Samstag, 02. Juli 2022

Vor 220 Jahren
Als Alexander von Humboldt den Chimborazo erklomm

Der Chimborazo in Ecuador galt als höchster Berg der Erde, als sich der preußische Naturforscher Alexander von Humboldt an die Besteigung des Sechstausenders wagte. Am 23. Juni 1802 kam er dem Gipfel so nah wie vermutlich niemand zuvor.

Von Peter B. Schumann | 23.06.2022

Das Gemälde zeigt Alexander von Humboldt, Naturforscher und Geograph mit dem französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland im Tal von Tapia am Fuß des Vulkans Chimborazo. Aus dem Jahr 1810, gemalt von Friedrich Georg Weitsch (1758–1828). Öl auf Leinwand.
Forscher Alexander von Humboldt mit dem französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland am Fuß des Chimborazo, Gemälde aus dem Jahr 1810 (imago / akg-images)
Eigentlich wollte der junge Alexander von Humboldt um das Jahr 1800 die heiligen Stätten des Islams erforschen. Als diese Reise nicht zustande kam, brach er ans andere Ende der Welt, nach Amerika, auf und nahm den französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland mit. Er hatte von einem Berg in Ecuador gehört, der damals als der höchste der Erde galt: dem Chimborazo. Bergsteigen war zu jener Zeit nahezu unbekannt.
Doch für den Naturwissenschaftler und „preußischen Bergrat“ gab es keine Grenzen. Auf den Gipfeln der Alpen hatte er bereits Erfahrungen gesammelt und auch die sogenannte Straße der Vulkane in den Anden erkundet. Der Chimborazo aber faszinierte ihn ganz besonders – wie der Humboldt-Forscher Tobias Kraft erläutert.

Ein ungemein gewagtes Projekt

„Ein Ziel dieser Expedition war eine möglichst präzise geodätische Erfassung der eigentlichen Höhe dieses unglaublichen Berges. Ich glaube, ein zweiter Grund lag in der Physiognomie – wie Humboldt das gesagt hätte – des Chimborazo: der Schönheit dieses Berges und der Besonderheit dieser Landschaft, die Humboldt nicht nur aus dem Tal erfahren, sondern auch besteigen wollte.“
Und natürlich bis auf die Spitze, was noch niemand versucht hatte. Dabei wurde sein Ehrgeiz von einem weiteren Ziel angetrieben. Er wollte nachweisen, dass die Erdoberfläche und die Gebirge durch die gewaltige Feuerkraft von Vulkanen gebildet worden waren und nicht als Folge von immensen Sintfluten.
Es war ein ungemein gewagtes Unternehmen, das Rainer Simon in seinem DEFA-Spielfilm „Die Besteigung des Chimborazo“ hautnah nachgestaltet hat. Am Anfang wurde die Expedition von der einheimischen Bevölkerung geradezu gefeiert, denn der Ruhm war Humboldt vorausgeeilt. Außerdem brauchte er zahlreiche Träger, um die Vielzahl teilweise schwerer Messgeräte zu transportieren. Das war auf dem Weg, den er gewählt hatte, sehr strapaziös, so Tobias Kraft:
„Das Problem war, dass die Route auf einen sehr, sehr schmalen Grat führte, der selber kaum zu besteigen war und sehr gefährlich, links und rechts ging es steil bergab. Und man dann zu einem Punkt kam, einer Spalte, die unüberwindbar war, in der dieser Grat also unterbrochen wird und in etwa 100, 150 Meter Entfernung weitergeht. An der Spalte muss die Expedition abbrechen.“ Die Handvoll notdürftig ausgerüsteter Forscher, die es bis hierher geschafft hatte, war sowieso am Ende ihrer Kräfte – wie es Humboldt in seinem Tagebuch beschreibt.
„Auch das Atmen wurde stark beeinträchtigt, und noch unangenehmer war, dass alle Übelkeit, einen Drang sich zu erbrechen, verspürten. Außerdem bluteten uns das Zahnfleisch und die Lippen. Das Weiße unserer Augen war blutunterlaufen. Wir fühlten alle eine Schwäche im Kopf, einen ständigen Schwindel, der in der Situation, in der wir uns befanden, sehr gefährlich war. Alle diese Symptome von Asthenie rühren ohne Zweifel von dem Sauerstoffmangel her, dem das Blut ausgesetzt ist.“

Reinhold Messner: "Der ist nur 5.600 Meter hoch gekommen.“

Dennoch ließ er noch einmal die Messgeräte auspacken. Er wollte den genauen Siedepunkt des Wassers in dieser Höhe ermitteln. Dabei sei nicht ganz klar, so Tobias Kraft, wie weit Humboldt tatsächlich gekommen ist:
“Er selbst spricht von 5.900 Metern Höhe, an der diese Spalte lag“ - doch habe Reinhold Messner bei seinem Versuch, Humboldts Weg nachzuvollziehen, dessen Angaben korrigiert und gesagt, „das kann eigentlich nicht sein, der ist nur 5.600 Meter hoch gekommen.“
Wie dem auch sei: Humboldt und seine drei Begleiter waren die ersten, denen das am
23. Juni 1802 gelungen ist. Er selbst hielt detailliert die Pflanzenarten fest, die in den verschiedenen Klimabereichen wuchsen, die sie durchstiegen, und trug später mit seinem berühmten „Naturgemälde“ vom Chimborazo wesentlich zum Verständnis von den Vegetationszonen der Erde bei. Und nicht nur dies.

Humboldts Daten bedeutsam zur Erforschung des Klimawandels

Noch einmal Tobias Kraft: „Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre in der Klimafolgenforschung haben gezeigt, dass die historischen Daten, die man bei Alexander von Humboldt finden kann, tatsächlich als Datensätze auch noch von Bedeutung sind und eben nicht nur ein historisches Interesse wecken, wenn man sich für Wissenschaftsgeschichte, für Geografie oder für Kulturgeschichte interessiert, sondern Humboldts Forschungsdaten eine Rolle spielen für eine Erforschung des Klimawandels der letzten zweihundert Jahre.“