"Der Spiegel" wird 75„Deutsches Gewissen” oder “Nestbeschmutzer“

Als „Der Spiegel“ 1947 erstmals erschien, kam damit eine bis dato unbekannte Art von Zeitschrift auf den deutschen Medienmarkt: ein Nachrichtenmagazin, das sich von Obrigkeiten unbeeindruckt und ungewohnt scharf im Ton zeigte. Bald galt es den einen als Gewissen der Nation, den anderen als Nestbeschmutzer.

Von Andrea Westhoff | 04.01.2022

1962: In München demonstrierten Studenten gegen Polizei-Maßnahmen im Zuge der "Spiegel"-Affäre.
1962: In München demonstrierten Studenten gegen Polizei-Maßnahmen im Zuge der "Spiegel"-Affäre. (picture alliance / dpa / Klaus-Dieter Heirler)
„Es ist jedes Mal eine wahre Sturzflut von Informationen. Dabei ist fast jeder Artikel auf Schockwirkung bedacht, und man muss damit rechnen, dass etwas bis dato für solid Gehaltenes plötzlich zerrupft wird.“
So charakterisiert der Journalist Lovis Lorenz 1961 den "Spiegel" in seinem Interview mit dem Herausgeber Rudolf Augstein. Dem war das Kritische und Rebellische quasi schon in die Wiege gelegt – damals, im November 1946, in Hannover: Dort wollten die britischen Alliierten eine Zeitschrift nach angelsächsischem Vorbild gründen mit dem Titel "Diese Woche". Sie holten ein paar junge deutsche Journalisten dazu, unter anderem Rudolf Augstein und Leo Brawand. Der erzählte später, dass sie sich nicht lange bitten ließen in diesem kältesten Winter des 20. Jahrhunderts: „Wir hatten kaum was zu essen, keiner hatte eine Wohnung, mit Ausnahme von Augsteins Eltern."

Ärgernis für die Besatzungsmächte

Aber – trotz aller Not: Sie sparten keineswegs mit Kritik ihrem britischen Arbeitgeber gegenüber. Die Zeitschrift wurde, so Augstein, bald ein Ärgernis für alle vier Besatzungsmächte. Die Beschwerden von den Franzosen, Amerikanern und Russen seien gleichermaßen auf die geduldigen Briten eingestürzt. Die daher "beschlossen, "die heiße Kartoffel fallenzulassen“ - direkt in Augsteins Hände. Er bekam eine Verlegerlizenz und wurde Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, das nun "Der Spiegel" hieß.  
Die erste Ausgabe erscheint am 4. Januar 1947 in Hannover – zum „Hamburger Nachrichtenmagazin“ wird der Spiegel erst mit dem Umzug 1952. Die Auflage ist relativ klein – aber nur wegen der Papier-Rationierung, erzählt der erste Verlagsdirektor Detlev Becker: „Die Engländer konzidierten Papier für 15.000 Exemplare, aber durch irgendwelche Möglichkeiten, die zweifellos etwas mit illegalen Einkäufen zu tun gehabt haben, kamen wir bis zur Währungsreform auf 80.000 Exemplare.“

Kecke erste Titel-Story

Von Beginn an hat "Der Spiegel" das handliche magazintypische Heftformat und den hellroten Rand. Die erste Titelgeschichte: Das „Wiener Werben“ in Washington für die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs. Auf dem Cover: der österreichische Gesandte Dr. Kleinwächter, wie er seinen Hut lupft. Darunter steht: „Mit dem Hut in der Hand wird man ein befreites Land“.
Hier zeigt sich bereits der für den Spiegel typische leicht sarkastische Unterton. Typisch auch, so Leo Brawand: die intensive Berichterstattung über die Spuren der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit.
„Das war auch der gesamte gemeinsame Nenner, den wir junge Bengels hatten, Augstein in erster Linie, dass das nicht wieder passieren darf.“

Die NS-Vergangenheit in den eigenen Reihen

Allerdings gibt es im Spiegel selbst noch in den 1950er-Jahren leitende Mitarbeiter, die der SS angehört haben – und dieser Teil der eigenen Geschichte ist nur sehr zögerlich aufgearbeitet worden. Das ist umso befremdlicher, als die Zeitschrift als Nachrichtenmagazin neuen Typs den Grundstein für den investigativen Journalismus in Deutschland gelegt hat. Für Augstein war demnach, "ein Teil unserer Aufgabe auch, enthüllende Nachrichten zu finden und in lesbarer Form zu servieren.“
So erfährt die Spiegel-Leserschaft zum Beispiel 1950, dass bei der Wahl Bonns zur vorläufigen Hauptstadt der Bundesrepublik Abgeordnete bestochen wurden. Und 1962 löst das Blatt eine handfeste politische Krise aus, die legendäre „Spiegel-Affäre“:
„Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande, empört sich Bundeskanzler Adenauer über die Spiegel-Titelstory im Oktober 1962: Der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ berichtet über die Besorgnis der NATO hinsichtlich der mangelhaften Ausstattung der Bundeswehr. Unter dem Verdacht des Landesverrats sitzt Rudolf Augstein 103 Tage im Gefängnis – unterdessen klettert die Auflage der Zeitschrift auf über 500.000.
Der Verlagsdirektor des Spiegel, Hans Detlev Becker (r., am Rednerpult), und Spiegel-Chefredakteur Johannes K. Engel (links daneben), am 29.10.1962 auf einer Betriebsversammlung zur "Spiegel"!-Affäre.
Johannes K. Engel (2.v.r.) auf einer Betriebsversammlung zur "Spiegel"-Affäre (dpa)
In den folgenden Jahren werden noch weitere kleinere und größere politische Affären enthüllt und Politiker zu Fall gebracht. Aber auch im eigenen Haus gibt es mehrfach Aufruhr und Skandale. Längst ist das Blatt nicht mehr das einzige deutsche Nachrichtenmagazin, aber als ältestes ein einzigartiger Spiegel der deutschen Zeitgeschichte.