
Algen sind längst kein Nischenprodukt mehr: Ob in Zahnpasta, Cremes, Pudding oder Tierfutter - Algen stecken mittlerweile in vielen alltäglichen Dingen. In Asien werden jährlich große Mengen gezüchtet, allein China kommt auf 22 Millionen Tonnen, Indonesien auf neun Millionen. Europa hinkt in der Produktion von Algen hinterher. Dabei könnten Algen ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Wirtschaft von morgen werden.
Natürlicher CO2-Speicher im Meer
Algen sind zunächst einmal Pflanzen, die Fotosynthese betreiben, um zu wachsen. Dazu benötigen sie Kohlenstoffdioxid, also CO2, Sonnenlicht und Wasser. Sie speichern das CO2 und setzen Sauerstoff frei.
Da Algen alle Nährstoffe, die sie benötigen, im Wasser vorfinden, müssen sie nicht gedüngt werden. Werden sie beispielsweise in der Fischzucht eingesetzt, reinigen sie das Wasser auf natürliche Art. Je nach Sorte wachsen Algen sehr schnell. Die Braunalge erreicht in wenigen Monaten eine Länge von mehreren Metern.
Algen in Lebensmitteln und als Energieträger
Schon heute werden Algen in der Lebensmittelindustrie verarbeitet. Sie dienen als Thunfischersatz, werden Tierfutter beigemischt und bilden den Rohstoff für Karrageen. Dieser Zusatzstoff wird in der Lebensmittelproduktion als Verdickungsmittel eingesetzt und ist in Soßen oder Speiseeis enthalten.
Außerdem können Garn und biologisch abbaubares Plastik aus Algen hergestellt werden. Bislang geschieht dies aber nicht im großen Stil. Der Meeresbiologe David Aldridge vom norwegischen Forschungsinstitut SINTEF meint, dass Algen in Zukunft auch zu Biokraftstoffen verarbeitet werden könnten. Dafür müssten in Europa aber sehr viel mehr Algen produziert werden.
In Europa gilt Norwegen als Pionier in der Algenzucht. Doch auch die übrigen Länder sind gefordert. Die EU-Kommission hat im Jahr 2022 eine eigene Algenstrategie verabschiedet mit dem Ziel, einen nachhaltigen europäischen Algensektor aufzubauen. Erreichen will sie das unter anderem mit gemeinsamen Qualitätsstandards und schnelleren Genehmigungsverfahren für Algenfarmen in EU-Ländern.
Algenzucht: Europa steht erst am Anfang
Zurzeit werden in Europa, vor allem in Norwegen, Frankreich und Irland, rund 290.000 Tonnen Algen produziert. Damit erreicht Europa anteilig nicht mal ein Prozent der weltweiten Produktion. Erst seit rund 15 Jahren werden Algen in Europa – vor allem in Norwegen - kultiviert. Bei der dortigen Leinenzucht werden Seile mit winzigen Algen ins Meerwasser gelassen und nach mehreren Monaten wieder herausgezogen. Entwickelt wurde die Methode in den 1960er-Jahren mit Rotalgen auf den Philippinen.
Was zunächst einfach klingt, erfordert viel Fachwissen. "Sobald sich die Algen entwickelt haben und sie an einem Seil im Wasser hängen, wachsen sie auf jeden Fall. Aber die Qualität der Samen zu kontrollieren und die nötige Menge zu bestimmen, dafür braucht es Zeit und Wissen", erklärt Ana Borrero. Sie leitet die Forschungsabteilung des norwegischen Unternehmens Seaweed Solutions, das sich auf die Kultivierung von Algen spezialisiert hat.
Klimawandel bedroht Algen
Nicht alle Algenarten kommen mit dem Klimawandel gut zurecht. Die Ice-Ice-Krankheit, die sich dadurch bemerkbar macht, dass Algen ausbleichen, wird begünstigt durch steigende Meerestemperaturen. Sind Algen befallen, muss oft die gesamte Ernte vernichtet werden.
Die größte Herausforderung beim Anbau von Algen sei also der Anstieg der Wassertemperatur infolge des Klimawandels, sagt der Meeresbiologe Danilo Largo von der University of San Carlos auf den Philippinen. Deswegen sei es höchste Zeit, in den Ozeanen nach robusteren Algen, Stämmen und Arten zu suchen. Denn wilde Algenarten sind resistenter im Vergleich zu gezüchteten Arten.
Noch ist offen, welche Rolle Algen als Rohstoff für Nahrung, Kosmetika oder Kraftstoffe in Zukunft spielen werden. Und ob es gelingt, klimaschädliche Landwirtschaft und Massentierhaltung einzudämmen, wenn sich Algen als Alternative etablieren. "Es wäre etwas vereinfacht zu behaupten, dass sie alle unsere Probleme lösen könnten", sagt der Meeresbiologe David Aldridge. "Aber sie sind eine umweltfreundliche Ressource. Und auf einem Planeten, der durch Landnutzung zunehmend unter Druck steht, ist die nachhaltige Nutzung der Ozeane sehr wichtig."
Radiobeiträge und Recherche: Jana Sinram, Katrin Materna, Online-Text: Kristina Reymann-Schneider














