Freitag, 19. August 2022

Vor 90 Jahren
Als Konrad Adenauer die erste Autobahn Deutschlands eröffnete

Bis heute hält sich der Mythos, Adolf Hitler habe die Autobahn erfunden und bauen lassen, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Tatsächlich hatte Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer bereits am 6. August 1932, die erste deutsche Autobahn eröffnet.

Von Otto Langels | 06.08.2022

Die Autobahn 555 zwischen Bonn und Köln  hier nahe Wesseling - sie wurde am 6. August 1932 vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer eingeweiht.
Die A555 zwischen Bonn und Köln- Deutschlands älteste Autobahn (picture alliance / Goldmann)
„Fahnen und Girlanden schmücken das Rund des Verteilerkreises für die Kraftwagenstraße, die sich als breites, grau leuchtendes Verkehrsband mit leichter Steigung gegen den Horizont abhebt. Über die Straßenbreite ist das grüne Eröffnungsband gespannt.“
Schrieb die „Kölnische Zeitung“ zur Einweihung der ersten deutschen Autobahn. Die "Kraftfahrstraße", wie sie damals genannt wurde, zugelassen nur für Pkw und Lkw, verband die Städte Bonn und Köln. Die rund 20 Kilometer lange, kreuzungsfreie Strecke hatte lediglich eine Abfahrt bei Brühl.
"So werden die Straßen der Zukunft aussehen" - verkündete Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer, als er die Autobahn am 6. August 1932 feierlich eröffnete. Und weiter: „Ich hoffe, dass die nunmehr erzielte Zeitverkürzung und Fahrbequemlichkeit dem Rhein und den Schönheiten seiner Landschaft neue Freunde aus dem In- und Ausland zuführen möge."

Ein Arbeitsbeschaffungsprojekt

Die Planungen für die Autobahn hatten Mitte der 1920er-Jahre begonnen, der Baubeginn erfolgte 1929. Über 5.000 Arbeitslose kamen zum Einsatz; eine Maßnahme zur Bekämpfung der damaligen Massenarbeitslosigkeit, deklariert als „Notstandsarbeit“, so  der Potsdamer Historiker Ernst Piper:
 „Deswegen gab es zum Beispiel ja auch die Vorgabe – es galt auch für das kleine Stück, was Adenauer eingeweiht hat, das war dort genauso -, dass Maschinen nicht eingesetzt werden sollten. Es sollte alles, was irgend möglich war, mit Handarbeit erledigt werden, um möglichst viele Leute dort in Lohn und Brot zu bringen.“

Die erste Autobahn entstand in Italien

Die Verbindung zwischen Köln und Bonn war nicht die erste kreuzungsfreie Autostrecke. In Berlin entstand bereits 1921 die AVUS. Die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße war aber zunächst eine reine Renn- und Teststrecke und nicht für den öffentlichen Verkehr bestimmt.
In Italien wurde 1924 die erste Autobahn eröffnet, sagt Ernst Piper: „Es gab in den 20er-Jahren in Italien, Deutschland, anderen Ländern schon in großem Umfang Autorennen, für die auch Rennstrecken gebaut wurden. Auch der Nürburgring, der ja auch die Qualität einer Autobahn hätte in gewisser Weise, wurde bereits in den 20er-Jahren eröffnet, 1927.“

"Parken und Wenden verboten"

Die "Kraftfahrstraße" zwischen Köln und Bonn, später wegen der starken Nutzung durch Regierungsbeamte auch als „Diplomatenrennbahn“ bezeichnet, ist mit heutigen Autobahnen nicht vergleichbar. Die in beiden Richtungen zweispurige Fahrbahn war in der Mitte nur durch einen einfachen weißen Streifen getrennt, Mittelplanke und Standstreifen fehlten. Für die Benutzung gab die Polizei eine eigene Verordnung heraus: Halten, Parken und Wenden auf der Fahrbahn waren ebenso verboten wie Gespanne und Fahrräder sowie das "Treiben und Führen von Tieren".
Der Verkehr war in den Anfängen überschaubar, so Ernst Piper: „Es gab ja kaum jemanden, der ein Auto hatte, also auf diesen Autobahnen, da fuhr ja fast niemand. Da sieht man mit dem Fernstecher zwei Autos irgendwo am Horizont, wenn es hochkommt.“  

Es galt Tempo 120

Auf der großzügig ausgebauten Strecke mit geringen Steigungen und langen Kurven waren als Höchstgeschwindigkeit 120 Stundenkilometer erlaubt; ein Tempo, das flotte Werbesprüche verkündeten, kaum ein Auto aber erreichte:
(Musik) „Du, 120 Kilometer, schadet das dem Wagen nicht?“ – „Keine Angst, pass mal auf, was wir jetzt sogar noch für Reserven drin haben.“ – „125, 130, 135, das ist ja großartig.“
Zwei Tage nach der Eröffnung wurde die Autobahn zwischen Köln und Bonn, heute offiziell als A555 bezeichnet, für den allgemeinen Verkehr freigegeben. Nach der Machtübernahme griffen die Nationalsozialisten auf bestehende Pläne aus der Weimarer Zeit zurück und forcierten den Fernstraßenbau, auch um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Hitlers Autobahn-PR-Stunt

Zugleich dienten die Autobahnen der NS-Propaganda. Die „Straßen des Führers“, sollten das sogenannte Dritte Reich als modernes Land repräsentieren. Das NS-Regime reklamierte die Autobahnen kurzerhand für sich und stufte die Strecke zwischen Köln und Bonn zur einfachen Landstraße herab, um Adolf Hitler im September 1933 einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt zu verschaffen: den Spatenstich für die vermeintlich erste Reichsautobahn von Frankfurt über Darmstadt und Mannheim nach Heidelberg. In den folgenden Jahren waren zeitweise über 100.000 Arbeiter im Einsatz, um die Strecken weiter auszubauen. Bis Kriegsbeginn waren 3.000 Autobahnkilometer fertiggestellt.