zuletzt erinnerte man sich an ihn, als die Panama Papers über dubiose Briefkastenfirmen für Schlagzeilen sorgten. Das Prinzip der versteckten Geldwäsche, sagen manche, habe Al Capone erst erfunden.