Vor 800 Jahren geborenAlfons der Weise – Förderer von Wissen und Kultur

Für politische Geschäfte hatte Alfons der Weise, König von Kastilien und Léon, kein sehr glückliches Händchen. Er interessierte sich umso mehr für Wissen und Kultur und förderte ein friedliches Miteinander der Religionen in seinem Reich. Auch das „kastilische Spanisch“ lag dem Herrscher am Herzen.

Von Julia Macher | 23.11.2021

Auf echtem Pergament gedruckt sind Seiten einer Faksimile-Ausgabe des "Buch der Spiele" des spanischen Königs Alfons X. des Weisen, die ein Aussteller am Mittwoch (06.10.2010) auf der Buchmesse in Frankfurt am Main zeigt.
Der spanische König Alfons X. der Weise gab auch das "Buch der Spiele" in Auftrag. Es gilt als wichtige Quelle zur Kulturgeschichte der Spiele. (picture alliance / dpa | Boris Roessler)
Die Sterne, die am 23. November 1221 zur Geburtsstunde Alfons des Weisen über Toledo standen, haben Großes verheißen: Davon ist der Herrscher zeitlebens überzeugt. Der Sprössling von Ferdinand dem Dritten und Beatrix von Schwaben fühlt sich schon als Kind auf der Seite der Sieger und Gewinner.
Mit Kastilien und León fallen ihm als Erbe wichtige Reiche der Iberischen Halbinsel zu. Das muslimische Al Andalus im Süden hat seine Blütezeit überschritten: Gemeinsam mit seinem Vater erobert er Córdoba, Murcia und Sevilla; Jérez und Cádiz folgen.

Kein geschickter Politiker

Dabei macht Alfons als Politiker keine gute Figur. Um seine letztlich gescheiterte Kandidatur als römischer Kaiser zu finanzieren, entwertet er die Münzprägung, ruiniert den Handel durch willkürlich gesetzte Tarife. Der Adel rebelliert und als Alfons schließlich seinen eigenen Sohn in der Erbfolge übergeht und sein Reich teilen will, wird er entthront. Etwas spöttisch kommentiert Juan de Mariana 1601 in seiner „Universalgeschichte Spaniens“:
„Don Alfonso, König von Kastilien, war ein erfindungsreicher Geist, von Demut aber hielt er wenig. Mit seinem Hochmut und seiner ungezügelten Zunge eignete er sich mehr für die Geisteswissenschaften und die schönen Künste als für das Regierungshandwerk. Er betrachtete den Himmel und die Sterne und verlor darüber sein Reich.“

Alfons setzt auf Wissen

Tatsächlich wird das Urteil des Jesuiten dem Herrscher nicht gerecht. Denn in der Kulturgeschichte soll das Vermächtnis von Alfons dem Weisen noch Jahrhunderte lang Bestand haben.
Als er 1252 den Thron besteigt, schart Alfons X. jüdische, christliche und muslimische Gelehrte um sich, die astronomische und astrologische Bücher aus dem Arabischen und Hebräischen übersetzen. Sie vermessen in der ersten Sternwarte der christlichen Welt den Lauf der Planeten. Mit den daraus erarbeiteten Alfonsinischen Tafeln wird in Europa noch bis ins 16. Jahrhundert die Position von Sonne, Mond und Planeten und die Länge des Jahres bestimmt.
König Alfons und der Lauf der Planeten
Der Herrscher ist überzeugt: „Noble“, „edelmütig“ wird der Mensch nur durch Weisheit und Wissen. Im Prolog des „Libro de las Cruzes“ lässt er über sich selbst schreiben:
„Unser Herr Alfons las, dass es zwei Dinge in der Welt gibt, die, wenn sie verborgen bleiben, wertlos sind. Das eine ist das Wissen, das nicht vorgezeigt wird; das andere die Schätze, die unter der Erde liegen. Ähnlich wie König Salomon bedauert auch Alfons, dass den romanischen Völkern die Wissenschaften verloren gingen.“ 
Doch Wissen fördern, Wissen weitergeben ist keine leichte Aufgabe in seinem riesigen, unübersichtlichen Herrschaftsgebiet. Die Eroberungsfeldzüge im Süden schlagen viele maurische Gelehrte in die Flucht. Alfons X. erarbeitet ein gigantisches Gesetzbuch, das – inspiriert vom römischen Recht – die Lebensbedingungen vereinheitlichen und ein streng geregeltes Nebeneinander der Religionen ermöglichen soll.
„Die Mauren sollen so unter Christen leben, wie es auch die Juden tun: Sie sollen ihre Gesetze behalten und dürfen unsere nicht missachten.“

Gesetzbuch in Volkssprache – ein Novum

Das Gesetzeswerk „Siete Partidas“ erscheint nicht auf Latein, sondern auf „kastilischem Spanisch“, der meistgesprochenen Sprache in seinem Reich. Ein Novum in der Welt des Hochmittelalters, sagt Sebastian Roepert von der Universität Leipzig.
„Hier müssen wir an die Siete Partidas denken, die zwar nicht unter Alfons selbst in Kraft traten, sondern erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Aber nichtsdestotrotz ist es bemerkenswert, dass in einem Moment, in dem das Lateinische nach wie vor die dominierende Sprache der Juristen ist, hier ein systematisches und vereinheitlichendes Gesetzbuch entworfen wird, und dass dieses eben in der Volkssprache geschieht.“   
Arabische Armee auf dem Marsch (13. Jh.)
Eine Abbildung aus der Sammlung Cántigas de Santa Maria (picture alliance / akg / Bildarchiv Steffens)
Indem Alfons X. Spanisch zur Kabinettssprache macht, ebnet er der späteren Weltsprache den Weg. Die Sammlung und Notierung der über 400 „Cántigas de Santa Maria“, der „Lieder der heiligen Maria“ nimmt einen Großteil seiner Amtszeit ein. Einige sollen aus König Alfons Feder stammen.
Am 4. April 1284 stirbt Alfons der Weise in Sevilla. Noch heute steht der Name des Königs, der sich so viel von den Sternen versprach, im Firmament: Auf dem Mond ist ein Krater nach ihm benannt.